Alemannia-Legende: Schnell, schneller, Heinz-Gerd Klostermann

Von: Hubert Meisen
Letzte Aktualisierung:
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Machte am Ball stets eine gute Figur: Heinz-Gerd Klostermann beim 2:0 am 30. September 1967 gegen Eintracht Braunschweig.
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Machte am Ball stets eine gute Figur: Heinz-Gerd Klostermann bei einem Freistoß im WFV-Pokal gegen Duisburg in der Saison 1965/66. Foto: Archiv, Imago/Rust, Imago/Werner Otto
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Machte am Ball stets eine gute Figur: Heinz-Gerd Klostermann als Jongleur. Foto: Archiv, Imago/Rust, Imago/Werner Otto
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Auch auf dem neuen Aachener Tivoli war Heinz-Gerd Klostermann natürlich zu Gast. Foto: Ralf Roeger

Eschweiler. Wenn man mit Anhängern von Alemannia Aachen aus den 1960er Jahren spricht und den Namen Klostermann erwähnt, dann kommen diese ins Schwärmen. „Bester Flügelstürmer der Vereinsgeschichte“ ist nur eine von wenigen Aussagen, die dann fallen.

„Einer der schnellsten Bundesligaspieler aller Zeiten“ ist auch eine Meinung, die den damaligen Fans in den Sinn kommt. Aber erinnern wir uns doch mal in Ruhe der Reihe nach, was damals geschah.

Heinz-Gerd Klostermann wurde am 22. Oktober 1943 geboren. Schon früh, nämlich mit sechs Jahren, begeisterte er sich für Fußball. In diesem Alter begann schon seine Zeit als Fußballer beim damals besten Verein seiner Heimatstadt, der Eschweiler SG. Dort durchlief er sämtliche Jugend-Altersklassen.

Gern erinnert er sich auch heute noch an das besondere Engagement des Trainers Hilgers. Aus der A-Jugend kam er dann in die 1. Mannschaft der ESG, die in der damals höchsten Amateurklasse spielte. Feldspieler wie Manfred Schwane und Herbert Hei-denthal und Torwart Ludwig Sonntag werden noch manchem „alten Eschweiler“ in Erinnerung sein.

Erfolgreicher Trainer der Mannschaft war seinerzeit Günter Schmidt. Der Sportplatz Patternhof, damals noch ein Aschenplatz, zog zu dieser Zeit sonntags viele Zuschauer an. Auch Späher höherklassiger Vereine waren unter ihnen, die man heutzutage als Scouts bezeichnen würde. So kam es, dass Klostermann nach nur zwei Spielzeiten bei der ESG ein Angebot von Alemannia Aachen erhielt.

Nachdem er dort zunächst eine Saison in der sogenannten Vertragsreserve spielte, erhielt er ab 1964 einen Vertrag für die 1. Mannschaft. Die Aachener waren ein Jahr zuvor bei der Gründung der Bundesliga – nach Meinung Vieler – zu Unrecht nicht berücksichtigt worden und jagten nun auf sportlichem Wege dem Aufstieg hinterher. Bis zum Erreichen dieses Ziels sollten noch drei Jahre vergehen. Dazu später mehr.

Von Anfang an fiel er durch seine enorme Schnelligkeit auf. Das war sein großes Plus. Die Alemannia hatte zu dieser Zeit einige Spieler, die den rechten Flügelstürmer mit genauen Steilpässen ständig „auf die Reise schicken“ konnten. Christian Breuer und Jupp Martinelli waren die häufigsten Passgeber. Wenn Klostermann seine Sprints anzog, dann ging stets ein Raunen durch das Publikum. Diese Szenen endeten sehr oft mit Sonderapplaus. Alemannia hatte viele gute Außenstürmer gehabt. Aber so schnell wie Klostermann war keiner!

