Eschweiler - Abgesang der Chöre trifft auch einen Meisterchor

Abgesang der Chöre trifft auch einen Meisterchor

Von: Sonja Essers
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Blick auf historische Urkunden und Bilder des Meisterchors Harmonie Nothberg: Peter Offergeld schaut mit Wehmut auf die Zeugnisse erfolgreicher Chortage. Foto: Sonja Essers/privat

Eschweiler. Seit 1997 ist Peter Offergeld Mitglied des Männerquartetts Harmonie Eschweiler-Nothberg. Nationale und internationale Auftritte sowie die regelmäßige Teilnahme am Meisterchorsingen gehörten für ihn zu seinem Hobby dazu. Doch das gehört nun endgültig der Vergangenheit an.

Die „Harmonie“ löst sich auf. Grund genug, mit ihm über die Gründe für den Abgesang der Chöre zu sprechen und auf die ereignisreiche Geschichte des Vereins zurückzublicken.

Herr Offergeld, 84 Jahre lang bestand das Männer-Quartett Harmonie Eschweiler-Nothberg. Nun haben sich die Mitglieder dazu entschieden, in der kommenden Woche ihr letztes Konzert zu geben. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Offergeld: Um das zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen (lacht). Als ich 1997 dazugekommen bin, war Berthold Botzet Chorleiter. Er ist heute Domkapell-Meister und hat unseren Chor bis 2001 geleitet. Danach ging es mit uns langsam abwärts.

Warum?

Offergeld: Wir wurden dann von einer Frau geleitet und damit kamen viele Mitglieder nicht zurecht. Sie fühlten sich nicht wohl und konnten sich damit nicht anfreunden. Es war eine Umstellung. Schließlich hat eine Frau eine ganz andere Stimmlage als ein Mann. Das kann schon beim Vorsingen problematisch werden. Auf jeden Fall haben einige Mitglieder gesagt, dass sie aufhören, wenn eine Frau unseren Chor leitet, und so bröckelte es immer mehr.

Wie ging es dann weiter?

Offergeld: Wir haben uns in 2003 ernsthaft Gedanken darüber gemacht, ob es nicht besser wäre, Schluss zu machen. Wir haben uns von unserer damaligen Chorleiterin getrennt, weil wir das auch aus finanziellen Gründen nicht mehr aufrecht erhalten konnten. Ich habe damals sechs Jahre in Wenau in der Klosterkirche bei den Freunden von Wenau mitgesungen und dort habe ich Dr. Christian Hauptmann getroffen. Der sang ebenfalls dort und wurde unser Chorleiter. Wir waren bereit, weiter zu machen und haben uns bis zum zehnten Meisterchorsingen durchgerappelt. Das war 2008.

Mittlerweile wird der Chor wieder von einer Frau geleitet. Ursula Ritzen ist seit 2012 Chorleiterin. Gab es diesmal keine Probleme mehr?

Offergeld: Nein. Frau Ritzen macht das wirklich gut. Aber mittlerweile sind wir einfach zu wenige Personen. Wir sind nur noch zu Zehnt. Das bringt nichts mehr. Man muss dazu sagen, dass wir uns schon ein oder zwei Jahre früher aufgelöst hätten, wenn wir nicht einen befreundeten Chor kennengelernt hätten. Die Sänger der Leonie-Werke unterstützen uns, und wir singen auch mit einigen Männern bei ihnen und füllen dort die Lücken auf. Das Tragische ist aber, dass der Chor sich Ende des Jahres auch auflöst.

Wie erklären Sie sich das Aus vieler Chöre?

Offergeld: Ich denke, das liegt daran, dass wir alle ältere Menschen sind. Unser jüngstes Mitglied ist 62. Einige von uns sind sogar über 80. Dann kommt noch dazu, dass die Stimmen mittlerweile nicht mehr so sind, wie sie einmal waren. Man ist nicht mehr so stimmfest wie früher. Auch das Auffassungsvermögen ist nicht mehr so ausgeprägt. Man muss wissen, dass Sänger ja nicht gleich Sänger ist. Dem einen fällt es leichter und dem anderen schwerer.

Wie meinen Sie das?

