Eschweiler - 50.000 Noten, die die Herzen tief berühren

50.000 Noten, die die Herzen tief berühren

Von: jope
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Kein Platz blieb mehr frei in der Kirche St. Peter und Paul, wo ein begeistertes Publikum die Deutschland-Premiere des Leoncavallo-Requiems miterlebte. Foto: Jana Röhseler
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Vollendete aus 50.000 Noten ein aufsehenerregendes Werk: Komponist und Kantor József Ács. Foto: Jana Röhseler

Eschweiler. In der dicht gefüllten Pfarrkirche St. Peter und Paul herrschte nach dem Verklingen der alljährlichen „Karfreitagsmusik“ zunächst harrendes Schweigen. Die Besucher schuldeten nicht nur dem vorab geäußerten Wunsch von Pfarrer Dr. Andreas Frick Respekt. Innere Ergriffenheit stand fühlbar im Raum.

Auch nach dem dann folgenden langanhaltenden Schlussapplaus blieben noch viele Zuhörer eine zeitlang im Gotteshaus: um das Gehörte zu reflektieren oder mit Freunden, Bekannten und Banknachbarn darüber zu reden. Erlebt hatten alle ein Ereignis von überrregionaler Bedeutung: die deutsche Erstaufführung der unvollendeten Totenmesse, des „Requiem“, von Ruggero Leoncavallo (1857-1919).

Die „Puzzle-Arbeit“ des Werk-Vollenders József Ács machte aus 50.000 Noten (alleine davon 8000 vom Kirchenchor St. Peter und Paul gesungen) ein zusammenhängendes Werk. Es kommt in melodiöser Schönheit und dramatischer Wucht dem berühmteren Verdi-Requiem nahe. Die im vorgegebenen liturgischen Text und in der Musik angelegte Sehnsucht nach ewiger Geborgenheit sowie die Dramatik und Ernsthaftigkeit angesichts der „letzten Dinge“ gewann hier eine eindringliche und ausdrucksvolle Gestaltung.

Aus dem kompakten Gesamtbild bleiben einige „Bilder“ besonders haften. Da war die fast moderne Harmonik des den Boden unter den Füßen wegziehenden „Dies irae“, bezeichnend die Öffnung der Gräber am Jüngsten Tag. Da war das Wehklagen des Einzelnen im Angesicht Gottes, das plastisch wurde bei den chormatischen Wehe-Rufen des Chores, der „weinenden“ Klarinette und den „schluchzenden“ Celli, die durch Pizzicati auch den dabei vergossenen Menschentränen Raum verliehen: „Lacrymosa - dies illa, Tag der Tränen - Tag der Wehen“.

Nach und neben diesen erschütternden Klängen, die József Ács mit virtuosen Orgelläufen in oberen und unteren Skalen unterstrich, wurde in der Musik auch die andere Seite des strengen Gottes - jene der Milde und Barmherzigkeit seines Sohnes Christus - tröstlich hör- und erfahrbar: beim „Pie Jesu“ (Milder Jesus“), warm und eindringlich zugleich interpretiert von Tenor Béla Mavras sowie weich-melodisch und in seiner sanften Melancholie zu Herzen gehend begleitet von dem exzellenten italienischen Solo-Klarinettisten Mauruzio D´Alessandro.

Neben dem in Köln lebenden Tenor aus Ungarn glänzten auch die beiden anderen Solo-Sänger - sowohl einzeln wie auch homogen und zu dramatischer Steigerung fähig im Terzett. Der Niederländer Frans Kokkelmans, von Stimmlage und Alter ein idealer Bariton für Partien wie jene des Leoncavallo-Requiems, ließ gleich bei seinem ersten Solo-Einsatz des „Tuba mirum“ aufhorchen, als er weiche Stimmgebung mit kraftvollem Gesang verband. Sopranistin Violetta Palatinus aus Eschweiler harmonisierte sehr schön mit Frans Kokkelmans bei dem sowohl tonschönen wie recht bewegten Agnus Dei, das später im Wechsel zwischen Solisten und Chor einen gelungenen Abschluss fand.

Innere Bereicherung

Dann tauchte - neben dem heraufbeschworenem Schrecken und dem dazu kontrastierenden Trost der barmherzigen Milde - eine dritte und ganz andere Stimmung und Klangfarbe auf: die des Feierlich-Hymnischen. „Gereinigt“ von Sünden und dem Bangen um gewährte Barmherzigkeit kann die Seele befreit dem Herrn lobsingen: Das Sanctus - „Heilig ist Gott“ - ließ der stark disponierte Kirchenchor St. Peter und Paul zu einem Lobpreis anschwellen, der über den Schrecken des Todes und die Realiltät des Karfreitags schon das Osterfest und die Wiederkunft des Messias aufleuchten ließ.

Die Karfreitagsmusik in St. Peter und Paul dürfte für Mitwirkende wie Besucher eine innere Bereicherung gewesen sein: musikalisch, emotional und spirituell. Wie gesagt: verbunden mit viel Beifall, wenn auch aus erwähnten Gründen verzögert.

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