Arbeiten bis zur Rente? Nein, Hartz IV!

Von: Tobias Röber
Letzte Aktualisierung:
4631512.jpg
Tristesse: Der Betriebsratsvorsitzende Peter Heidbüchel (rechts) und sein Stellvertreter Marc Federau am Werk, das viele Mitarbeiter gestern zum letzten Mal verließen. Foto: T. Röber
4630041.jpg
126 Jahre und jetzt ist Schluss. Dieses Kreuz haben Mitarbeiter an der Einfahrt zum Werk aufgestellt.

Eschweiler-Ost. Die gedrückte Stimmung war im und rund um den Betrieb deutlich zu spüren. Mitarbeiter standen vor den Werkstoren, redeten oder schwiegen einfach nur. Hängende Köpfe waren ebenso zu sehen wie Blicke zurück zu den Produktionshallen. Für viele Mitarbeiter waren es Donnerstag die letzten. Gestern war Inventur. Nach 126 Jahren ist nun Schluss im Kabelwerk an der Dürener Straße.

Ein paar der 160 Mitarbeiter sind auch heute noch vor Ort. EDV-Sachen müssen noch erledigt werden, ein paar Pumpen müssen noch laufen, Rohstoffe und Betriebsmittel werden verladen, Unterlagen archiviert. Der Sicherheitsdienst ist noch da, ebenso der Betriebsrat, der noch einiges zu tun hat. So wie gestern, als es plötzlich Unstimmigkeiten bei Verträgen gab.

Es habe geheißen, dass die rentennahen Jahrgänge ohne Abfindung gehen sollen, erklärt der Betriebsratsvorsitzende Peter Heidbüchel. Der Betriebsrat schaltete sich ein. Auch Gewerkschaftssekretär Georg Moik war im Werk. Anwälte klären die Sache jetzt. Alle Beschäftigten haben die Möglichkeit, für ein Jahr in die Transfergesellschaft low-tec zu wechseln.

Wut und Enttäuschung über die Schließung sitzen tief. Noch im Juni sei bei einer Sitzung des Gesamtbetriebsrates auf Nachfrage versichert worden, dass kein Werk geschlossen werden solle, sagt Heinz Hohnhorst vom Betriebsrat. Am 17. September wurde das Aus verkündet. Unserer Redaktion liegt ein Schreiben vor, datiert auf den 17. Juli, also zwei Monate vor Werksschließung.

Die Überschrift unter diesem Schreiben, das „nur zum internen Gebrauch“ gedacht ist: „Projekt zur Schließung Eschweiler“. Auf mehreren Seiten werden dort häufig gestellte Fragen beantwortet. Etwa diese: „Welches sind die Gründe für die beabsichtigte Schließung des Werkes Eschweiler?“

Die Antwort in dem Schreiben: „Die Maßnahme ist notwendig geworden, da sich die Beschäftigungssituation am Standort im Jahresverlauf weiter dramatisch verschlechtert hat, so dass sich das Unternehmen gezwungen sieht, die Kapazität für Spezialkabel in Deutschland der gesunkenen Marktnachfrage anzupassen. Der Markt ist auch nachhaltig und dauerhaft so, dass nur niedrige Volumen angefragt werden. Daher ist es rational und zwingend, ein Werk, und zwar das erheblich kleinere und produktionstechnisch schlechter ausgestattete, zu schließen.“

Wenn der Betriebsratsvorsitzende über sein persönliches Schicksal spricht, senkt er den Kopf. „Ich wollte hier das Rentenalter erreichen“, sagt er. Peter Heidbüchel wird im kommenden Jahr 60 Jahre alt. „Ich lande in Hartz IV. Ich stehe im Niemandsland“, sagt er und fährt fort: „Von der emotionalen Seite kann man das alles hier kaum beschreiben. Wir sind belogen worden. Für mich ist es nicht nachvollziehbar, wie man so mit Menschen umgehen kann.“ Er blickt dabei auf einen Ausdruck aus der Mitarbeiterzeitschrift. Darin steht: „Die Mitarbeiter sind das Herz von Prysmian.“

Seit dem 1. November gab es eine „Durchhalteprämie“ von vier Euro pro Stunde für die Mitarbeiter. Auch in den kommenden Wochen werden noch Mitarbeiter gesucht, um die letzten Arbeiten zu erledigen. 50 Euro soll es pro gefahrene Schicht geben. Ob sich Mitarbeiter finden lassen, weiß Heidbüchel nicht.

Diese letzten Arbeiten sollen spätestens Ende März beendet sein. Wie ausgestorben wirkt das Werk an der Dürener Straße schon jetzt.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert