Aixacct macht die gesamte Deutsche Post elektrisch mobil

Von: Rudolf Müller
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Einzigartige Technik made in Eschweiler: Stasatssekretär Dr. Günther Horzetzky mit einem Aixacct-Mitarbeiter im Sticher Firmendomizil an einem Gelenkwellen-Prüfstand, den unter anderem VW und Audi nutzen. Foto: Rudolf Müller
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Tausende dieser E-Mobile sollen im Auftrag der Post bald über Deutschlands Straßen rollen. Aixacct liefert das nötige Netz an Ladestationen. Foto: Rudolf Müller
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Projektleiter Jochen Olivier (Bildmitte) erläuterte das Konzept.
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Staatssekretär Dr. Günther Horzetzky, Bürgermeister Rudi Bertram und MdL Stefan Kämmerling trafen sich am Blausteinsee zum Gespräch.

Eschweiler. Die Halle am Stich 30 ist modern, aber eher unscheinbar. Der Schriftzug „Aixacct mechatronics“ über dem Rolltor lässt kaum ahnen, was sich dahinter verbirgt: ein Unternehmen, das zahlreichen Global Playern auf seinem Gebiet den Rang abläuft.

Am Freitag sah sich Dr. Günther Horzetzky, Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk des Landes NRW, gemeinsam mit dem Eschweiler Landtagsabgeordneten Stefan Kämmerling und Vertretern der Stadt, an der Spitze Bürgermeister Rudi Bertram, dort um. Und erfuhr Erstaunliches.

Aixacct, da steht das Aix für Aachen (das als Hightech-Geburtsstätte weltweit nun doch einen etwas bekannteren Namen hat als Eschweiler), und das Acct für Advanced Customized Characterization Technologies. Gegründet wurde das Unternehmen von Dr. Stephan Tiedke, dessen Team sich mit innovativen Ideen für die elektrische Prüfung zur Materialentwicklung und Gerätequalifizierung schnell einen hervorragenden Namen machte. Aixacct ist heute gefragter Partner der Automobilindustrie wie auch der Medizintechnik.

So hat die Firma einen Hightech-Prüfstand für Gelenkwellen aller Automobilhersteller entwickelt, der unter anderem bereits von VW und Audi sowie den führenden Lkw-Herstellern genutzt wird. „Hier hat erstmals ein Unternehmen der Industrie etwas vorgeschlagen, sonst läuft das immer andersherum“, strahlt Stephan Tiedke.

Sein Credo: „Wir denken Dinge neu.“ In der Geschäftssprache Englisch heißt das „Re-thinking an existing technology“. „Das hört sich zunächst zwar arrogant an, nimmt uns aber in die Pflicht, uns immer wieder daran messen lassen zu müssen“, sagt der Aixacct-Geschäftsführer.

Gelungen ist das dem Unternehmen, das eng mit der benachbarten Stahl- und Maschinenbaufirma Klotz & Gangloff kooperiert, nicht zuletzt in seiner Zusammenarbeit mit der Aachener Firma Streetscooter, die – aus den Talbot-Hinterlassenschaften hervorgegangen – inzwischen von der Deutschen Post gekauft worden ist.

Die Post setzt in Sachen Mobilität auf Zukunftsmodelle, sprich: E-Mobile. Ein riesiges Projekt: Immerhin verfügt die Deutsche Post weltweit über rund 80.000 Fahrzeuge. Fahrzeuge, die einen begrenzten Aktionsradius haben. „Ein Zustellfahrzeug hat pro Tag lediglich eine Strecke von elf Kilometern zu absolvieren“, weiß Tiedke. Als E-Mobil kommt es jeden Abend an die Ladestation.

Das Auto baut Streetscooter, die Ladestation liefert Aixacct. Die lädt das zweckmäßig gestaltete Fahrzeug für die nächsten 80 Kilometer auf. Das reicht allemal. Nicht nur für Postzustellfahrzeuge: Auch Kommunen könnten ihre Vermessungstechniker, Grünpflegeteams und Boten damit ausstatten. Ähnliches gilt für Flughäfen, Pflegedienste, Restaurantketten, Universitäten, Ministerien, die Bundeswehr und und und...

„Das staatlich vorgegebene Ziel von einer Million Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen bis zum Jahr 2020 ist von Privatleuten auch mit Prämienanreizen nicht zu schaffen“, sagt Tiedke. „Da muss die öffentliche Hand mitziehen.

