Eschweiler/Aachen - Alemannia-Veteran Michel Pfeiffer: Eines der letzten „Originale“

Alemannia-Veteran Michel Pfeiffer: Eines der letzten „Originale“

Von: Hubert Meisen
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Geboren in Eschweiler, zog es Michel Pfeiffer später unter anderem Pirmasens, Gütersloh und Salzburg. Foto: imago/Horstmüller
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Bilder einer bewegten Karriere: Michel Pfeiffer war als Trainer und Spieler bei Alemannia Aachen aktiv: Diese Bild zeigt Pfeiffer mit Bundestrainer Sepp Herberger. Foto: Martin Ratajczak
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Bilder einer bewegten Karriere: Michel Pfeiffer war als Trainer und Spieler bei Alemannia Aachen aktiv. Ein Länderspiel stand am Ende der Spielerkarriere zu Buche, das allerdings im Wembleystadion. Foto: Ratajczak
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Bilder einer bewegten Karriere: Michel Pfeiffer war als Trainer und Spieler bei Alemannia Aachen aktiv: Hier auf dem alten Tivoli, rechts in der grünen Jacke. Foto: Alemannia Aachen
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Bilder einer bewegten Karriere: Michel Pfeiffer war als Trainer und Spieler bei Alemannia Aachen aktiv: Hier mit Jupp Martinelli. Foto: imago/Ferdi Hartung

Eschweiler/Aachen. Er wurde am 19. Juli 1925 in Eschweiler geboren. In Aachen genießt er auch heute noch im Alter von 91 Jahren Kultstatus. Das liegt nicht nur daran, dass er neun Jahre lang das Trikot von Alemannia Aachen trug, in dieser Zeit 244 Meisterschaftsspiele bestritt und dabei 75 Tore für die Schwarz-Gelben schoss.

Auch die außergewöhnliche Tatsache, dass er der zweite von nur drei Spielern der Alemannia war, die jemals in der deutschen A-Nationalmannschaft gespielt haben, ist nicht der Grund. Selbst seine größten Erfolge als Trainer, als er mit Alemannia Aachen 1967 in die Bundesliga aufstieg und zwei Jahre später dem Verein mit der Erringung der deutschen Vizemeisterschaft den größten Erfolg in der Vereinsgeschichte bescherte, sind nur teilweise maßgebend. Es ist die Art, wie er sich als Mensch gegeben hat und heute noch gibt – das macht ihn für die Alemannia unvergesslich.

Sein Selbstbewusstsein als Spieler und später sein Umgang mit der Mannschaft als Trainer sowie sein gesamtes Auftreten in der Öffentlichkeit waren seine Markenzeichen. Michel Pfeiffer verkörperte eine wahre rheinische Frohnatur. Es gelang ihm, sportliche Höchstleistungen im Fußball mit einem sehr hohen Anteil von Menschlichkeit in Form von Lebensfreude in Einklang zu bringen. Seine Interviews mit der Presse artikulierte er in einer Sprache, die jeder verstand. Überheblichkeit war ihm fremd. Mit ihm konnte sich der Fan identifizieren.

Karriereende in Geleen

Nun war er ja nicht nur bei Alemannia Aachen aktiv. Als Spieler war er nach seiner Aachener Zeit drei Jahre für Rot-Weiß Essen im Einsatz und beendete seine Laufbahn als Aktiver beim niederländischen Club Fortuna Geleen. Seinen einmaligen Einsatz in der deutschen Nationalmannschaft erlebte er 1954 im dritten Länderspiel nach dem „Wunder von Bern“.

Einige Spieler der Weltmeistermannschaft waren an Gelbsucht erkrankt. So kam es, dass Trainer Sepp Herberger den Michel ausgerechnet in dem schweren Spiel gegen England im Londoner Wembleystadion einsetzte. Zu dieser Zeit galten die Engländer in heimischer Umgebung nahezu als unschlagbar. Lediglich den Ungarn war es ein Jahr zuvor als einziger Mannschaft gelungen, die Engländer in London in einem denkwürdigen Spiel 6:3 zu bezwingen.

So war es fast schon normal, dass die Deutschen auch 1954 als amtierender Weltmeister mit 1:3 eine Niederlage einstecken mussten. Es dauerte noch 18 Jahre, ehe Deutschland der erste Sieg gegen England auf der Insel gelang. Dennoch war es für Michel Pfeiffer wohl sein größtes Erlebnis als Spieler, dass er vor 100.000 Zuschauern im vollbesetzten Wembleystadion im deutschen Nationaltrikot auflaufen durfte.

Seine Trainerlaufbahn begann Pfeiffer 1963 bei Roda JC Kerkrade. Danach ging er zum BSV Schwenningen. Derweil erreichte Alemannia 1965 das DFB-Pokalfinale (0:2 gegen Borussia Dortmund) unter Trainer Oswald Pfau. Plötzlich wurde Michel Pfeiffer im Januar 1967 als Alemannia-Trainer aufgeboten, wo er die glücklosen Williberth Weth und Hennes Hoffmann ablösen sollte.

