2 Männer, 121 Jahre Arbeit und kein Ende

Von: Andreas Gabbert
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Den Lebensabend in Ruhe zu gen
Den Lebensabend in Ruhe zu genießen, kommt für viele Senioren nicht in Frage, obwohl sie längst im Rentenalter sind: Statt die Hände in den Schoß zu legen, packen sie weiter kräftig mit an und bringen ihre wertvolle Erfahrung ein. Foto: imago/Sven Simon

Eschweiler. Während die meisten ihrer Freunde und Bekannten schon längst in Rente sind und die Hände in den Schoß legen, arbeiten Erich Kuhn (78) und Hubert Schröder (71) munter weiter.

Sie genießen den Lebensabend auf ihre eigene Art und Weise - und dazu gehört eben auch die tägliche Arbeit.

Als Erich Kuhn noch mit seiner Frau gemütlich am Frühstückstisch sitzt, hat Schröder schon eine Runde mit seinem Terrier gedreht und ist gerade dabei, die Werkstatt aufzuschließen. Hier hat er schon als kleiner Junge gespielt und neugierig beobachtet, was der Vater macht.

Schon damals war für Schröder klar, dass er einmal in die Fußstapfen seines Vaters und die seines Großvaters treten würde. Vor 57 Jahren begann Schröder seine Lehre, seitdem steht er fast jeden Tag in der Werkstatt und legt fleißig Hand an. „Wenn man das ein Leben lang gemacht hat, kann man nicht einfach aufhören. Ich kann nicht nichts tun”, sagt Schröder und schiebt die Tür auf.

Erich Kuhn beginnt etwas später mit der Arbeit. Um 9.30 Uhr geht es los. Nach einem kurzen Kontrollgang und einem Blick vor die Tür nimmt der 78-Jährige an seiner Werkbank Platz und ordnet das Werkzeug. Alles hat dort seinen Platz. Der Goldschmied gießt Metalle, lötet, hämmert und sägt. Hochkonzentriert und mit ruhiger Hand bearbeitet er die filigranen Schmuckstücke. Jetzt darf er nicht gestört werden, das mag er überhaupt nicht. Dann kann das Telefon so laut schellen, wie es möchte - Kuhn hat keine Zeit - und wird auch ärgerlich, wenn Ehefrau Helmi eine Frage hat. „Ich bin auf keinen angewiesen. Hier kann ich machen, was ich will und meiner Fantasie freien Lauf lassen”, sagt Kuhn.

Dabei ist die Arbeit nicht nur ein Hobby, verdienen möchte er auch noch etwas. „Das Leben besteht nicht nur aus Hobbys, man muss sie auch bezahlen können. Dann ist es schön, wenn man eine Aufgabe hat, die einem Spaß macht”, erzählt der Goldschmied. Er kramt in Kisten, zeigt exakte Abdrücke von Schmuckstücken, holt eine Lupe raus, betrachtet sie und gerät in Schwärmen. Zu vielen weiß er eine Geschichte zu erzählen. Er holt Bilder hervor, auf denen er ein halbes Jahrhundert zuvor als junger Bursche in der Werkstatt zu sehen ist und erzählt davon, wie es früher war.

Von solchen Bildern hat Schröder auch eine ganze Kiste, sie zeigen aber ganz andere Schmuckstücke: Fahrzeuganhänger, Spezialanfertigungen und restaurierte Oldtimer wie den Jaguar-Rennwagen, dessen Front bei einem Zusammenstoß mit einem Ferrari zerknautscht wurde. Das ist Schröders Welt. Der 71-Jährige liebt es, zu tüfteln und zu planen. Manchmal verfolgen in seine Pläne sogar bis in den Schlaf. „Da hab ich letzte Nacht von geträumt”, sagt er manchmal, wenn er mit seinem Sohn vor einer Konstruktion steht und die Beiden gemeinsam überlegen, was man noch verbessern könnte.

