Als Muslim feiert Ugur Uzungelis im Kostüm den Karneval

Von: Patrick Nowicki und Tobias Röber
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Beispiel einer gelungenen Integration: Ugur Uzengelis sitzt für die SPD im Stadtrat und ist der erste Eschweiler Stadtverordnete mit türkischen Wurzeln. Die Bilder zeigen ihn im Fraktionszimmer der Sozialdemokraten mit SPD-Granden, als Legomann im Karneval, als Teammitglied beim FC Rhenania Eschweiler und als Wahlkämper. Foto: Tobias Röber

Eschweiler. Er ist ein Beispiel für eine gelungene Integration: Ugur Uzungelis. Der 23-Jährige sitzt seit Juni im Eschweiler Stadtrat, als erster Stadtverordneter mit türkischen Wurzeln. Im Interview spricht er über Vorurteile, die Diskussion um den muslimischen Schützenkönig und wie seine Familie reagierte, als er am Rosenmontagszug teilnahm.

Sie sind in Köln geboren und in Eschweiler aufgewachsen. Waren Sie in der Kindheit Vorurteilen ausgesetzt?

Uzungelis: In der Grundschule nicht. In unsere Klasse waren sechs, sieben Nationen und Kulturen vertreten, da waren Unterschiede egal. Außerhalb der Schule kam es auf Sportplätzen schon einmal zu Beleidigungen. Natürlich sind dort Beschimpfungen gewisserweise normal. Aber ich konnte noch nie leiden, wenn man wegen der Religion oder Herkunft beleidigt wird.

Sind Sie denn religiös?

Uzungelis: Ich bin Moslem, aber wir praktizieren den Glauben nicht besonders.

Sind Sie sich eigentlich bewusst, dass Sie der erste Stadtverordnete in Eschweiler mit türkischen Wurzeln sind?

Uzungelis: Man hat mir das gesagt. Es ehrt und freut mich. Aber auf der anderen Seite: Wir sind im Jahr 2014. Warum hat es so lange gedauert, bis ein türkischstämmiger Bürger in den Stadtrat kommt?

Woran, glauben Sie, ist dies denn bisher gescheitert?

Uzungelis: Ich glaube einfach, dass sich viele Menschen nicht für Politik interessieren. Das ist auch in meinem Bekanntenkreis so. Als ich mit 18 Jahren Mitglied der SPD wurde, haben mich viele Bekannte komisch angeschaut. Es war halt schwierig, als Hobby die Politik anzugeben. Inzwischen aber ist das vorbei und die Freunde akzeptieren das selbstverständlich.

Blieben bei Ihnen die Türkischstämmigen unter sich?

Uzungelis: Also mein Freundeskreis ist gemischt. Aber es gab und gibt auch die Cliquen, wo Menschen mit türkischen Wurzeln unter sich bleiben. Ich finde, das soll jeder so leben, wie er es selbst für sich okay findet. Selbstverständlich ist es besser, wenn unterschiedliche Kulturen bereits im Kindesalter zusammenkommen. Das ist schon die halbe Miete.

Sie haben viele Freunde auch über den Fußball gewonnen. In welchen Vereinen waren Sie aktiv?

Uzungelis: Ich bin 1997 zur ESG gekommen. Damals war der Vorsitzende Josef Stiel. Er war später auch mein Politiklehrer, der mich zur SPD gebracht hat. Anschließend war ich noch in Hehlrath, Wenau und Dürwiß aktiv. Seit drei Jahren spiele ich für Rhenania Eschweiler.

Hat die Fremdenfeindlichkeit auf dem Fußballplatz in den vergangenen Jahren zugenommen?

Uzungelis: Das würde ich nicht sagen. Aber der Respekt gegenüber Schiedsrichtern hat abgenommen. Vor allem in den unteren Ligen. Da werden Schiedsrichter manchmal bedroht. Ich glaube aber auch, dass der Respekt gegenüber anderen Menschen allgemein geringer geworden ist. Vielleicht hängt dies auch damit zusammen, dass viele Menschen nur noch vor dem Handy oder dem Computer sitzen. Wir haben uns als Kinder noch den Ball geschnappt und haben uns mit anderen auf dem Sportplatz getroffen.

Kann an dieser Stelle nicht die Politik eingreifen? Im Zusammenhang mit der Freizeitgestaltung ist ja auch G8 (Abitur nach acht Jahren am Gymnasium) in der Kritik.

