Ärzte gegen Knappschaft: Herzpatient kämpft um Rehabilitation

Von: ran
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Seine Ärzte halten eine Rehabilitationsmaßnahme nach seinem Herzinfarkt für unbedingt erforderlich, doch die Knappschaft stellt sich quer: Siegfried Pien hofft aber immer noch auf Einsicht bei den Verantwortlichen. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Im kommenden Juli feiert Siegward Pien seinen 83. Geburtstag. Bis vor wenigen Wochen war der Dürwisser ein mehr als aktiver Rentner. Jeden Tag stieg er auf sein Fahrrad, um die 17 Kilometer lange Rundstrecke um den Blausteinsee in Angriff zu nehmen.

Bei schönem Wetter absolvierte der Diplom-Ingenieur sogar den einen oder anderen Kilometer mehr. Doch diese Zeit scheint vorbei. Der 5. November des vergangenen Jahres veränderte nämlich alles: An jenem Samstag erlitt Siegward Pien einen Herzinfarkt beziehungsweise Herzanfall. Während der folgenden Herzkatheter-Operation im St.-Antonius-Hospital wurden drei Stents implantiert, da die Herzkranzgefäße verschlossen waren. Den Eingriff überstand der Patient, der am 15. November nach Hause entlassen wurde, zufriedenstellend. Der weitere Genesungsprozess steht jedoch auf der Kippe. Denn die Knappschaft-Bahn-See, bei der Siegward Pien seit mehr als 50 Jahren Mitglied ist, lehnt es ab, die Kosten für die von den behandelnden Ärzten als unbedingt erforderlich angesehene Anschlussrehabilitation zu übernehmen.

Schmerzen als ständige Begleiter

Und dies hat für den Indestädter schon jetzt schlimme Folgen. Er leidet nämlich seit einigen Jahren an der chronischen Nervenkrankheit Polyneuropathie, die schlimme Schmerzen in Armen und Beinen verursacht. Seine sportlichen Aktivitäten halfen Siegward Pien, die Krankheit so weit in den Griff zu bekommen, dass ein Leben nahezu ohne Medikamente möglich war. Nach dem Herzinfarkt ist ohne anschließende Rehabilitationsmaßnahme aber an Sport nicht mehr zu denken. „Dass haben die Ärzte mir sehr deutlich bestätigt”, erklärt der ehemalige Rheinbraun-Mitarbeiter, der wehmütig zurückdenkt. „Früher habe ich jeweils einmal pro Jahr meinen Hausarzt und meine Neurologin gesehen. Inzwischen bin ich ständiger Gast beim Kardiologen, Neurologen, Internisten und Orthopäden.”

Trotz zahlreicher Medikamente sind Schmerzen inzwischen ein ständiger Begleiter des 82-Jährigen. „Beide Fersen tun so weh, dass ich kaum noch in meine Schuhe hineinkomme. Habe ich 200 Meter zurückgelegt, sind die Schmerzen kaum noch zu ertragen. Ich kann eigentlich an keiner Veranstaltung mehr teilnehmen, auch keinen Gottesdienst mehr besuchen, weil langes Sitzen für mich ebenso nicht mehr möglich ist. Lebensqualität ist kaum mehr vorhanden”, betont Siegward Pien, der ursprünglich in wenigen Tagen, wie seit 1960, gemeinsam mit seiner Frau Hilde zum Skilanglaufen in die Nähe von Seefeld fahren wollte. Derzeit eine Utopie!

Vorhersehbar

Eine Entwicklung, die für die behandelnden Ärzte im St.-Antonius-Hospital, Dr. Matthias Ploch und Dr. Johannes Nußbaum von der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin sowie Norbert Schallenberg, Oberarzt der Klinik für Fachübergreifende Frührehabilitation, eindeutig vorherzusehen war. Deshalb wurde bereits am 17. November, also zwei Tage nach der Entlassung von Siegward Pien, über das Gesundheitszentrum des St.-Antonius-Hospitals der Antrag zur medizinischen Anschlussrehabilitation an die Knappschaft weitergeleitet.

Fünf Tage später traf die Ablehnung ein. Zunächst ohne medizinische Begründung. „Erst auf intensive Nachfrage meinerseits wurde mir mitgeteilt, dass nach Auffassung der Knappschaft gar kein Herzinfarkt vorliege, da durch die Behandlung im St.-Antonius-Hospital ein Untergang von Herzmuskelzellen verhindert werden konnte”, versteht der Patient die Welt nicht mehr. Der erste Widerspruch seitens der Ärzteschaft wurde von der Knappschaft abgelehnt, da die Unterschrift des Antragstellers fehle, der dritte Antrag erhielt erneut die Antwort „zurückgewiesen”.

Dies erklärt Claudia Müller von der Pressestelle der Knappschaft-Bahn-See wie folgt: „Es gibt von unseren Medizinern eindeutig geprüfte Parameter, die belegen, dass es sich um einen Herzanfall, und nicht um einen Herzinfarkt handelt. Dass heißt natürlich nicht, dass Herr Pien gesund ist, aber eine koronare Herzerkrankung rechtfertigt definitiv keine Anschlussrehabilitation.” Dass Sieward Pien an Polyneuropathie leide, sei der Knappschaft darüber hinaus erst seit wenigen Tagen bekannt. Allerdings räumt Claudia Müller ein, dass eine persönliche Untersuchung durch den Sozialmedizinischen Dienst der Knappschaft bisher nicht stattgefunden habe. „Wir sind aber gerne bereit, dies nachzuholen”, so die Pressereferentin. „Auch uns liegt natürlich viel daran, dass es Herrn Pien bald wieder besser geht”, versichert sie.

„Ich muss wieder aufs Rad, um die Polyneuropathie bekämpfen zu können”, nennt Siegward Pien seinen Herzenswunsch. „Doch um dieses Ziel erreichen zu können, muss zuvor die Rehabilitation genehmigt werden. Aber anscheinend glauben die Verantwortlichen der Knappschaft-Bahn-See, dass sich eine solche Maßnahme in meinem Alter nicht mehr lohnt. Ich fühle mich diskriminiert”, äußert Siegward Pien einen Verdacht. „Ich hoffe aber immer noch, dass die Knappschaft einsieht, dass sie die Verpflichtung gegenüber ihren Mitgliedern hat, zu deren Genesung beizutragen.”

Rechtliche Schritte gegen die Ablehnung der von den Eschweiler Ärzten befürworteten Rehabilitationsmaßnahme behält sich Siegward Pien, der nicht zuletzt seinem Orthopäden Dr. Dr. Otto Mayer für dessen Hilfe ausdrücklich dankt, vor. Auf die Möglichkeit einer Klage beim Sozialgericht in Aachen weist ihn sogar die Knappschaft in einem ihrer Schreiben hin. Auch ein Schriftsatz an den Bundestagsabgeordneten Wolfgang Zöller, Patientenbeauftragter der Bundesregierung, ist bereits aufgesetzt, allerdings noch nicht abgeschickt. „Ich möchte mithelfen, wieder möglichst gesund zu werden, um aktiv sein zu können”, unterstreicht Siegward Pien. Und hofft darauf, dass ihm die Chance dazu gegeben wird.
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