Eschweiler - Als Rentner die Füße hochlegen? Auf keinen Fall!

Als Rentner die Füße hochlegen? Auf keinen Fall!

Von: Tobias Röber
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Dieter Kegel bei der Arbeit: Im kommenden Monat geht der 65-Jährige in Rente. Foto: Tobias Röber

Eschweiler. Ende Juli geht Dieter Kegel in den Ruhestand, vor einigen Tagen hat er sein Amt als Vorsitzender des Werkstattrats der Caritas Behindertenwerk GmbH in andere Hände übergeben. Im Interview spricht er über seine Arbeit und sein bewegtes Leben.

Herr Kegel, im kommenden Monat gehen Sie in den Ruhestand. Freuen Sie sich darauf?

Dieter Kegel: Teils, teils. Ich bin es gewohnt, zu arbeiten. Zu Hause sitzen ist nichts für mich. Aber ich werde mir schon eine Beschäftigung suchen.

Haben Sie schon eine Vorstellung, was Sie machen wollen?

Dieter Kegel: Ich werde in einem Seniorenzentrum helfen, die Parkanlage sauber zu halten. Es muss nur noch geklärt werden, an welchen Tagen ich dort arbeite.

Sie stammen aus Neuendorf am Speck (Ortsteil der Hansestadt Stendal in Sachsen-Anhalt). Was hat Sie nach Eschweiler verschlagen?

Dieter Kegel: Meine Eltern sind nach dem Krieg nach Düren gezogen. Wir waren 15 Kinder zu Hause, und ich war der jüngste (lächelt). Ich habe viele Jahre in Düren gearbeitet und bin nach einer längeren Odyssee schließlich zur Caritas gekommen.

Dürfen wir fragen, was geschehen ist?

Dieter Kegel: Ich habe Drahtweber gelernt und anfangs war ich unter anderem in der Produktion der Siebe für die Papierherstellung tätig. 18 Jahre habe ich dort gearbeitet, bis die Firma zugemacht hat. Ich habe keine neue Arbeit gefunden und eine Umschulung zum Schreiner absolviert. Auch dann habe ich keinen Job bekommen. Danach war ich unter anderem im Grünflächenamt in Niederzier und Düren, später bei einer Holzfirma, die ebenfalls pleite ging. Mir wurde immer wieder etwas versprochen, eine Festanstellung habe ich aber nicht mehr bekommen. Ich wurde immer rumgeschoben. Das ging sehr an die Nerven, und ich habe zum Alkohol gegriffen. Dann ist meine Mutter gestorben und ich bin psychisch krank geworden.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass Sie Probleme haben?

Dieter Kegel: Anfangs wollte ich natürlich nicht wahrhaben, dass ich Probleme habe. Ich war nachher bei zehn bis zwölf Flaschen am Tag, und Freunde haben mich darauf angesprochen. Ich habe anfangs immer gedacht, sie wollen mir was. Irgendwann bin ich auf Anraten von Freunden zu meinem Hausarzt gegangen. Ich wollte etwas verschrieben haben, aber er sagte nur, er würde mir nichts verschreiben, sondern mich einweisen.

Wie haben Sie Ihre Probleme in den Griff bekommen?

Dieter Kegel: Ich bin 1998 in die Landesklinik in Düren gekommen, dort war ich zweimal sechs Wochen. Ab 1999 habe ich im Haus Christophorus in Stolberg gewohnt und irgendwann habe ich dann gemerkt, dass ich krank bin.

Ist es Ihnen schwergefallen, sich das einzugestehen?

Dieter Kegel: Ja sehr, aber es ist nicht zu ändern. Die Erkrankung ist nun mal da.

Wer hat Ihnen geholfen?

Dieter Kegel: Ich hatte einige Freunde, die geholfen haben. Erst in solchen Situationen merkt man erst, wer die wahren Freunde sind. Als ich viel ausgegeben habe, hatte ich viele Freunde. Als das nicht mehr war, sind viele der sogenannten Freunde dann auch plötzlich verschwunden.

Und die Familie?

Dieter Kegel: Meine Ehe ist gescheitert, als ich die großen Probleme hatte. Ich habe eine Tochter, die ich regelmäßig sehe, genau wie meine fünf Enkel (lächelt).

Wo wohnen Sie jetzt?

