Als die Zeitung die Bürger bat, Obstkerne zu sammeln

Von: fe
Letzte Aktualisierung:
12550921.jpg
Den Aprikosenkern bloß nicht wegwerfen, daraus kann man doch noch Öl machen... Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. „Sammelt Obstkerne! Diese neue Aufgabe harrt in den nächsten Monaten unserer Hausfrauen und unserer Schuljugend.“ Vor 100 Jahren wurden die Leser dieser Zeitung aufgerufen, die Kerne von Kirschen und anderen Obstsorten zu sammeln. Daraus sollte Öl gewonnen werden, um die Bevölkerung mit Fett zu versorgen.

Was heute amüsant klingt, war vor hundert Jahren bitterer Ernst. Seit über zwei Jahren war bereits Krieg, der Erste Weltkrieg, der noch bis 1918 dauerte. Aber schon 1916 war die Versorgungslage der Bevölkerung dramatisch schlecht. Zum einen durch die Seeblockade der englischen Marine, die Einfuhren verhinderte, zum zweiten durch eine Kartoffelfäule im Herbst 1915. Hinzu kam aber auch eine bürokratische Misswirtschaft.

Diese Misswirtschaft zeigte sich besonders in einer Anordnung, die als „Schweinemord“ in die Geschichte einging. Vor dem Krieg hatte sich Deutschland fast komplett mit Fleisch selbst versorgen können. Die Gerste für das Füttern der Schweine wurde aber überwiegend aus Russland bezogen.

Ab Kriegsbeginn war deshalb Schweinefutter knapp. Die Regierung, die auf fehlerhafte Statistiken vertraute, ordnete deshalb an, fünf Millionen Schweine zu schlachten. Das führte zu einem dramatischen Preisverfall. Und das, was konserviert wurde, verdarb bald, denn die Qualität der Konservendosen war miserabel.

Im Sommer 1916, vor 100 Jahren, war die Versorgung mit Ölen und Fetten dramatisch schlecht. „Infolgedessen“, so lasen die Eschweiler Bürger in ihrer Heimatzeitung, „hat der Kriegsausschuss für Öle und Fette beschlossen, eine Sammlung ölhaltiger Obstkerne in die Wege zu leiten.“

Der Vaterländische Frauenverein und das Rote Kreuz sollten dazu Sammelstellen einrichten. „Für Ölgewinnung geeignet sind die Kerne von Kirschen, Pflaumen, Mirabellen, Reineclauden und Aprikosen. Pfirsichkerne sind wertlos“, berichtete unsere Zeitung. Die Kerne sollten gereinigt, getrocknet und nicht miteinander vermischt werden. „Unterrichte sich jeder, wo eine Sammelstelle vorhanden ist, und liefere seine sorglich gesammelten Obstkerne dorthin ab, zum Wohle des Vaterlandes!“

Obstkerne waren nicht das einzige, was damals gesammelt wurde. Ebenfalls im Juli vor 100 Jahren stand dieses Gedicht in unserer Zeitung: „Dein Altpapier stärkt Deutschlands Kraft! / Ein Schulkind aus der Nachbarschaft / wird’s gern zur Sammelstelle tragen. / Zwar kann es nicht an allen Tagen / treppauf, treppab im Hause fragen! / Drum: hast du was, musst du’s ihm sagen!

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert