Sein Lebensinhalt ist die Gesellschaft für bedrohte Völker

(ran) | 21.06.2010, 16:57

Eschweiler. Tilman Zülch, Gründer der «Gesellschaft für bedrohte Völker», wird der Träger des Europäischen Sozialpreises 2010 des Europavereins «Gesellschaftspolitische Bildungsgemeinschaft» (GPB).
Nachdem das Direktorium des Europäischen Sozialpreises sowie der Vorstand der GPB auf ihren Sitzungen den 70-Jährigen nominiert hatten, stimmten am Sonntagvormittag die GPB-Mitglieder während der Mitgliederversammlung im Gasthaus am Markt dem Vorschlag einstimmig zu. Der neue Preisträger wird die Ehrung am 3. Oktober im Eschweiler Ratssaal entgegennehmen.

«Tilman Zülch sieht seine Aufgabe darin, sich überall einzusetzen, wo es Leid und Elend gibt», begründete Peter Schöner, Vorsitzender der GPB und des Direktoriums des Europäischen Sozialpreises, die Entscheidung. «Er verkörpert die Leitgedanken des Europäischen Sozialpreises, die gelebte Bürgerbeteiligung, Solidarität und sozialen Zusammenhalt sowie ziviles Engagement als Mehrwert für die Gesellschaft in den Mittelpunkt stellen, vorbildlich.»

Tilman Zülch wurde am 2. September 1939 in Deutsch-Libau im Sudentenland geboren. Er wuchs in Hamburg auf, engagierte sich als Jugendlicher in der Bündischen Jugend und legte im Jahr 1960 sein Abitur am Gymnasium Louisenlund im Kreis Eckernförde ab. Von 1961 bis 1967 studierte Tilman Zülch Volkswirtschaft und Politik in Graz, Heidelberg und Hamburg. 1963 war er zweiter Vorsitzender des Sozialdemokratischen Hochschulbundes in Hamburg.

Gemeinsam mit Klaus Guerke gründete Tilman Zülch im Jahr 1968 die «Aktion: Biafra-Hilfe», durch die er auf den Völkermord an den Ibos in Biafra/Ostnigeria aufmerksam machte. Dank der durch die Kirchen organisierte internationale Luftbrücke wurde Zülch Zeuge dieses Genozids. 1970 ging dann aus der «Aktion Biafra-Hilfe» die «Gesellschaft für bedrohte Völker» hervor.

Deren Hauptanliegen ist die Arbeit für ethnisch oder religiös verfolgte Gemeinschaften auf allen Kontinenten und unter allen politischen Systemen. Die Menschenrechtsorganisation bekämpft Genozid, Ethnozid, Vertreibung und Rassismus, setzt sich für die Anerkennung und Integration politischer Flüchtlinge ein und kämpft für die Rückkehr Vertriebener in Würde. Verbindliche Leitlinien der politisch und ökonomisch unabhängigen Gesellschaft, die von mehr als 15000 Mitgliedern getragen wird, sind die Wahlsprüche «Auf keinem Auge blind» und «Von denen keiner spricht». Die Organisation besitzt seit 1993 «beratenden Status» beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen und seit 1995 «mitwirkenden Status» beim Europarat. Nationale Sektionen unterhält die «Gesellschaft für bedrohte Völker» nicht nur in Deutschland (Göttingen und Berlin) sondern auch in der Schweiz, Österreich, Italien sowie in Bosnien-Herzegowina (Sarajevo und Srebrenica) und in Arbil im kurdischen Teil des Iraks. Repräsentanten haben ihre Sitze in London, New York und Luxemburg.

Zu Beginn der 80er Jahre gehörte Tilman Zülch zu den Gründungsmitgliedern der Grünen in Göttingen, ist seither aber parteilos. Seit 1995 ist der künftige Träger des Europäischen Sozialpreises Mitglied der Jury des Weimarer Menschenrechtspreises und einer der Förderer des «Zentrums gegen Vertreibungen». Seine Stasi-Akte, die in der DDR über ihn angelegt wurde, betrachtet er als «Anerkennung» seiner Arbeit in der «Gesellschaft für bedrohte Völker».