Eschweiler - Amt schließt den Schlachthof erneut

Amt schließt den Schlachthof erneut

Von: Rudolf Müller
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Ein halbes Dutzend Rinderviertel statt der üblichen vollen Kühlräume: Mehr hat der Eschweiler Schlachthof derzeit nicht zu bieten. Frank Zimmermann (rechts) und Klaus Philippi sind entsetzt über die für sie unverständliche Schließung. Foto: Rudolf Müller
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Schwein gehabt? Nicht nur Borstenvieh darf zurzeit in Eschweiler nicht geschlachtet werden und muss nun zu anderen Schlachthöfen transportiert werden. Foto: stock/Rüdiger Wölk

Eschweiler. Klaus Philippi versteht die Welt nicht mehr. Der Metzgermeister und Fleischhändler, der wie ein halbes Dutzend seiner Kollegen bisher vom Eschweiler Schlachthof aus die Region mit Frischfleisch – in seinem Fall sogar mit Bio-zertifiziertem Fleisch – versorgte, muss sehen, wo er sein Fleisch herbekommt.

 Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen hat mit Vollzugsdatum am Freitag die Schließung des Eschweiler Schlachthofs angeordnet. Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr. Betroffen ist diesmal allerdings nicht nur die Rinderschlachtung, sondern auch die Schweineschlachtung. Damit liegt der genossenschaftlich geführte Schlachthof, der letzte überhaupt in der Aachener Region, komplett still. An die 15 Mitarbeiter müssen sehen, wo sie bleiben.

Anfang des Jahres waren es technische Dinge, die das Amt veranlasst hatten, die Rinderschlachtung zu stoppen. Die Tötebox entspreche nicht den neuesten Vorschriften. Sie wurde sofort nachgebessert. „Danach hieß es, unser Schussapparat sei nicht auf dem neuesten Stand“, sagt Genossenschaftssprecher Klaus Philippi. „Wir haben sofort einen neuen bestellt, der schon beim nächsten Schlachttermin im Einsatz war. „Egal, was zu Recht oder auch überflüssigerweise gegen uns vorgebracht wurde – wir haben immer sofort reagiert und alle Auflagen immer sofort erfüllt.“

Umso unverständlicher ist Philippi und seinem Aufsichtsratsvorsitzenden Frank Zimmermann der Vorwurf, der jetzt zur Schließung führte: Das Landesamt hegt Zweifel am tierschutzgerechten Umgang der Schlachthofmitarbeiter mit den Tieren, so Philippi. Dabei handele es sich um Mitarbeiter, die zum Teil einen Meisterbrief besitzen, fachlich geschult und schon Jahrzehnte in der Branche tätig seien.

Wie es zum dem Vorwurf kam? Philippi berichtet: Vor Wochen sei man darauf hingewiesen worden, dass eine neue Tierschutzverordnung vorsehe, Schweine künftig mit Stromstößen von lediglich 100 statt der früher üblichen bis zu 350 Hertz zu betäuben. Die Firma Fuhrmann aus Neckargemünd, bundesweit größter Lieferant von Betäubungsboxen und auch im Eschweiler Schlachthof vertreten, habe die Genossenschaft gewarnt: Die Hertz-Zahl reiche nicht aus und führe zu Schäden am Tier. „Wir haben die Box dennoch auf die Vorgaben des Landesamts programmiert“, berichtet Philippi. „Das Ergebnis: blutiges Fleisch und gebrochene Kotelettstücke – Ware, die keiner haben will.“ Und nicht nur das: Einzelne so unzureichend betäubte Tiere, die dann zum Ausbluten aufgehängt werden, zeigten auf Videos des Städteregions-Veterinäramtes Nervenreaktionen wie ein Zucken der Augenlider. Das, so Frank Zimmermann, sei für das Landesamt Beweis gewesen, dass die Tiere a) unzureichend betäubt gewesen und b) von den Schlachthof-Mitarbeitern nicht sofort nachbetäubt worden seien. Zimmermann: „Dabei haben wir uns doch nur genau an die Vorgaben des Amtes gehalten!“ Seitens des Veterinäramtes seien auch Vorwürfe laut geworden, Schlachthof-Mitarbeiter hätten Rinder, die nicht freiwillig in die Tötebox gingen, mit bis zu 200 Schlägen mit so genannten Viehtreibern dazu gezwungen. Zimmermann: „Jeder Experte bestätigt, dass kein Rind freiwillig in eine Box geht, wenn da drin drei Mann mit Kameras auf das Tier warten.“ „200 Schläge mit diesen im übrigen tierschutzgerechten und geprüften Elektroschockern – das ist Unsinn! Ich lebe davon, dass ich erstklassiges Fleisch verkaufe. Und das gibt es nicht von Tieren, die so unter Stress gesetzt würden“, ergänzt Philippi.

Was er seinen Tieren jetzt zumuten muss, ist in seinen Augen belastender als alles, was die Tiere de facto im Eschweiler Schlachthof erwartet: Sie müssen bei brütender Hitze im Lkw nach Viersen gebracht werden. Das ist der nächstliegende biozertifizierte Schlachthof. Andere Fleischhändler fahren nach Köln oder noch weiter. „Neben dem Stress für die Tiere bedeutet das enorme Kosten für uns Händler“, sagt Philippi. Und es bedeutet Arbeitslosigkeit für die Verwaltungsmitarbeiter des Eschweiler Schlachthofs. „Keine Schlachtungen, kein Verwaltungsaufwand. Wir mussten die Leute nach Hause schicken“, sagt Frank Zimmermann.

Rund 250 Schweine und 50 Rinder wurden bislang Woche für Woche in dem Betrieb an der Dürener Straße geschlachtet. Jetzt hängen nur noch einige wenige Rinderviertel in den leeren Kühlräumen.

„Es gibt eine Menge Experten, die ebenso wenig wir wie verstehen, was hier vor sich geht“, sagt Klaus Philippi. Experten von Fach-Firmen und Instituten, mit denen die Schlachthof-Genossenschaft für teures Geld eng zusammenarbeitet, seit vor etwa einem Jahr die verschärften Kontrollen des Veterinäramtes gegen den Schlachthof begannen, der sich bis dahin stets selbst als Vorzeigebetrieb gesehen hatte. Und der auch jetzt auf die für sie unverständlichen Vorwürfe des Amtes sofort reagiert hat: Schon für den kommenden Dienstagmorgen ist eine Tierschutz-Schulung der Mitarbeiter mit Professor Dr. Hartung von der Tierärztlichen Fachhochschule Hannover angesetzt. Zeitgleich wollen die Genossenschaftler versuchen, mit einer Einstweiligen Verfügung die Stilllegungsanordnung aufzuheben.

Eine Stellungnahme von Städteregion und Landesamt steht noch aus.

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