Nordeifel - Zwischen Leben und Tod liegt eine Sekunde

Zwischen Leben und Tod liegt eine Sekunde

Von: Isabelle Hennes
Letzte Aktualisierung:
Jedes Kreuz am Straßenrand st
Jedes Kreuz am Straßenrand steht für ein Schicksal. Die Initiative Crash Kurs möchte junge Menschen mahnen, damit sie nicht selbst oder ihre Familien solch ein Schicksal erleiden müssen. Foto: imago

Nordeifel. Stell dir vor, der Stuhl neben dir im Klassenzimmer bleibt leer. Nicht, weil der derjenige blau macht, sondern weil er bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Norbert Karl von der Polizei Aachen findet deutliche Worte am Freitagmorgen in der Aula der Monschauer Elwin-Christoffel-Realschule. So deutliche Worte, dass es mucksmäuschenstill ist.

Die Schülerinnen und Schüler der zehnten Klassen der Realschule und der Hauptschule Roetgen sitzen betroffen auf ihren Stühlen, wissen nicht so recht, was sie sagen sollen.

Der sogenannte Crash-Kurs NRW - Realität erfahren. Echt hart. Das hat ihnen schlichtweg die Sprache verschlagen. Crash Kurs will ermahnen, schonungslos aufklären und zeigen, was hinter den „Killern des Straßenverkehrs” - Drogen Alkohol, zu schnelles Fahren, Ablenkung, Imponiergehabe - steckt und wie sie zu verhindern sind. „Was wir nicht wollen, ist den bösen Zeigefinder heben”, sagt Karl. Die 15- und 16-jährigen Mädchen und Jungen sollen auf emotionale Art und Weise für das Thema Verkehrsunfälle - vor allem tödlich endende - sensibilisieren.

Marie Clahsen und Celina Jentges aus Mützenich sind zwei der 110 jungen Menschen, die in die Aula gekommen sind. „Wir glauben, dass es ziemlich emotional wird”, sagen sie. Das wurde es. Zu Beginn sahen die Jugendlichen Bilder von schlimmen Verkehrsunfällen in der Region Aachen. Vollkommen zerstörte Autos, Menschen, die auf einer Trage vom Notarzt behandelt werden, Blut, das noch am Lack des Unfallautos zu sehen ist. Eine Sekunde ist es, die über Leben und Tod entscheidet. Eine Sekunde, und es bleibt nur das Paar Turnschuhe von einem jungen Menschen am Unfallort zurück.

Nachtschicht zunächst ruhig

Gemeinsam mit Karl waren ein Notarzt, ein Rettungssanitäter, ein Polizist und eine Mutter (per Videobotschaft) in die Aula gekommen, um ihre Geschichten zu erzählen. Da war die Geschichte von Balthasar Tirtey, Polizist im Wach- und Wechseldienst aus Alsdorf. Er erinnerte sich an den Rosenmontag im vergangenen Jahr. Es war der 7. März. Die Nachtschicht fing zunächst ruhig an. Er hoffte, pünktlich Feierabend machen zu können, weil er am darauffolgenden Tag seinen Geburtstag feiern wollte. Dann kam gegen 23 Uhr das Funksignal.

Ein schwerer Unfall auf der Roermonder Straße, zwei junge Menschen sind nach einem Frontalzusammenstoß mit dem Gegenverkehr im Auto eingeklemmt. Als er mit seinen Kollegen an der Stelle ankommt, wo der Unfall passiert ist, kommt ihm schon der Notarzt entgegen. Dem Fahrer, da sei er sich sicher, könne nicht mehr geholfen werden. Der Beifahrer wird aus dem Auto befreit und kann mit einem Rettungswagen ins Aachener Klinikum gebracht werden.

Am nächsten Morgen fährt Tirtey ins Klinikum, um sich nach der Identität des Beifahrers zu erkundigen, die immer noch nicht feststeht. Kurz bevor er bei der Intensivstation ankommt, stirbt auch der Beifahrer. Tirtey muss zwischendurch immer wieder eine Pause machen, das Geschehene kann er nicht vergessen. Er hat die Bilder im Kopf. „Der Arzt sagte, es wäre besser, dass er gestorben ist”, erinnert sich Tirtey. So etwas sagt ein Arzt selten.

Linda Melchior wollte Heilerzieherin werden. Fünf Tage vor ihrem 16. Geburtstag stirbt sie bei einem Unfall. Nadine Melchior, ihre Mutter, erzählt ihre Geschichte. Es ist nicht nur Lindas Geschichte, sondern auch die ihrer Familie und die des Fahrers, der bei dem Unfall am Steuer saß. 2008 war Linda bei einer Motto-Party eingeladen. Es war ausgemacht, dass sie mit ihrer Freundin und deren Freund, der schon einen Führerschein hatte, nach Hause kommt.

Nach der Feier beschließen die jungen Leute, noch in einer Kneipe weiter zu feiern. Dort lernt Linda einen netten jungen Mann kennen. Sie einigen sich darauf, zu ihm zu fahren, weil er sturmfrei hat. Auf dem Weg zu ihm knallt das Auto gegen einen Baum. Linda stirbt an der Unfallstelle, der junge Mann kommt verletzt ins Krankenhaus, kann aber schon bald wieder entlassen werden. Das Leid und die Trauer bleiben.

„Es hat lebenslänglich, genau wie wir”, sagt Nadine Melchior zitternd. Es ist der letzte Satz ihrer Botschaft. „Das war sehr beeindruckend”, sagen Marie Clahsen und Celina Jentges zögernd. Auch Oliver Steffens, weiß nach der Veranstaltung nicht so recht, was er sagen soll. „Ich gehe auf jeden Fall mit einem anderen Gefühl nach Hause, als ich gekommen bin.”

Dass die Jugendlichen danach ein schlechtes Bauchgefühl haben, ist gewollt. Darin besteht die Chance, Nachhaltigkeit zu bewirken. Das sieht auch Schulleiter Peter Groeten so. Viele Mädchen und Jungen können bald damit beginnen, ihren Führerschein zu machen. Sie dürfen, wenn sie 17 Jahre alt sind, gemeinsam mit einer Begleitperson ins Auto steigen.

Obwohl die jungen Menschen lediglich acht Prozent der Bevölkerung aus, verursachen sie 20 Prozent der schweren Verkehrsunfälle. Mit Hilfe von Crash Kurs soll daran etwas geändert werden. Damit demnächst auf jedem Stuhl im Klassenzimmer jemand sitzt.
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