Diesen Vorzug kannten die Eschweiler Fans natürlich schon länger. Während der ESG-Zeit half er manchmal in den Sommerpausen bei Mannschaftswettkämpfen der Leichtathleten aus. Dabei war er im Sprint ein eifriger Punktesammler. Bei einem solchen Wettkampf in Merkstein lief er offiziell gestoppte 10,9 Sekunden über 100 Meter. Und das auf einer Aschenbahn und mit geliehenen Spikes. Speziell trainiert hatte er das nicht. Auch die komplizierten Abläufe beim Start, die Sprinter immer wieder im Training üben, waren für ihn kein Problem. Ein läuferisches Naturtalent eben, was ihm beim Fußball natürlich zum Vorteil gereichte.

1965 war für die Alemannia ein besonderes Jahr. Der Bundesligaaufstieg gelang zwar erneut nicht, aber der DFB-Pokal hatte es in sich. Schon im Viertelfinale an einem der berühmten Spiele am Karnevalssamstag, wurde der Erstligist Hannover 96 mit 2:1 besiegt. Danach, am Karsamstag, fand dann das Spiel auf dem Tivoli statt, das vielleicht das spannendste und unvergesslichste in der Vereinsgeschichte der Alemannia war.

Im strömenden Regen wurde Schalke 04 nach einem 1:3-Rückstand in der Verlängerung mit 4:3 bezwungen. Klostermann hatte maßgeblichen Anteil an diesem Sieg, mit dem die Alemannia das Traumfinale Schalke gegen Dortmund verhinderte. Dieses Finale in Hannover gewann Dortmund 2:0 und ließ der Alemannia dabei keine Chance. Leider verpasste Klostermann dieses Finale, weil er sich kurz vorher bei einem Spiel gegen RW Oberhausen verletzt hatte.

In der Saison 1966/67 gelang dann endlich der in Aachen so lang ersehnte Aufstieg in die Bundesliga. Im letzten entscheidenden Spiel auf dem Tivoli gegen Göttingen 05 geriet die Elf von Trainer Michel Pfeiffer zwar in der 1. Minute 0:1 in Rückstand. Aber das Publikum peitschte die Mannschaft unaufhörlich nach vorne, so dass der 3:1-Sieg zu einem nicht enden wollenden Jubel führte.

Die erste Saison in der obersten Spielklasse Deutschlands war erwartet schwierig. Dank ihrer Heimstärke schaffte es die Mannschaft aber, nie in Abstiegsgefahr zu geraten und am Ende einen sicheren 11. Platz zu belegen. An seinem Stammplatz im Team brauchte Klostermann nicht zu zweifeln. Im Heimspiel gegen Borussia Neunkirchen gelangen ihm zwei schöne Tore.

Vor Beginn der Saison 1968/69 wurde den Spielern der Alemannia etwas Einmaliges geboten. Sie unternahm eine Traumreise nach Südamerika, die vom 15. Juni bis 6. Juli dauerte. Heinz-Gerd Klostermann flog als einziger allerdings erst zwei Tage später hinterher, weil er noch etwas Wichtiges „zu erledigen“ hatte. Er heiratete nämlich an jenem Samstag in Stolberg seine Sybille.

Die Reise führte nach Brasilien, Paraguay, Uruguay und Argentinien. Erwähnenswert dabei ist, dass Alemannia Aachen am 23. Juni 1968 eine besondere Ehre zuteil wurde. Alemannia war an diesem Tag die erste deutsche Vereinsmannschaft, die im legendären Maracana-Stadion spielen durfte. Zwar wurde das Spiel gegen Flamengo Rio de Janeiro unglücklich mit 0:1 verloren, aber das tat der Freude keinen Abbruch. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, über den weiteren Reiseverlauf und die damit verbundenen außergewöhnlichen Ereignisse zu berichten.

Die anschließende Saison war die erfolgreichste in der Geschichte des Vereins und ganz klar auch die beste für Klostermann. Schon im ersten Spiel gelang die größte Sensation. Man musste beim frischgebackenen Deutschen Meister 1. FC Nürnberg antreten. Natürlich wurde überall nur über die Höhe der Niederlage der Alemannen spekuliert.

