Allein unter Frauen, inmitten von Kindern

Von: Doris Kinkel-Schlachter
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Kuscheln und Zuhören: Das geh
Kuscheln und Zuhören: Das gehört ebenfalls zum Alltag eines Erziehers. Hinzu kommen noch viele andere Aufgaben, die Dennis Offergeld gerne übernimmt. Foto: Doris Kinkel-Schlachter

Eschweiler. Ganz schön laut hier! Die Betonung liegt auf „schön”, denn genau das trifft auf die Aktivitäten im Gruppenraum zu. Ein ganz normaler Mittag im BKJ-Kindergarten Käte Strolbe. Die 15 „Sternkinder” - wir sind in der „Sterngruppe” - toben, verkleiden sich, basteln, bauen, spielen und quatschen. Allein oder miteinander.

Mittendrin sitzt Dennis Offergeld, wie ein Fels in der Brandung. Lily kuschelt sich an den 23-Jährigen. Tobias fragt ihn, ob er in die Bauecke darf. Katharina möchte einen Marienkäfer basteln. Und Christian erzählt von seinem Familienausflug in den Zoo. „Herr Offergeld, hab Dich lieb”, sagt er zwischendurch.

Der Vierjährige quatscht ihm regelrecht ein Ohr ab, das liest sich zugegeben salopp, „wenn man aber bedenkt, dass Christian vor einem halben Jahr fast kein Deutsch konnte, ist es umso erstaunlicher, dass heute der Mund des Kleinen kaum mehr zugeht”, freut sich Gruppenleiterin Anja Franken über den enormen Fortschritt, den der Junge mit russischen Wurzeln in so kurzer Zeit gemacht hat.

Zu einem großen Teil ist dieser Fortschritt auch ein Verdienst von Dennis Offergeld. Ein Arbeitsschwerpunkt seiner Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher ist nämlich der Zweitsprachenerwerb für Christian. Der 23-Jährige hat zwei Jahre seiner Ausbildung bereits hinter sich gebracht, nun ist er im Anerkennungsjahr in der Kita Käte Strobel und kümmert sich gemeinsam mit Anja Franken und Claudia Schmetz ums Praktische.

Keinerlei Rollenverteilung

Der Alltag beginnt um 9 Uhr mit dem gemeinsamen Morgenkreis, gefolgt vom Frühstück und dem Planen der Woche sowie der Förderung mit Physio- und Logopädie. Die Sternkinder sind eine integrative Gruppe mit zehn Regelkindern und fünf Kindern mit erhöhtem Förderbedarf. Nach dem Mittagessen klingt der Kindergartentag langsam, aber sicher aus. Dazwischen ist natürlich jede Menge Zeit und Raum für Freispiel und Bewegung. „Früher wurde alles gemeinsam gemacht. Der Bildungsauftrag hat sich geändert, ist strukturierter, individueller”, erklärt Kita-Leiterin Elke von Wrede.

Bewegung und eine entsprechende Ernährung stehen heute mehr denn je ganz oben auf den Plänen der Kindergärten und Grundschulen, „Bewegung ist die Grundlage für Entwicklung und Förderung”, betont Elke von Wrede. Schließlich sei alles, was Freude macht, leichter zu lernen. Dazu gehört auch mal eine Partie Fußball. „Ich bin nicht zimperlich und spiele das auch mit den Kindern, aber nach einer Viertelstunde habe ich keine Energie mehr”, sagt Anja Franken.

Und dann springt Dennis Offergeld nur zu gerne ein und jagt mit den Kindern dem runden Leder hinterher. „Sie spielen auch lieber mit Dennis Fußball”, weiß die Erzieherin. Und nimmt das auch gerne hin, schließlich gibt es hier trotz männlicher Besetzung keinerlei Rollenverteilung. Wohl aber unterschiedliche Charaktere, „aber das ist ja ganz normal, meine Kollegin geht anders mit Dingen um als ich”, sagt die Gruppenleiterin.

„Gerade für Kinder zwischen zwei und sechs Jahren ist es wichtig, im Alltag Frauen und Männer zu erleben”, sagt Kindergartenleiterin von Wrede. Ihnen fehlte oftmals der männliche Bezug zuhause, sei es, weil die Eltern getrennt oder die Väter noch ganz klassisch beruflich den ganzen Tag über unterwegs seien. Anja Franken: „Das sind auch ganz klar die Kinder, die nach Herrn Offergeld fragen, ihn als erste Bezugsperson sehen.”

Das Team der Dürwisser Einrichtung freut sich immer über männliche Verstärkung, es sei das erste Mal, dass der Kindergarten mit Dennis Offergeld einen Berufspraktikanten habe, „und ich würde sofort einen Mann fest einstellen”, betont Elke von Wrede, „weil das bei den Kindern und auch bei den Eltern toll ankommt”. Meistens kämen Kinder erst an den weiterführenden Schulen in Berührung mit Männern, weiß Dennis Offergeld, in Kindergärten und Grundschulen fristen Männer noch wörtlich ein stiefmütterliches Dasein.

Das soll und muss sich ändern, meint auch das Bundesfamilienministerium, das im vergangenen Jahr das Modellprojekt „Mehr Männer in Kitas” startete. Das Ziel ist herauszufinden, wie man mehr Männer davon überzeugt, den Beruf zu ergreifen. Der ab 2013 geltende Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für unter Dreijährige (lesen Sie dazu auch den Artikel unten) sorgt dafür, dass Fachkräfte mehr denn je gefragt sind, nach einer Studie vom Deutschen Jugendinstitut fehlen dann mindestens 23 000 Erzieher, und diese Lücke sollen dann, da sind sich Erzieherinnen, Experten, Politiker und Wohlfahrtsverbände einig, auch Männer schließen.

„Der Markt ist leergefegt, und es ist nicht einfach gute Kräfte zu bekommen. Wer sich für den Erzieherberuf entscheidet, gut ist und mit Herzblut dahintersteht, hat sehr gute Perspektiven”, weiß Elke von Wrede. Allerdings, und das ist sicherlich ein weiterer Nachteil neben den geringen Aufstiegschancen, die der Beruf bietet: „Die Gehaltsperspektiven sind nicht gut”, weiß Anja Franken.

Keine reine Frauensache

Dennis Offergeld gehört zu den wenigen Männern in Deutschland, die sich für den Erzieherberuf entschieden haben. Weil er diesen Beruf nicht für reine Frauensache hält. „Mein Vater ist als Jugendpfleger der Stadt Stolberg in diesem Bereich tätig, das habe ich natürlich von Kindheit an mitbekommen, und das hat mich auch im positiven Sinne geprägt”, sagt der 23-Jährige.

Während des Zivildienstes an der Astrid-Lindgren-Schule, Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung arbeitete er zum ersten Mal mit Grundschulkindern zusammen, „und das hat mir so gut gefallen, dass ich an der Fachschule für Sozialpädagogig am Berufskolleg Stolberg/Simmerath die Ausbildung begonnen habe”, sagt der angehende Erzieher. Seine Familie, seine Freunde, sie stehen alle hinter ihm, „weil sie wissen, dass es mir Spaß macht”.

Von den Kolleginnen sei er herzlich aufgenommen worden. Nur beim Thema Fußball scheiden sich die Geister: Dennis Offergeld ist Köln-Fan, Anja Franken sympathisiert mit den Schwarz-Gelben aus Aachen sowie Dortmund. „Und nebenann in der Gruppe sind die Gladbach-Fans, da wird Herr Offergeld gerne gemobbt”, sagt Anja Frenken mit einem Augenzwinkern.
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