An der Inde ein neues Zuhause gefunden

Von: Andreas Gabbert
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Eine Stadt, viele Gesichter: O
Eine Stadt, viele Gesichter: Ob Folklore- oder Sportfest - in Eschweiler leben über 100 verschiedene Nationen friedlich miteinander. Integrationsarbeit wird seit Jahren groß geschrieben und die kulturelle Vielfalt immer wieder gefördert. Foto: Jana Röhseler

Eschweiler. An ihren ersten Schultag und an ihr erstes Weihnachtsfest kann sich Nora Hamidi noch ganz genau erinnern. Die gebürtige Marokkanerin war damals sieben Jahre alt und sprach nur Arabisch.

Keiner ihrer Mitschüler der 1. Klasse der Karl Schule verstand sie, außerdem sahen sie anders aus als ihre Spielkameraden im marokkanischen Kindergarten. Menschen mit blonden Haaren hatte Nora Hamidi vorher noch nie gesehen. „Die anderen Kinder wirkten auf mich ein wenig wie Außerirdische”, sagt die heute 31-Jährige.

Als es damals zur ersten Pause klingelte und alle rausrannten, dachte sie, es sei etwas passiert und fing fürchterlich an zu weinen. Niemand verstand, was mit ihr los war, so dass sie schließlich von ihren Eltern abgeholt wurde. Danach wollte sie nicht mehr zur Schule gehen, doch schon am nächsten Tag klappte alles besser. „Schritt für Schritt habe ich dann die Abläufe kennen gelernt”, erzählt Hamidi. Sie war neugierig auf die „Außerirdischen”, fragte sich im Stillen, ob diese sie akzeptieren würden und suchte den Kontakt. Das Mädchen fand schnell viele neue Freunde.

Gerne erinnert sie sich an die vielen Menschen, die sie hier in Eschweiler herzlich empfangen und unterstützt haben. Zum Beispiel an ihre ehemalige Nachbarin aus der Burgstraße, mit der sie ihr erstes Weihnachtsfest gefeiert hat. Am Heiligabend stand die Siebenjährige in der Nachbarschaft vor einem Fenster und beobachtete fasziniert das Treiben in der guten Stube. „Warum haben die so einen schön geschmückten Baum im Wohnzimmer stehen und wir nicht?”, fragte sie sich. Die Lichter, die Geschenke und die Plätzchen, alles was sie sah, „fühlte sich sehr warm an”, und sie wünschte sich, dabei zu sein. Sie berichtete ihrer Nachbarin davon und fragte nach einer Erklärung. „Das ist Weihnachten”, sagte diese und lud die kleine Nora für den nächsten Tag zu sich nach Hause ein. Dort gab es dann eine kleine Bescherung und das allererste Weihnachtsgeschenk - ein Federmäppchen gefüllt mit vielen bunten Stiften. Daran kann sich Nora Hamidi noch ganz genau erinnern.

Ein Jahr später wurde die ganze Familie mit einbezogen. Mit der Nachbarin wurde das Fest geplant, die Mutter backte Kekse und die ältere Schwester verkleidete sich als Nikolaus.

An ihr früheres Leben in Marokko kann sie sich nicht mehr richtig erinnern. „Heute ist Eschweiler meine Heimat, schließlich bin ich hier aufgewachsen”, sagt Hamidi, die inzwischen als radiologische Assistentin im St.-Antonius-Hospital arbeitet. Dennoch fühlt sie sich durch ihre Familie eher an die Kultur ihres Heimatlandes gebunden. Sie schätzt und akzeptiert die Besonderheiten beider Kulturen. Ihre deutschen Freunde laden sie zu den christlichen Festen ein, und sie lässt sie an ihrer Kultur teilhaben und lädt sie zu muslimischen Feiertagen wie dem Zuckerfest ein.

Ilker Zaman, der Vorsitzende des Eschweiler Integrationrates, war bereits 27 Jahre alt, als er von der Türkei nach Deutschland kam. „Das war sehr schwierig, ich konnte kein Wort Deutsch und fühlte mich sehr einsam hier.” Einem großen Zufall ist es zu verdanken, dass er nicht gleich wieder die Koffer gepackt hat. Auf einem Fest traf er auf einen ehemaligen Schulfreund, der ihn zum Bleiben überreden konnte. Sein Weg führte den studierten Sportpädagogen über die Goethe-Institute verschiedener Städte an die Sporthochschule in Köln und schließlich nach Eschweiler, wo er eine Stelle als Lehrer antrat. Er unterrichte u.a. an der Grundschule in Bergrath und der Hauptschule Weisweiler.

