Als Familienrichterin braucht man ein dickes Fell

Von: tob
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Auch wenn sie lächelt: Bei Gertrud Wollschläger-Dulle und ihren Kollegen geht es nicht immer lustig zu.

Eschweiler. Es ist sogar schon vorgekommen, dass das Gegenüber von Gertrud Wollschläger-Dulle während des Gesprächs aufgestanden ist und Turnübungen vorgeführt hat. Gut, das ist die Ausnahme, denn in der Regel geht es bei ihr nicht gerade fröhlich zu. Kein Wunder: Gertrud Wollschläger-Dulle ist Richterin am Amtsgericht und unter anderem zuständig für die Familiensachen, etwa für Scheidungen und das Umgangsrecht, also wer wann sein Kind sehen darf.

„Familiensachen sind ein wesentlicher Teil des Amtsgerichts“, betont die Richterin. Sämtliche Familiensachen beginnen direkt beim Amtsgericht, im vorigen Jahr waren es etwa 1800 Verfahren. Wie dort üblich, stellt eine Seite einen Antrag, die Geschäftsstelle legt ein Verfahren an.

In die Zuständigkeit der Familiengerichte fallen: Ehesachen, insbesondere Verfahren auf Scheidung; Verfahren betreffend die elterliche Sorge für ein Kind; Verfahren über die Regelung des Umgangs mit dem Kind; Unterhaltsstreitigkeiten: Kindesunterhalt, Elternunterhalt, Ehegattenunterhalt; Verfahren, die den Versorgungsausgleich betreffen; Verfahren über die Regelung der Rechtsverhältnisse an der Ehewohnung und am Hausrat; Streitigkeiten über Ansprüche aus dem ehelichen Güterrecht, insbesondere Zugewinnausgleich; Abstammungssachen, insbesondere Feststellung oder Anfechtung der Vaterschaft und Verfahren nach dem Gewaltschutzgesetz.

Mit dem Inkrafttreten des Gesetzes über die Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit (FamFG) am 1. September 2009 wurde das Vormundschaftsgericht abgeschafft und dessen Zuständigkeiten auf das Familiengericht übertragen. Man spricht daher wegen der Vergrößerung des Zuständigkeitsbereiches auch vom sogenannten „Großen Familiengericht“. Für die früher den Vormundschaftsgerichten obliegenden Aufgaben in Betreuungssachen wurden Betreuungsgerichte eingerichtet.

Aber zurück zu Gertrud Wollschläger-Dulle und ihren Kolleginnen und Kollegen. Das Familiengericht ist im Nebengebäude des für Eschweiler und Stolberg zuständigen Amtsgerichts an der Peter-Paul-Straße untergebracht. Fünf Richter, die zum Teil auch noch andere Rechtsgebiete bearbeiten, sind mit Familiensachen befasst.

„Man lässt sich schon ein dickes Fell wachsen“, gibt Wollschläger-Dulle zu. Die oben genannten Zuständigkeiten des Gerichts sind nun mal eben häufig nicht angenehm und verlaufen längst nicht immer einvernehmlich. Verletzte Gefühle und Emotionen prägen Trennungen. Wenn ein Noch-Ehepaar vor Gertrud Wollschläger-Dulle sitzt, sind Spannungen meistens zu spüren. „Aber die Leute versuchen, sich hier zusammenzureißen“, erklärt die Richterin. Klar, schließlich will jeder den bestmöglichen Eindruck hinterlassen. Gegenseitige Spitzen sind dennoch an der Tagesordnung. Oder Sätze wie: „Normalerweise ist der nicht so.“ Und nicht selten geht der Streit, der vor den Augen von Gertrud Wollschläger-Dulle nur ein wenig schwelte, draußen auf dem Parkplatz munter weiter.

Zurück zu den Turnübungen. Geht es um das Umgangs- oder Sorgerecht, wird mit den Kindern separat gesprochen, ohne Eltern. Manche Kinder seien sehr verschlossen, anderen merke man an, dass „sie vorher extrem geimpft wurden“. Und einige sind dann sehr auskunftsfreudig und zeigen etwa, was sie für Turnübungen beherrschen. Solche Erlebnisse sind jedoch die Ausnahme. Genau wie das andere Extrem. „Wir hatten hier auch schon Nervenzusammenbrüche, so dass ein Krankenwagen kommen musste“, erzählt Wollschläger-Dulle. „Wenn alle im Raum heulen, da muss man dann auch schon mal schlucken“, sagt die Richterin. Auch mit Polizeischutz mussten schon mal Mütter gebracht werden. Wirklich brenzlige Situationen hat die Richterin nach eigener Aussage jedoch noch nicht erlebt. Sollte das doch vorkommen, hat sie an ihrem Telefon eine Notfalltaste. Und schließlich wird am Eingang jeder Besucher auch sehr genau kontrolliert.

Einfach sind Entscheidungen für Gertrud Wollschläger-Dulle und ihre Kollegen nie. Einen Umgangsrechtsausschluss, also dass ein Partner das Kind gar nicht mehr sehen darf, gebe es so gut wie nie, sagt die Richterin. Gerade zugunsten der nichtehelichen Väter habe es in letzter Zeit einige obergerichtliche Entscheidungen gegeben. „Das finde ich auch richtig“, so Wollschläger-Dulle. Geht es um das Umgangs- oder das Aufenthaltsbestimmungsrecht, soll der erste Termin binnen eines Monats nach Einreichen des Antrags stattfinden. Das sei gerade bei kleinen Kindern wichtig, da es schnell zu einer Entfremdung kommen könne, so die Richterin.

„Man überlegt teils schon sehr lange, was richtig ist, schließlich gibt es meistens zwei Versionen“, sagt sie. Wichtig sei daher auch, dass im Anschluss beide Parteien raus gehen und sich jeder in seinen Interessen berücksichtigt fühle. Und das ist meistens alles andere als einfach.

Vor allem beim lieben Geld hört der Spaß bekanntlich meist auf. „Finanziell wird es oft eng für die Leute. Für keinen bleibt dann genug übrig“, sagt Wollschläger-Dulle. Der Selbstbehalt für einen Erwerbstätigen beträgt 1000 Euro, für ein Kind ist ein Mindestsatz von 334 Euro im Alter von zwölf bis 17 Jahren fällig.

Dem Amtsgericht vorgeschaltet in Sachen Umgangsrecht ist das Jugendamt. „Erst wenn es dort keine Einigung gibt, sollte das Amtsgericht eingeschaltet werden“, sagt die Richterin.

Mit Vorurteilen muss Gertrud Wollschläger-Dulle immer wieder kämpfen, auch im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis. „Ich werde immer wieder gefragt, wie viele Leute ich heute in den Knast gebracht habe. Dabei mache ich sowas gar nicht“, sagt sie. In diesen Fällen haben die Gesprächspartner die Strafsachen im Kopf, mit denen Wollschläger-Dulle nichts zu tun hat.

„Wir wollen den Leuten hier helfen, damit sie wieder miteinander klarkommen“, betont die Richterin.

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