Uzungelis: Ich glaube nicht, dass G8 oder G9 das Problem ist. Wie soll Politik die Jugendlichen aus ihren Zimmern holen? Dies können nur die Eltern tun.

Zu einer aktuellen Debatte. Als Sie davon erfuhren, dass ein Mann nicht Schützenkönig sein darf, weil er Moslem ist – was haben Sie da empfunden?

Uzungelis: Im ersten Moment war ich geschockt. Der Mann durfte brav seinen Beitrag zahlen, bei Festen mithelfen und als er den Vogel abschießt, war es nicht mehr in Ordnung? Ich kann die Aufregung verstehen. Da wurde jeder Integrationsgedanke mit einem Schlag vernichtet. Es sollte jedem Mitglied überlassen sein, welche Religion es ausübt. Ein Glauben darf keine Voraussetzung für eine Mitgliedschaft sein.

Im Eschweiler Karneval, wo die Religion keine Bedingung ist, sieht man jedoch kaum Moslems. Woran liegt dies?

Uzungelis: Die Unterschiede in den Kulturen sind natürlich groß. Wichtig ist, dass sich beide Seiten aufeinander zu bewegen. Dies kann zum Beispiel bei einem Kulturfestival geschehen. ich selbst habe schon am Karneval aktiv teilgenommen. Manche meiner Freunde haben mir gesagt, wie geil es ist, im Zug einmal mitzugehen. Dann habe ich es ausprobiert. Ich wollte nicht nur am Rand stehen und Kamelle fangen. Deswegen werde ich nun auch in einem Karnevalsverein Mitglied.

Was sagen Ihre Verwandten denn zu den Plänen, am Karneval aktiv teilzunehmen?

Uzungelis: Am Anfang haben sie mich angeschaut und gefragt: Ist das dein Ernst oder machst du nur Spaß? Das war nicht böse gemeint, aber eben ungewöhnlich für sie. Inzwischen ist aber auch das für sie normal.

Wie klappt es mit dem Eischwiele Platt?

Uzungelis: (lacht) Verstehen kann ich schon einiges, aber sprechen kann ich es nicht.

Ein solcher Weg ist aber eher die Seltenheit. Was kann von Seiten der Stadt denn noch gemacht werden, um Integration voranzutreiben?

Uzungelis: Es wird ja schon einiges gemacht. Die Mobile Jugendarbeit macht dort einen guten Job. Bei den Treffen, im „Check In“, kommen junge Leute unterschiedlicher Kulturen zusammen und verstehen sich gut. Es ist genau richtig, bei den jungen Menschen anzusetzen.

Sie sind neu im Stadtrat. Was sind Ihre Pläne?

Uzungelis: Ich muss mich ja zunächst erst einmal zurecht finden. Ich bin stellvertretender Sprecher der Fraktion für den Sportbereich. Ich werde also die Sportvereine im Auge behalten.

Derzeit sind Fusionen in aller Munde – Ihre Haltung dazu?

Uzungelis: Man muss sich genau anschauen, wo Fusionen entstehen könnten. Noch habe ich dazu keine klare Haltung. Man muss das Beispiel Berger Preuß genau beobachten. Bei einer Fusion müssen die Mitglieder beider Vereine damit leben können. Das ist für viele schwer genug. Man muss dann genau hingucken und von Fall zu Fall entscheiden, ob eine Fusion sinnvoll ist oder nicht.

Oft entsteht eine Neiddebatte, wenn es um die Zuschüsse geht. Werden Fußballvereine bevorzugt behandelt?

Uzungelis: Das glaube ich nicht. Ich denke, dass alle Vereine unterstützt werden. Klar ist natürlich, dass der Fußball die Liste anführt. Dies lässt sich an den Mitgliederzahlen festmachen. Aber man sollte als Kommunalpolitiker natürlich nicht nur auf den Fußball schauen.

Fußball beim FC Rhenania Eschweiler ist ja eines Ihrer Hobbys neben der Kommunalpolitik. Was machen Sie sonst gerne in Ihrer Freizeit?

Uzungelis: Ich spiele Basketball, wenn ich Zeit habe. Und ich treffe mich gerne mit Freuden.

Wo Sehen Sie den Politiker Uzengelis in ein Paar Jahren?

Uzungelis: Ich würde schon gerne auch einmal überregional Politik machen. Aber ich möchte erst einmal Erfahrung sammeln und dann schauen, was passiert.

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