Als Volleyballspieler in der höchsten türkischen Liga und der Nationalmannschaft war er schon viel in der Welt herumgekommen. „Ich hatte keine Schwierigkeiten, mich zu integrieren”, sagt Zaman. Dabei bedeutet Integration für ihn aber nicht, alles wie die Deutschen zu machen. Man müsse seine eigene Identität behalten und sich gleichzeitig den Gegebenheiten anpassen, erklärt Zaman. „Meine Landsleute sind zur Integration bereit, aber es fällt ihnen schwer, den ersten Schritt zu machen. Sie sind ängstlich, wenn sie sich nicht verständigen können und vermeiden deshalb manche Situation”, sagt Zaman. Man müsse die Menschen deshalb ein wenig an die Hand nehmen und ihnen so die Angst nehmen. „Dann freuen sie sich.”

Auch für Zaman waren, als er in den 80er Jahren nach Eschweiler kam, einige Dinge neu und unbekannt. Neugierig und mit gemischten Gefühlen beobachtete er damals das Karnevalstreiben. Vor dem Hintergrund, dass viele Menschen in der Welt hungern, fand er es befremdlich, dass so viel Geld quasi in die Luft geblasen wird. „Das heißt nicht, dass ich dagegen bin. Kultur und Traditionen müssen gelebt werden”, findet Zaman.

Weihnachten ist für ihn ein wunderbares Fest, weil dann die ganze Familie zusammenkommt, um miteinander zu feiern. „Vor 20 bis 30 Jahren habe ich die Tannenbäume und den Weihnachtsschmuck noch skeptisch gesehen, weil es nichts mit der religiösen Bedeutung des Festes zu tun hat. Heute sehe ich das anders”, sagt der Integrationsrat-Vorsitzende. Heute stellt er selbst einen Tannenbaum auf, die Freude der Menschen steht für ihn im Mittelpunkt.

Der 65-Jährige fühlt sich wohl in der Indestadt. In Eschweiler sei die Beziehung zwischen Zuwanderern und Einheimischen besser als in den meisten anderen Städten. „Wir fühlen uns von den Bürgern und den Politikern hier willkommen. Wir finden für unsere Belange eigentlich immer ein offenes Ohr”, lobt Zaman.

Als Vorsitzender des Integrationrates hat er einen großen Wunsch: „Ich wünsche mir, dass alle in Eschweiler lebenden Nationen, Hemmungen und Ängste abbauen, miteinander in Kontakt kommen, miteinander reden und sich austauschen. So werden Vorurteile abgebaut und die Integration vorangetrieben.”

Am Montag ist der Welttag der kulturellen Vielfalt

Der Welttag der kulturellen Vielfalt für Dialog und Entwicklung (auch kurz Welttag für kulturelle Entwicklung) ist ein Aktionstag der UNESCO, der jährlich am 21. Mai begangen wird. Im November 2001 wurde von der 31. Generalversammlung der UNESCO die Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt verabschiedet.

Darin heißt es: „Kulturelle Vielfalt spiegelt sich wider in der Einzigartigkeit und Vielfalt der Identitäten, die die Gruppen und Gesellschaften kennzeichnen, aus denen die Menschheit besteht. Als Quelle des Austauschs, der Erneuerung und der Kreativität ist kulturelle Vielfalt für die Menschheit ebenso wichtig wie die biologische Vielfalt für die Natur. Aus dieser Sicht stellt sie das gemeinsame Erbe der Menschheit dar und sollte zum Nutzen gegenwärtiger und künftiger Generationen anerkannt und bekräftigt werden.”

Anlässlich dieser Erklärung wurde auch der Welttag für kulturelle Entwicklung ins Leben gerufen, der Bewusstsein für kulturelle Vielfalt schaffen und den Beitrag von Künstlern zum Dialog der Kulturen betonen soll.
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