Dieter Kegel: Ich bin vom Haus Christophorus in eine Wohngruppe gezogen und vier Jahre später in eine eigene Wohnung in Eschweiler. Als ich im Haus Christophorus gelebt habe, kam das Angebot, ein Praktikum bei der Caritas zu absolvieren. Das hat mir gut gefallen und so habe ich am 15. Mai 2000 bei der Caritas begonnen.

Sie haben aber nicht nur gearbeitet, sondern als Werkstattrat Verantwortung übernommen. Blicken Sie zufrieden zurück oder anders gefragt: Was haben Sie erreicht?

Dieter Kegel: Im Jahr 2004 bin ich in den Werkstattrat gewählt worden. Ich war Vorsitzender des Werks IV und damit automatisch auch im Gesamtwerkstattrat. Was wir erreicht haben? Ich denke vor allem an die Kürzungen für die Beschäftigten, mit denen wir nicht einverstanden waren. Wir haben protestiert, aber ich muss sagen, dass ich lieber etwas anders herausgeholt hätte. Vor ein paar Jahren sollte uns eine Prämie nicht ausgezahlt werden, aber wir haben als Werkstattrat durchgesetzt, dass wir doch einen Teil davon bekommen haben.

Wie haben Sie das erreicht?

Dieter Kegel: Wir haben den Bischof und den Landschaftsverband angeschrieben und mit dem Verwaltungsrat gesprochen. Wir sind damit durchgekommen. Man kann etwas bewegen, wenn man zusammenhält. Einer allein erreicht nix. Herr Doersch (Michael Doersch, Geschäftsführer der Caritas-Behindertenwerk GmbH, d. Red.) hat mich auch gelobt.

Was hat er gesagt?

Dieter Kegel: Er hat zu mir gesagt: „Du hast dir erst alles angehört und dann Contra gegeben.“

Die Tür zur Caritas ist also nicht zu?

Dieter Kegel: Ich werde auf jeden Fall weiter hier Tischtennis spielen und dem neuen Werkstattrat in den ersten Monaten zur Seite stehen. Ich kenne die Situation schließlich gut, wie es anfangs als Vorsitzender des Werkstattrats ist. Ich habe erst ein Jahr lang zugehört und mir von allem ein Bild gemacht. Aber dann war Schluss mit Zuhören.

Wie sind Sie mit der großen Verantwortung als Werkstattratsvorsitzender umgegangen?

Dieter Kegel: Es ist schon ein großer Druck, wenn man für 1131 Beschäftigte den Kopf hinhalten muss. Als es etwa die Lohnkürzungen gab, sind viele Beschäftigte auch zu mir gekommen. Hier bei der Caritas wurde ich gut aufgefangen.

Haben Sie neben dem Tischtennis weitere Hobbys?

Dieter Kegel: Früher habe ich mal Fußball gespielt, bei Huchem-Stammeln. Aus der Zeit kenne ich übrigens auch Toni Schumacher noch.

Das müssen Sie erklären.

Dieter Kegel: Er spielte in der A-Jugend von Schwarz-Weiß Düren und ich bei Huchem-Stammeln. Toni Schumacher ist mir sogar mal in den Rücken gesprungen (lacht). Ansonsten bin ich noch Fan des 1. FC Köln, ich walke, treffe mich mit Freunden regelmäßig zum Fahnenschwenken, und ich gehe im Karnevalszug in Eschweiler mit.

Was muss sich für Menschen mit Behinderung noch ändern?

Dieter Kegel: Beispielsweise müsste bei manchen Bussen und den Haltestellen nachgebessert werden. Man bräuchte mehr Rampen, damit auch Menschen mit Rollstühlen ein- und aussteigen können.

Es wird immer wieder gefordert, Menschen mit Behinderung eine sozialversicherungspflichtige Arbeit zu verschaffen. Welche Rolle spielt die Werkstatt?

Dieter Kegel: Sie ist ein wichtiger Rückzugsort. Ich selbst war zweimal in Außenarbeitsgruppen. Wenn jemand aber ganz alleine draußen arbeitet, ist es wichtig zu wissen, dass man wieder zurück kann. Die Werkstatt ist auch als Rückzugsort sehr wichtig.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dieter Kegel: Dass ich mit meiner Partnerin, die ich hier bei der Arbeit kennengelernt habe, noch viele schöne Jahre verbringen kann.

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