Aber es war der Tag des „Kalle“ Klostermann, wie seine Freunde ihn nennen. Ein ums andere Mal gelang es ihm, in seiner unnachahmlichen Art die Abwehr des Meisters zu überlaufen und die Nürnberger Anhänger in Schockstarre zu versetzen. Sage und schreibe drei Tore schoss der Ex-Eschweiler in diesem Spiel und Erwin Hermandung fügte noch ein viertes hinzu. Mit 4:1 wurde der amtierende Deutsche Meister vom Platz gefegt. Für Klostermann war es das Spiel seines Lebens. Die Radioreportage des bekannten süddeutschen Reporters Oskar Klose klingt einem heute noch im Ohr. Musste er doch von einem unfassbaren Geschehen des damaligen Fußballs berichten.

Für Klostermann führte das zu einem „Lauf“, wie er ihn wahrscheinlich selbst nicht für möglich gehalten hätte. Die gesamte Saison über zeigte er eine Glanzleistung nach der anderen, wobei er nicht nur mit seiner Schnelligkeit auftrumpfte, sondern auch als bester Torschütze des Vereins mit zwölf Treffern in dieser Spielzeit in Erscheinung trat.

Am letzten Spieltag, als Werder Bremen den Tabellenzweiten Borussia Mönchengladbach 6:5 schlug, nutzte Alemannia Aachen die Gunst der Stunde und gewann sein Auswärtsspiel bei Hertha BSC Berlin mit 1:0 und wurde hinter Bayern München Deutscher Vizemeister. Glänzende Aussichten also für alle Beteiligten für die nächste Saison – sollte man meinen.

Doch dann kam alles anders als es hätte kommen sollen. In einem Vorbereitungsspiel bei Fortuna Düsseldorf trat Klostermann ohne gegnerische Einwirkung so unglücklich auf den Ball, dass er sich das Kreuzband riss und einen Meniskusschaden zuzog. Heutzutage wäre das vielleicht eine Sache gewesen, die nach ein paar Monaten ausgestanden wäre. Nicht so in diesem Fall. Das Knie wurde nie mehr richtig belastbar. Deswegen musste der erst 26 Jahre junge Spieler den bitteren Weg in die Sportinvalidität antreten.

Einige Jahre danach trat er zwar noch mal für DJK Westwacht Aachen zunächst als Trainer, später auch als Spieler in Erscheinung, aber das war ein schwacher Trost für einen Spieler, der gut und gerne noch sechs bis acht Jahre auf höchstem Niveau hätte spielen können. Auch für die Alemannia war das ein schwerer Verlust.

Ein Klostermann in der Form des Vorjahres hätte möglicherweise verhindern können, dass der Verein als Vizemeister aus der Bundesliga absteigen musste. Die Mutmaßung ist zwar nicht zu beweisen, aber im Nachhinein betrachtet spricht vieles dafür, dass es so gewesen wäre. Übrigens war die Verletzung so schwerwiegend, dass er sich vor circa sechs Jahren noch mal operieren lassen musste. Es ging nicht mehr anders, als ein neues Kniegelenk einzusetzen.

So bleibt als Resümee in Zahlen ausgedrückt, dass Heinz-Gerd Klostermann nach den Zeiten der Zweitklassigkeit für Alemannia Aachen insgesamt 59 Bundesligaspiele bestritten hat und dabei 16 Tore erzielte. Außerdem gelangen ihm in 22 Pokalspielen neun Tore. Später kam es noch mal zu einer Verbindung mit der Alemannia, als er von 1999 bis 2001 kaufmännischer Geschäftsführer des Vereins war.

Heute lebt er als 73-jähriger Rentner mit seiner Lebensgefährtin Dorothee im Stolberger Stadtteil Büsbach und ist immer noch am Fußball sehr interessiert.

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