Eschweiler - 50 Jahre nach Élysée-Vertrag: Deutsche und Franzosen ziehen Bilanz

50 Jahre nach Élysée-Vertrag: Deutsche und Franzosen ziehen Bilanz

Von: ran
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Frankreich und Nordrhein-Westfalen im Dialog: Generalkonsul Michel Giacobbi (rechts) und Landtagsvizepräsident Oliver Keymis. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Es ist eine ganz besondere Beziehung! Jahrhundertelang standen sich Franzosen und Deutsche als Feinde gegenüber. Alleine zwischen 1870 und 1945 führten beide Nationen drei Kriege gegeneinander, die Millionen Tote forderten.

Doch dies ist Vergangenheit! Bereits wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg folgte die Annäherung, inzwischen ist die französisch-deutsche Partnerschaft Realität und (vielleicht zu große) Normalität. Ein großer Meilenstein war die Unterzeichnung des „Élysée-Vertrags“, den der damalige französische Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer am 22. Januar 1963 mit dem Ziel ratifizierten, die Zusammenarbeit beider Länder auf zahlreichen Ebenen zu gewährleisten.

50 Jahre danach erinnerten und erinnern zahlreiche Feiern, Ausstellungen und Veranstaltungen an dieses Ereignis. Der Europaverein „Gesellschaftspolitische Bildungsgemeinschaft“ (GPB) wählte Frankreich in diesem Jahr zum Partnerland des Europaforums. Unter der Überschrift „Frankreich und Nordrhein-Westfalen im Dialog“ waren nun am Montagabend Oliver Keymis, Vizepräsident des NRW-Landtags und Vorsitzender der Parlamentariergruppe NRW-Frankreich, sowie Michel Giacobbi, französischer Generalkonsul, im Hotel de Ville zu Gast.

„Dass aus sogenannten Erbfeinden´ Partner werden, ist in der Welt beinahe beispiellos“, begrüßte der GPB-Vorsitzende Peter Schöner die Gäste des Europaforums. „Die Bedeutung des Élysée-Vertrags kann nicht hoch genug eingeschätzt werden“, betonte Bürgermeister Rudi Bertram in seinem kurzen Grußwort. Doch noch wichtiger als die Rückschau sei der Blick nach vorne. Und dieser sei auch mit Ernüchterung verbunden. „Nicht immer springt bei den Menschen der Funke über, wenn es um das deutsch-französische Verhältnis geht. Deshalb gilt es, vor allem die jungen Menschen beider Länder zu motivieren, den Geist dieses Vertrags wieder aufleben zu lassen“, so Rudi Bertram.

Mit Schrecken nehme er wahr, dass die Stimmung zum Thema „Europa“ innerhalb der Bevölkerung von Skepsis geprägt sei und der politisch rechte Rand erstarke. „Der europäische Gedanke darf nicht ins Hintertreffen geraten“, so der abschließende Appell des Verwaltungschefs.

Michel Giacobbi erinnerte daran, dass seit dem 22. Januar 1963, „dem Tag, an dem sich Adenauer und de Gaulle die Hände in Vertrauen reichten“, ein weiter Weg zurückgelegt worden sei. Die deutsch-französische Freundschaft, die Aussöhnung der Menschen beider Länder, sei ein Musterbeispiel. „Sie ist auch ein Garant für den Frieden. Doch sie bedarf der Arbeit. Unsere tägliche Aufgabe ist es, die Partnerschaft beider Länder und deren Menschen mit Leben zu füllen“, unterstrich der Generalkonsul, der abschließend an ein Zitat Jean Monets erinnerte. „Die Idee Europa ist nicht, Staaten zu einigen, sondern Menschen zu verbinden.“

Oliver Keymis nannte in seiner Rede die rund 250 Städtepartnerschaften zwischen Frankreich und Nordrhein-Westfalen als eines der Fundamente der Partnerschaft beider Länder. „Und diese Beziehungen gehen weit über das Symbolische hinaus“, betonte der Landtagsvizepräsident. In Zeiten der Globalisierung zögen viele Schüler aber Austauschprogramme mit den USA, Australien oder Neuseeland vor. Deshalb sei es wichtig, dass das deutsch-französische Verhältnis als Achse für einen stabilen Frieden und für europäische Werte in diese Globalisierung hineinwirke.

„Wir Europäer vergessen bei allen vorhandenen Schwierigkeiten zu häufig, welchen Traum wir leben. Der Frieden ist hier nämlich Realität!“ In Frankreich hätten viele Menschen derzeit das Gefühl, dass von Paris aus an ihnen vorbei entschieden werde.

Doch es gebe auch Anlässe zur Hoffnung: „Es existieren momentan 800 Schulpartnerschaften zwischen Frankreich und NRW. 700 französische Unternehmen unterhalten Niederlassungen in unserem Bundesland“, nannte Oliver Keymis Zahlen. „Es ist einerseits gut, dass Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland inzwischen zur Normalität gehören, andererseits birgt dies auch Gefahren.“

Sorgen müsse bereiten, dass in mehreren Ländern der EU der politisch rechte Rand erstarke. Die Zusammenarbeit des Duos Le Pen/Wilders stelle durchaus eine Gefahr dar. „Wir sollten sensibel sein und alles in unseren Kräften stehende tun, damit Europa nicht ein Europa der Anti-Europäer wird.“ Europa habe nur eine Chance, wenn Frankreich und Deutschland die treibende Achse blieben.

„Wir müssen aufmerksam sein, damit Europa das Europa der Menschen bleibt und nicht das Europa der Banktürme wird. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass es in Deutschland nach wie vor eine Mehrheit gibt, die pro-europäisch denkt“, erklärte Oliver Keymis abschließend.

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