Diskutieren mit dem Sohn

Er liebt es, mit seinem Sohn Markus zu diskutieren, dem 35-Jährigen Tricks und Kniffe zu zeigen und den reichhaltigen Erfahrungsschatz zu teilen, den er in all den Jahren in dem Familienbetrieb und als Obermeister der Karosseriebauer-Innung des Bezirks Aachen gesammelt hat. „Welcher Betrieb würde auf diese Erfahrung schon gerne verzichten wollen”, fragt Schröder-Junior, ohne eine Antwort darauf zu erwarten.

Dabei war lange Zeit nicht klar, dass er den Betrieb übernehmen würde. Vor sieben Jahren saß Hubert Schröder nach einem Schlaganfall von einem Tag auf den anderen im Rollstuhl. Er konnte sich kaum noch bewegen und sprechen. Da entschied sich der jüngste der beiden Söhne, die eingeschlagene Berufslaufbahn als Industriekaufmann zu verlassen und den Betrieb, den sein Urgroßvater im Jahr 1874 gegründet hatte, fortzuführen.

Verblasste Unterschriften

Zum Glück hat sich Hubert Schröder schnell wieder erholt. Er wollte schnell wieder in sein Reich, seine Werkstatt zurück. Mit Willenskraft und ganz viel Übung eroberte er sich seine Fähigkeiten zurück, so dass er heute wieder meist der Erste ist, der morgens die Halle betritt. „Wenn man älter ist, schläft man ja auch nicht mehr so viel”, sagt Schröder mit einem Lachen im Gesicht, stellt den Schweißbrenner an und lässt die Funken fliegen.

Auch Erich Kuhn ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten, als er 1956 seinen Meister machte. Die Unterschriften auf den Gesellen und Meisterbriefen, die den Laden an der Dürener Straße schmücken, sind schon etwas verblasst, nur die unter dem Goldenen Meisterbrief ist noch frisch. Nach dem Krieg seien die Verantwortlichen der Kohlegruben in die Schulen gekommen, um Arbeiter anzuwerben. „Sie lockten mit Lebensmittelkarten, gutem Verdienst und vielen Extras. Ich hatte aber keine Lust dazu, ich wollte den Beruf meines Vaters lernen”, erinnert sich Kuhn.

Heute führt er das Geschäft gemeinsam mit seiner Frau. „Wir machen das zusammen, er ist der Handwerker, ich bin die Kauffrau”, erklärt sie. Seit 14 Jahren könnte er bereits in Rente sein, sie seit elf. Der Sohn und die Tochter sind zwar beide gelernte Handwerker, sie wollten den Betrieb aber nicht übernehmen. „Sie haben den Vater immer arbeiten sehen”, lautet die Erklärung der Mutter. Auch heute ist Erich Kuhn noch meist an seinem Arbeitsplatz zu finden. „Man braucht ihn nie zu suchen: Wenn er nicht in der Wohnung ist, dann ist er in der Werkstatt”, weiß seine Frau.

Wie lange Kuhn und seine Frau noch weitermachen wollen, wissen sie noch nicht. Lange jedenfalls nicht mehr. Die Freude an der Arbeit schwindet immer mehr. Zu oft wurde in den vergangenen Jahren in das Geschäft eingebrochen, die Erinnerungen an einen Raubüberfall im Jahr 2007 sitzen besonders tief. Nur ungern lassen sie den Laden alleine, worunter auch ihre Hobbys wie Schwimmen, Segeln, Skifahren und Wandern leiden müssen. Viel Bewegung ist den rüstigen Senioren wichtig, aber trotzdem spielt die Gesundheit bei ihren Überlegungen auch eine Rolle: „Wenn man Freunde und Bekannte sieht, die von einem Tag auf den anderen krank werden, gibt das einem zu denken”, sagt Kuhn mit ernstem Blick.

Hubert Schröder denkt noch lange nicht ans Aufhören. Dazu hat er noch zu viele Pläne. Acht Stunden am Stück schafft er es nicht mehr, da muss zwischendurch auch mal Pause sein. Er will aber weitermachen, so lange es geht. Vater und Sohn tüfteln gerade wieder an einem neuen Projekt. Sie entwickeln ein Fahrrad mit vier Sitzen, ein so genanntes Social-Tandem. „Wir haben immer etwas vor”, sagt er.
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