Offergeld: Es gibt einige, die früher in anderen Chören gesungen haben oder sogar ein Musikinstrument erlernt haben und somit schon Noten oder Musikzeichen lesen können und sich deshalb leichter mit dem Gesang tun. Aber da wir ein Kollektiv sind, müssen die Schwächeren mitgezogen werden. Wenn es aber immer weniger Sänger werden, wird das problematisch.

Und woran könnte es liegen, dass kaum Nachwuchs zu finden ist?

Offergeld: Unsere Musik ist einfach nicht „in“. Das liegt vor allem daran, dass wir zum großen Teil Kirchenmusik singen. Früher war es noch so, dass in den Kirchen die Messen von Chören begleitet wurden. Wird das heute noch gemacht? Nein. Heute findet so etwas nur noch zu besonderen Anlässen statt. Aber bei solch einer Musik kommt kein Jugendlicher mehr nach.

Was könnte man tun, um zu verhindern, dass sich noch mehr Vereine auflösen?

Offergeld: Das ist schwierig. Es gibt Städte in denen es nur einen Chor gibt. Man muss aber dazu sagen, dass unser Verein immer ein zusammengewürfelter Haufen war (lacht). Unsere Sänger kamen nicht nur aus Eschweiler, sondern auch aus der Eifel und dem Umfeld von Eschweiler.

Blicken wir einmal auf die Erfolge zurück, die die Harmonie feierte. Da gab es ja so einiges.

Offergeld: Das stimmt. Vor meiner Zeit, 1961, haben wir unser erstes Bundesleistungssingen bestritten. Das hat in Mönchengladbach stattgefunden. Insgesamt waren es zehn Leistungssingen, an denen wir teilgenommen haben. Die letzten drei habe ich mitmachen dürfen.

Was kann man sich darunter vorstellen?

Offergeld: Bei einem Leistungssingen werden Chorwerke vom Chorverband ausgesucht, die man vortragen muss. Drei davon sind vorgeschrieben und eins darf man sich aussuchen. Es gibt also drei Pflichtchorwerke und ein Wahlchorwerk. Der Vortrag wird von Musikexperten, das sind Mitglieder des Chorverbands, abgenommen. Die Wettbewerbe fangen morgens an und enden am Nachmittag. Da sind meistens so zehn Chöre dabei. Man geht auf die Bühne und fängt an zu singen (lacht). Danach gibt es die Bewertung und am Ende des Tages erhält man bei einer Feierstunde die Urkunde. Damals, auch vor meiner Zeit, gab es sogar noch den sogenannten Stundenchor.

Was ist das?

Offergeld: Da wurde ein Chorwerk ausgesucht, das man innerhalb einer Stunde einstudieren musste. Das ist, je nach Schwierigkeitsgrad, nicht so einfach. Das ist heute nicht mehr üblich.

Waren Sie vor diesen Wettbewerben nervös?

Offergeld: Natürlich war man sehr aufgeregt. Man musste nämlich zwei Mal „sehr gut“ und zwei Mal „gut“ schaffen. Wenn man schon ein Mal „befriedigend“ hatte, war man durchgefallen. Wir haben auch an dem Wettbewerb 2007 teilgenommen. Wir sind nach Langenfeld gefahren und das wäre unser zehntes Meistersingen gewesen, aber wir haben es leider nicht geschafft. Ein Jahr später konnten wir aber erneut teilnehmen und haben bestanden. Deshalb können wir sagen, dass wir 50 Jahre am Stück ein Meisterchor gewesen sind. Wir haben auch 2002 den neunten Meisterchortitel geholt und das ist sehr bewundernswert, da wir zu dieser Zeit schon sehr geschrumpft waren und wirklich Schwierigkeiten hatten. Wir hätten das auch noch ein weiteres Mal in Angriff nehmen können, aber dafür waren wir einfach zu schwach.

Inwiefern?

Offergeld: Wenn wir so etwas in Angriff genommen haben, dann haben wir mindestens ein halbes Jahr vorher angefangen die Lieder einzustudieren. Bei den letzten Malen haben wir dann auch regelmäßig Probeseminare veranstaltet. Da wurde dann samstags mehrere Stunden intensiv geprobt. Die Proben fanden in unserem Vereinlokal in der „Alten Barriere“ statt. Dort haben wir die Hälfte unseres Vereinslebens verbracht und man hat uns dankenswerterweise all die Jahre ein Klavier zur Verfügung gestellt. Die Proben waren aber auch immer mit viel Mühe und Arbeit verbunden und nicht alle Mitglieder waren davon begeistert (lacht). Das war wirklich viel Aufwand.

