„Zwangsarbeiter“ im Monschauer Land in den Kriegsjahren

Von: jsz
Letzte Aktualisierung:
12429947.jpg
Auch in der Nähe des heutigen Sportplatzes an der Monschauer Flora befand sich ein Gefangenenlager: Der Arbeitskreis Zwangsarbeiter der Heimat-AG erforscht die Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter im Monschauer Land. Foto: Verein für Heimatgeschichte Imgenbroich

Nordeifel. