Abschied vom Faustrecht: Der Chill-Modus ersetzt die Schlägerei

Von: Stefan Herrmann
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Den Kick abseits der Gewalt finden: Nick, Jim und Lucas (v. l.) mit den Anti-Gewalt-Trainern Michael Laudt und Gabriele Dovern. Foto: Stefan Herrmann

Eschweiler. 17 Wochen dauert Nicks ganz persönliche Erfolgsgeschichte nun an. Solange kommt der 15-Jährige mittlerweile ohne Gewalt aus. Für den Schüler ist das alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Seine „Karriere” hatte sich längst vom Klassenzimmer auf die Straße verabschiedet. Schlägereien und Strafanzeigen - für Nick war das der ganz normale Alltag.

Wer ihm blöd kam, bekam die Antwort alles andere als schonend mitgeteilt. So verschaffte er sich Respekt. Schwächere Opfer mussten unter dem Täter Nick leiden.

„Hätte ich so weitergemacht, wäre ich bald im Jugendknast gelandet”, glaubt der Jugendliche heute. Sein Ausweg hieß „Cool Down”, ein Anti-Gewalt-Training, das in den vergangenen Monaten erstmals im Haus St. Josef angeboten wurde. „Ein voller Erfolg”, finden Anti-Gewalt-Trainer Michael Laudt und Diplom-Sozialpädagogin Gabriele Dovern.

Dabei wäre für Nick beinahe schon Schluss gewesen, bevor es so richtig anfing. „Den ersten Termin hab ich verpeilt”, blickt er zurück. Sein Alternativprogramm lautete Shoppen in Düren. Als er beim zweiten Termin dann doch auftauchte, gabs direkt die Rote Karte.

Die Verwarnung wirkte, Nick musste nicht lange auf der Strafbank Platz nehmen. Er entschied sich für den Abschied vom Faustrecht, genauso wie Jim (16), Lucas (16) und Domenik (15). Alle schleppten einen Sack voller Probleme mit sich herum. Straftaten, Schlägereien, aggressives Verhalten - der eine stand kurz davor, von der Schule zu fliegen, dem anderen drohten bereits gerichtliche Konsequenzen.

Das Quartett zog die Reißleine. Nicht ganz freiwillig, aber letztlich doch mit Erfolg. Es nahm am Anti-Gewalt-Training teil. Die Regel ist einfach: „Durchhalten. oder es folgen entsprechende Konsequenzen.”

Nicht alle haben das kapiert, als der Cool-Down-Kurs im Juni startete. Sieben fingen in den Räumen der Tagesgruppe „Wilde 13” im Haus St. Josef an, vier hielten bis zum letzten Termin durch. „Bei denen, die es durchziehen, kann man mit einer Erfolgsquote von 70 Prozent rechnen”, sagt Michael Laudt.

„Die Jungs haben nun ein solides Fundament”, sagt der Experte. Was sie daraus machen, liegt in ihrer Hand. Für vier Jugendliche, die zuvor nur Gewalt und Aggression als Lösung kannten, gibt es nun neue positive Perspektiven.

„Während des Kurses herrscht natürlich absolute Gewaltfreiheit”, erklärt Gabriele Dovern. Hart zur Sache geht es trotzdem, zum Beispiel dann, wenn jeder Teilnehmer einmal auf dem „heißen Stuhl” landet. Dort wird jeder mit seinen Taten konfrontiert. Die Samthandschuhe bleiben dabei im Schrank. Teilnehmer wie Pädagogen reden „Tacheles”. „Wir müssen an die Gefühle der Jugendlichen ran”, erklärt Dovern. „Anders geht es einfach nicht.”

Zusätzlich stehen Provokationstests auf dem Programm: „Nähe suchen, bis es schmerzt” heißt es da. Zudem durchlaufen alle ein Coolness-Training. Dazu wechselt jeder einmal die Seite und wird zum Opfer. Wie fühlt es sich an, wenn man auf dem Boden liegt? Wenn andere um einen herumstehen und möglicherweise weiter auf einen eintreten? „Die Jugendlichen müssen sich darauf einlassen”, sagt Laudt klipp und klar.

Die Ursachen für ihre Gewalttätigkeit sind mannigfaltig: Die einen haben selbst Gewalt in der Familie erlebt, andere drücken so ihre Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit aus. Doch Dovern stellt klar: „Kein Mensch wird gewalttätig geboren. Es ist erlernt und kann somit auch wieder verlernt werden.” Der Kurs „Cool down” ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Nick, Jim, Lucas und Domenik haben die Zeichen der Zeit erkannt. Sie haben gelernt, andere Ventile für ihre Aggressionen zu finden und konfliktträchtigen Situationen aus dem Weg zu gehen. „Und sie sind viel offener geworden”, lobt Laudt. „Sie können einem in die Augen schauen. Das war vorher nicht der Fall.”

Bei allen kletterte zuletzt die Leistungskurse in der Schule deutlich nach oben. Die Jugendlichen verbuchen nachhaltig Erfolgserlebnisse, möchten den Abschluss schaffen, einen Ausbildungsplatz bekommen. Jim ist geradezu durchgestartet. In seinen Anti-Gewalt-Trainern hat er sogar so etwas wie Vorbilder gefunden. „Ich möchte irgendwann mal als Erzieher arbeiten”, sagt er. Derzeit macht er ein Praktikum an einer Grundschule.

„Gewalt ist die Waffe des Schwachen” hat Mahatma Gandhi einst gesagt. Nick, Jim, Lucas und Domenik haben sich dafür entschieden stark zu sein. Wenn es um ihn herum mal hitzig werde, dann wechsele er in den „Chill-Modus”, sagt Lucas, während er sich lässig auf dem Sofa lümmelt. Der 15-Jährige strahlt Gelassenheit und Selbstbewusstsein aus. Sein Aggressionspotenzial scheint derweil deutlich abgekühlt zu sein.
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