Sie haben aber nicht nur an Wettbewerben in Deutschland teilgenommen, sondern waren auch international unterwegs...

Offergeld: Das stimmt. Vor meiner Zeit haben die Mitglieder viele Reisen gemacht. Sie haben an einem internationalen Wettbewerb in Wales teilgenommen. 1985 ging es nach Italien. Ein Jahr später nach Österreich. 1987 fand eine Reise nach Polen statt und 1989 nach Finnland. In Italien gab es sogar eine Audienz beim Papst.

Und das Singen kam auch nicht zu kurz.

Offergeld: Richtig. Man hat die Reisen immer mit Konzerten verbunden. Dann ist man mindestens ein Mal aufgetreten, meistens aber mehrmals. Das war aber noch nicht alles an Reisen.

Wo ging es noch hin?

Offergeld: 1995 fand die Reise in die USA und nach Kanada statt. Aber es gab auch viele tolle Erlebnisse in Deutschland. Dazu zählen die Rundfunkaufnahmen und die Schallplattenaufnahmen beim WDR. Und dann gab es natürlich die Konzerte in Eschweiler, zu denen wir auch befreundete Chöre eingeladen hatten.

Und wer zählte zu Ihren bedeutendsten Gästen?

Offergeld: Wir hatten einen Chor aus Indien zu Gast, und mit einem Frauenchor aus Minsk haben wir in St. Peter und Paul ein Konzert gegeben.

Sie sind auch von der Stadt Eschweiler ausgezeichnet worden.

Offergeld: Das ist richtig. 1977 hat der Verein die Verdienstmedaille der Stadt Eschweiler bekommen. Die Auszeichnung haben wir für unsere Verdienste im kulturellen Bereich erhalten. Außerdem haben wir 1982 den „Ehrenbecher des Landrats“ im Aachener Kreishaus bekommen. Das ist eine Auszeichnung für die Anerkennung besonderer Gesangsleistungen. Die 70er und 80er Jahre waren unsere Blütezeit. Damals waren wir 30 bis 35 Sänger. Der damalige Chorleiter Hans-Josef Roth hat den Chor zum Höhepunkt gebracht. Er war Leiter des Gregorius-Hauses Aachen und wurde Dom-Kapellmeister. Dann musste er sein Amt bei uns leider aufgeben. In den ganzen Jahren hatten wir insgesamt neun Chorleiter, davon zwei Frauen. Hans-Josef Roth war 21 Jahre Chorleiter und hat den Chor sehr geprägt. Unter ihm fanden die meisten Leistungssingen statt, insgesamt vier Mal.

Was war Ihr persönliches Highlight in all den Jahren?

Offergeld: Ein Highlight für uns Sänger war, dass wir im Stadttheater Aachen mitgearbeitet haben. Da wurde 2000 die Oper „Fierrabras“ von Schubert aufgeführt. Das hat uns viel Spaß und Freude gemacht. Wir sind zwischen Januar und Mai ein bis zwei Mal in der Woche nach Aachen zu den Proben gefahren und haben im Juni bei vier Abendvorstellungen mitgemacht.

Wie sah die Arbeit in den vergangenen Jahren aus?

Offergeld: In den vergangenen Jahren haben wir uns auf kleinere Reisen konzentriert. Wir waren in Eisenach, am Bodensee, an der Laan und in Friesland. Natürlich haben wir diese Reisen immer mit Gesang verbunden und haben Abendmessen gestaltet und Kirchenkonzerte gegeben.

Auch das ist inzwischen vorbei?

Offergeld: Heute gibt es nichts großes mehr zu berichten. Wir haben nur noch hier in unseren Kirchen gesungen und sind in Altenheimen aufgetreten. Anderes war auch nicht mehr machbar.

In der kommenden Woche ist dann endgültig Schluss.

Offergeld: Das ist leider so. Am 14. Dezember singen wir während der Messe in Nothberg. Dann treten wir dort auf, wo sich der Verein 1930 gegründet hat.

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