Was dann folgte, ist bekannt. Im letzten Spiel der Aufstiegsrunde wurde wenige Monate später Göttingen 05 auf dem Tivoli mit 3:1 geschlagen und der Aufstieg in die Bundesliga perfekt gemacht, dem man seit 1964 vergeblich hinterhergerannt war. Nach dem 11. Platz 1968 als Neuling gelang dann 1969 am letzten Spieltag durch ein 1:0 gegen Hertha BSC im Berliner Olympiastadion die deutsche Vizemeisterschaft hinter dem FC Bayern München, aber vor Borussia Mönchengladbach, das sein letztes Spiel überraschend mit 5:6 gegen Werder Bremen verlor. Dann wurde der Vertrag mit Michel Pfeiffer seitens der Alemannia überraschend nicht verlängert.

Das Vereinspräsidium glaubte mit dem aus Düren stammenden Ex-Kölner Georg Stollenwerk einen besseren Trainer verpflichten zu können. Aber das erwies sich als eklatante Fehleinschätzung. Der als humorlos geltende Stollenwerk, mit einer im Vergleich zu Pfeiffer völlig entgegengesetzten Mentalität, kam bei der Mannschaft überhaupt nicht an.

Die Erfolge blieben aus, und so wurde Stollenwerk schon nach einem halben Jahr wieder entlassen. Erneut holte man den Ex-Jülicher Williberth Weth, der noch retten sollte, was nicht mehr zu retten war. Alemannia musste als amtierender deutscher Vizemeister wieder aus der Bundesliga absteigen.

Pfeiffer ging zum FK Pirmasens, danach zu Austria Salzburg, SVA Gütersloh und noch mal kurz zu Alemannia Aachen und Schwenningen. Zum Abschluss seiner Trainerkarriere ging er ein Jahr nach Tunesien (Saison 1980/81) und wurde dort auf Anhieb Landesmeister mit dem CSS Faix. Die Tunesier hatten ihm daraufhin eine längjährige Vertragsverlängerung angeboten, aber er war vom Typ her nicht für einen langen Aufenthalt im Ausland geschaffen. So zog es ihn zurück in die niederländische Grenzstadt Vaals, wo er sich heute noch mit seiner Frau wohlfühlt.

Zum Schluss werfen wir aber noch einen Blick auf die Wiege seiner sportlichen Heimat. Es gibt Datenbanken, die führen als Michels ersten Verein SG Grün-Weiß Eschweiler auf. Für den spielte er in der Jugend. Als er 14 war, erzwangen die Nazis eine Fusion der damaligen Vereine „Eschweiler Ballspielverein 06“ und „SG Grün-Weiß Eschweiler“, was zum Großverein „Eschweiler Sportgemeinschaft“ führte.

Bekanntlich wurde dieser Vereinsname bis heute beibehalten. Das erklärt aber, weshalb der Verein in den Jahren der ESG-Glanzzeit (1950er bis 1970er Jahre) im Volksmund oft „die Jröne“ genannt wurde, obwohl der Verein längst in blau-gelben Farben spielte.

Der Onkel Jupp

Wegen des 2. Weltkriegs gingen Michel Pfeiffer, wie so manch anderem Fußballer auch, wertvolle Jahre verloren. Mit 18 Jahren musste er fast zwei Jahre vor Kriegsende als Soldat an die Westfront nach Frankreich. 1948 kehrte er in seine Heimat Eschweiler zurück. Das war an einem Mittwoch. Am Sonntag danach stand er wieder für die ESG auf dem Platz und sorgte gemeinsam mit seinem Onkel Jupp für einen 4:1-Sieg gegen Baesweiler.

Dieser Jupp Pfeiffer soll einer der Förderer von Michel gewesen sein. Damalige Zeitzeugen, haben steif und fest behauptet, dass Jupp der bessere Fußballer von beiden gewesen sei. Nur sei der extrem bodenständig gewesen. Deswegen habe er stets allen Abwerbungsversuchen höherklassiger Vereine widerstanden. Die Hoffnung, dass Neffe Michel diese Denkweise übernehmen würde, wurde bald jäh zerstört. Schon 1949 wechselte er zur Alemannia, wo er dann Karriere machte.

Es gibt noch eine weitere Begebenheit, die zeigt, wie Michel Pfeiffer „tickt“ und dass er sich auch selbst „auf die Schippe nehmen“ kann. Am 10. November 1993 veranstaltete die Deutsche Olympische Gesellschaft (DOG) in der Cafeteria vom Aachener Tivoli eine Talkrunde mit der Fußballlegende Fritz Walter. Dazu waren auch aus dem hiesigen Bereich die Fußball-Prominenten Fritz Herkenrath, Jupp Martinelli, Egidius Braun und eben Michel Pfeiffer eingeladen.

Eine Frage beantwortet Pfeiffer sehr leidenschaftlich und umfangreich. Er hatte wohl plötzlich selbst bemerkt, dass er sich – was er auch heute noch kann – in einen „Rausch“ geredet hatte. Deswegen sagte er dann Folgendes, was sogar mittels Videoaufnahme bewiesen werden kann: „Meine Frau hat mir mal gesagt: Michel, Du bist ein lieber Kerl. Wenn Du eine Rede anfängst, ist das sehr schön. Den Anfang findest Du immer, aber nie ein Ende…“

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