In Eschweiler rennt er damit offene Türen ein. Bürgermeister Rudi Bertram ist von dem Konzept so überzeugt, dass er die Umrüstung des städtischen Fuhrparks auf elektrisch betriebene „Streetscooter“ anregen will. Und nicht nur das: Er will die Macher von Aixacct ihr Projekt auch vor dem Städte- und Gemeindebund NRW vorstellen lassen.

Und Staatssekretär Günther Horzetzky will der Firma nicht nur Regierungskontakte nach China verschaffen, sondern sich schon in den nächsten Tagen in der Düsseldorfer Staatskanzlei für die umweltfreundlichen E-Mobile einsetzen.

Davon sind schon jetzt rund 900 bundesweit unterwegs. Bis Ende des Jahres sollen weitere 1500 hinzukommen. „Vom Bodensee bis zur Ostsee, von Cottbus bis Aachen“, sagt Jochen Olivier, Projektleiter Elektromobilität bei Aixacct mechatronics. „Zuletzt waren wir in Berlin sehr aktiv – damit die Ministerien sehen, dass die Post auf E-Mobilität setzt.“

Jüngstes größeres Projekt: die Garage der Post in Stuttgart mit 40 Ladepunkten für E-Mobile ausstatten. 30 Ladepunkte haben die Aixacct-Techniker bereits in Köln installiert, 38 in Berlin, aber auch kleinere Anlagen mit acht wie in Bad Horb am Neckar oder gar nur einem oder zwei Ladepunkten ausgestattet. In wenigen Wochen sollen deutschlandweit 150 Standorte mit rund 1200 Ladepunkten komplett installiert sein.

„Und jährlich kommen mindestens 2500 hinzu“, sagt Olivier. Acht Teams mit 30 Mitarbeitern sind dazu unterwegs. „Eine Kapazitätserweiterung ist jederzeit möglich“, betont Olivier. Und Tiedke ergänzt: „Wir garantieren Flexibilität, schnelle Reaktionszeiten, richten unseren Fokus komplett auf die ständige Verfügbarkeit der Ladestation. Ein Ausfall würde den täglichen Auslieferbetrieb von Deutsche Post/DHL gefährden. Das wäre nicht akzeptabel.“

Eine Störung irgendwo im Süden Deutschlands war vor kurzem nach einem Anruf im Eschweiler Unternehmen nach nicht einmal zwei Stunden behoben.

Das von Aixacct gelebte Neudenken macht sich auch in den anderen Segmenten des Unternehmens bemerkbar. In der Medizintechnik, dem Sondermaschinenbau, dem Automobil-Prüfstandsbau. „Bei unseren Entwicklungen legen wir weniger Wert auf attraktives Design als auf Funktionalität“, betont Tiedke. „Wir haben damit auch einen Preisrutsch ausgelöst, der sehr nachhaltig ist.“

„Hier wird der Strukturwandel gelebt“, unterstrich Bürgermeister Rudi Bertram, der sich im Anschluss an die Betriebsbesichtigung mit dem Staatssekretär im Seminargebäude am Blausteinsee zu einem Gespräch über den Wirtschaftsstandort Eschweiler traf. Der ist zwar seit Jahren gefragt, verfügt aber kaum noch über Reserven. Im Industrie- und Gewerbepark (35 Firmen, 1200 Beschäftigte) ist nur noch ein Grundstück verfügbar.

Im 31 Hektar großen interkommunalen Industriegebiet Am Grachtweg, östlich des Kraftwerks Weisweiler, könnte zwar jederzeit losgelegt werden. Allerdings: „Unser Augenmerk gilt den Arbeitsplätzen. Wir haben auch schon Firmen, die auf 20 Hektar 80 Arbeitsplätze schaffen wollten, abgesagt.

Mit 80 Arbeitsplätzen können wir nicht kompensieren, was uns wegbricht.“ Immerhin durchlebt Eschweiler nach Steinkohle und Stahl mit der Braunkohle jetzt den dritten Strukturwandel. „Weitere Flächen zur sofortigen Entwicklung sind dringend nötig“, so Bertram.

Dabei, so betonte René Schulz vom Wirtschaftsförderungsamt, fragen mögliche Investoren heute vor allem nach der Verfügbarkeit von Glasfaserkabeln wie auch nach der Höhe von Gewerbesteuer und Gebühren. „Vor fünf, sechs Jahren hat das kaum interessiert“, so Bertram. Mit einem Gewerbesteuersatz von 495 Punkten liegt Eschweiler im Mittelfeld. Andere Kommunen in der Region bringen es auf 800. Staatssekretär Günther Horzetzky lobte Eschweilers positive Zahlen: „Ich bin ganz begeistert!“

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