Zwangsarbeiterin in der Eifel: „Ein Leben lang an Menzerath gedacht“

Von: Peter Stollenwerk
Letzte Aktualisierung:
15439420.jpg
Lebendige Erinnerungen: Anna Kvasiuk kehrte nach 73 Jahren noch einmal in das Zimmer des Hauses in Menzerath zurück, wo sie während des Zweiten Weltkrieges als Zwangsarbeiterin untergebracht war. Das Kleid auf dem Bett hat eine eine ganz besondere Bedeutung. Foto: P. Stollenwerk
15439427.jpg
Dieses Zusammentreffen in Menzerath hat sich Anna Kvasiuk lange gewünscht, die mit Tochter Elena und Enkelin Anna (vorne li.), das Haus in Menzerath besuchte, in dem heute Andreas Kreitz, der Enkel von Katharina Leuther, mit Ehefrau Waltraud Harzheim-Kreitz sowie den Töchtern Marie-Ann und Johanna lebt. Oben rechts: Marlene Kreitz, geb. Leuther, die drei Jahre alt war, als Anna Kvasiuk als Zwangsarbeiterin nach Menzerath kam. Foto: P. Stollenwerk

Monschau. 91 Jahre alt ist Anna Trofimovna Kvasiuk. Die hoch betagte Frau lebt in Odessa in der Ukraine und hat sich im Herbst 2017 auf den Weg in die Eifel gemacht, wo sie vor über 70 Jahren die vielleicht prägendste Zeit ihres ganzen Lebens verbracht hat. In dieser Woche dürften die Eindrücke nicht minder stark gewesen sein.

Der Zweite Weltkrieg tobte in Europa, als Anna Kvasiuk nach Deutschland verschleppt wurde. Anderthalb Jahre war sie als Zwangsarbeiterin im kleinen Örtchen Menzerath zwischen Imgenbroich und Monschau als Haushaltshilfe bei Katharina und Paul Leuther beschäftigt, ehe sie im Frühherbst 1944 wie fast alle Eifelbewohner evakuiert wurde, um nicht den vorrückenden Amerikanern in die Hände zu fallen. Nach Kriegsende gelangte sie auf vielen Umwegen wieder in ihre Heimat am Schwarzen Meer.

73 Jahre später kehrte nun die inzwischen 91-Jährige noch einmal in das Haus in Menzerath zurück, das direkt neben dem evangelischen Friedhof liegt und sich noch immer im Familienbesitz befindet. Andreas und Waltraud Harzheim-Kreitz leben heute hier mit ihrer Familie. Es war ein Herzenswunsch von Anna Kvasiuk, noch einmal jenes Haus zu sehen, wo sie eine unvergessliche und aufwühlende Zeit ihrer Jugendjahre verbracht hat. Das Zusammentreffen mit der Familie war eine ebenso freudige wie auch hoch emotionale Begegnung. „Ich habe ein Leben lang an Menzerath gedacht“, sagte die rüstige alte Dame zu Beginn ihres einwöchigen Besuches.

Erinnerungen ziehen vorbei

Sie sitzt im Garten des Hauses mit wachem Blick und einem freundlichen Lächeln. Die Erinnerungen ziehen an ihr vorbei. Im Gegensatz zu vielen anderen Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg verbindet Anna Kvasiuk ihr Schicksal mit vielen positiven Erinnerungen, da sie sich bei der Familie Leuther in Menzerath sehr wohl fühlte. Schnell kommt Anna Trofimovna Kvasiuk ins Erzählen, und man gewinnt den Eindruck, als wäre alles erst gestern gewesen, denn die 91-Jährige kann sich auch nach mehr als 70 Jahren noch an jedes Detail erinnern, besonders an drei Kleinkinder Maria, Marlene und Margret, die damals zwischen zwei und vier Jahre alt waren und heute bereits Großmütter sind.

Doch warum musste so viel Zeit verstreichen, ehe Anna Kvasiuk der innige Herzenswunsch eines Besuches in Menzerath erfüllt wurde?

Erst der Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre ermöglichte vor 25 Jahren eine erste Kontaktaufnahme. 48 Jahre nach dem Weggang von Anna Kvasiuk traf plötzlich ein Brief aus Odessa in Menzerath ein. Annas Tochter Elena, die Deutsch studiert hatte, hatte sie beim Schreiben des Briefes unterstützt. Katharina Leuther schrieb zurück und legte ein Foto bei. Der Kontakt war wieder hergestellt, Briefe und Telefonate folgten. Die Kinder hielten den Kontakt aufrecht, und im Jahr 2013 kam es dann nach langer Zeit erstmals wieder zu einer persönlichen Begegnung der Familien in Odessa.

Der Gegenbesuch in der Eifel wurde aber erst vier Jahre später möglich, nachdem die EU im Juni 2017 die Visafreiheit für die Ukraine beschloss. Das Besuchsprogramm für Anna Kvasiuk in der Eifel drehte sich immer wieder um die Erinnerungen im Zweiten Weltkrieg, denn vor ihrer Zuweisung nach Menzerath war sie unter ungleich schwereren Bedingungen zur Zwangsarbeit in Aachen eingeteilt worden.

Ihrer damaligen Wirtin Katharina Leuther begegnete Anna Kvasiuk leider nicht mehr persönlich; sie starb bereits 1996 im Alter von 86 Jahren. Als man jetzt deren Grab auf dem Friedhof in Imgenbroich besuchte, begann Anna Kvasiuk laut zu beten. „Frau Katharina war wie eine Mutter für mich“, sagt Anna Kvasiuk, die als 17-Jährige nach Menzerath kam. „Obwohl Krieg herrschte, hatte ich nie Angst“, erzählt sie. Sie arbeitete in der Landwirtschaft, half im Haushalt und kümmerte sich um die drei kleinen Mädchen, mit denen sie sich bald anfreundete.

Als sie erstmals nach 73 Jahren das Haus in Menzerath wiedersah, brauchte sie nicht lange, um die Orientierung wiederzufinden. Trotz erheblicher Umbauten im stilvoll gestalteten Fachwerkhaus erkannte Anna Kvasiuk sogleich das Fenster wieder, hinter dem einst ihr Zimmer lag. „Alles ist anders geworden“, erzählt die 91-Jährige. Damals habe es nur eine Handvoll Häuser in Menzerath gegeben, „und auf der Straße hinunter nach Monschau sah man damals nur selten ein Auto“. Die mitgereiste Tochter Elena fungiert derweil fleißig als Dolmetscherin.

Aber je länger Anna Kvasiuk erzählt, um so mehr mischt sie ihre Erinnerungen mit deutschen Sprachanteilen, die sich tief bei ihr verinnerlicht haben. Sie spricht plötzlich von „Weggemännchen“, „Nikolaus“ und „Hans Muff“. Sie fühle sich, „als ob die Jugendjahre zurückgekehrt sind“, lacht Anna Kvasiuk.

Und dann gab es da noch ein Sonntagskleid, das Katharina Leuther damals für Anna gekauft hatte. Als die plötzliche Evakuierung einsetzte, blieb das Kleid in ihrem Zimmer in Menzerath zurück. Immer wieder träumte Anna davon, dass sie das Kleid noch holen müsse, auch als sie schon längst wieder in der Ukraine lebte.

Als Anna Kvasiuk nun in der vorigen Woche nach 73 Jahren nach Menzerath zurückkehrte und noch einmal ihr Zimmer sehen wollte, lag auf dem Bett ein Kleid. Es war zwar nicht das gleiche wie aus dem Jahr 1944, aber ihr Traum war wahr geworden.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert