374 Mal reicht die Rente nicht zum Leben

Von: Thomas Vogel
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Die Rente reicht vorne und hin
Die Rente reicht vorne und hinten nicht: Nicht nur diese Dame sorgt sich, in Eschweiler beziehen 374 Senioren Sozialhilfe. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Foto: imago/Sabine Gudath

Eschweiler. Gerda P. ist gerade 17 Jahre alt, als sie in einer Schneiderei beginnt zu arbeiten. In der Lohntüte ist nicht viel, aber die Arbeit macht ihr Spaß. Irgendwann lernt sie Herbert kennen und lieben. Die beiden heiraten, bekommen Nachwuchs.

Gerda kümmert sich um das Töchterchen und kündigt in der Schneiderei. Später arbeitet sie als Reinigungskraft, ist Geringverdienerin. Als Herbert an einem Herzinfarkt stirbt, ist Gerda 58 Jahre alt. Auch ihr Mann hat nie viel verdient. Ein Problem für Gerda - sie wird es merken, wenn der Rentenbescheid in der Post liegt.

Gut 350 Euro werden es in diesem Fall sein, die der Frau bleiben, 250 Euro davon Witwenrente. Geld, mit dem sie mindestens Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf finanzieren muss. Das ist aber nicht machbar, auch nicht in der Indestadt. Biographien wie diese sind für Michaela Zentis keine Ausnahme. Die stellvertretende Leiterin des Sozialamtes in Eschweiler hat täglich mit ähnlichen Schicksalen zu tun. Menschen, die manchmal viel gearbeitet haben, deren Rente aber dennoch nicht ausreicht, um einen ruhigen Lebensabend zu verbringen.

Waren es 2005 noch 384 Menschen, die in Eschweiler Leistungen nach dem SGB XII erhalten haben, sind es 2012 bereits 678 Fälle. Davon fallen 572 unter Kapitel Vier, in dem auf Dauer Erwerbsunfähige, Beschäftigte in einer Werkstatt für Behinderte und Rentner zusammengefasst sind.

Letztere machen den größten Teil aus. Von den 374 Rentnern, die Sozialhilfe empfangen, sind zwei Drittel weiblich. Die Lebensläufe der Frauen waren in der Vergangenheit wenig homogen - viele Jobwechsel, häufig mit geringem Einkommen, unterbrochen wegen Geburt und Betreuung von Kindern. Die Zahlen stammen aus einer aktuellen Sitzungsvorlage des Sozial- und Seniorenausschusses der Stadt, der das Thema ständig auf dem Schirm hat.

Was Menschen wie Gerda P. bleibt, ist der Gang zum Sozialamt. Weist der Rentenbescheid Bezüge unter 742 Euro pro Monat aus, liegt ihm gleich ein Antrag auf Grundsicherung bei. Dafür sorgt der Rententräger. Aber: „Es dauert lange, bis die Rentner kommen”, sagt Zentis.

Wenn sie überhaupt kommen. Denn viele ältere Menschen haben ein Problem damit, in den eigenen Augen als Bittsteller aufzutreten. Sie betrachten den Gang aufs Amt als entwürdigend. Es kommt nicht selten vor, dass die Kinder der Senioren oder Bekannte dann im Rathaus vorstellig werden, weil ihnen Schlimmes aufgefallen ist. „Die Schuhe kann ich noch tragen; die Bluse geht noch” - man kennt ältere Generationen als sparsam. Fängt der Mensch aber an, am Essen zu sparen, dann stimmt etwas nicht.

Das passiert - immer häufiger auch bei Menschen, die bis zu einem gewissen Punkt in ihrem Leben ein erfolgreiches Erwerbsleben als Selbstständige hinter sich haben. Die Situation im Alter schlägt um: Aus einem Leben in Arbeit in der Mitte der Gesellschaft wird eine andere, bittere Realität. „Für die Leute ist eine Jahresstromabrechnung schon schlimm, und das sind keine Menschen, die zu Hause eine Sauna betreiben oder einen Pool heizen müssen”, macht Zentis deutlich.

Maximal 374 Euro kann ein alleinstehender Rentner vom Sozialamt bekommen - als sogenannte Regelleistungen. Das ist Geld für Dinge wie Nahrung, Kleidung und Telefon. Zusätzlich gibt es unter bestimmten Umständen Geld für Krankenkassenbeiträge, Miete und Heizung. Wenn bei der stellvertretenden Sozialamtsleiterin oder einem ihrer Kollegen ein Grundsicherungsantrag eingeht, läuft zunächst einmal alles seinen geregelten Gang. Bei der Prüfung des Antrages wird beispielsweise geschaut, ob die Größe der Wohnung passt, welche Einkommen es gibt und wie hoch die Ausgaben sind, die dem gegenüber stehen. Weniger offensichtlich, aber ebenfalls eine Frage, die geklärt werden muss: Gibt es unterhaltspflichtige Angehörige?

Gibt es sie und ihr Verdienst beträgt mindestens 100 000 Euro pro Jahr, zahlt das Sozialamt nicht. Dann wird zum Beispiel der Sohn, von Beruf Chefarzt, angeschrieben, um Auskunft über seine Einkünfte zu geben. Weigern nützt nichts, denn das wird im Extremfall juristisch durchgesetzt. Bestätigt sich der hohe Verdienst, dann hat der Spross auch für das Elternteil zu sorgen. Hier kann der Angehörige zur Not gezwungen, das Geld gepfändet werden. „Man muss sich klarmachen, dass wir diese Informationen nur zum Besten der Leute sammeln. Wir sind nicht die Buhmänner, sondern wollen helfen und Probleme lösen”, erklärt Zentis.

Ein Resümee kann derzeit kaum positiv aussehen. „Die Fallzahlen steigen eindeutig, die Hemmschwelle zum Sozialamt zu gehen, sinkt”, macht sie deutlich. Der Grund ist klar: Armut im Alter - eine Situation, die sich in Zeiten niedriger Löhne eher zu verschlechtern verspricht.
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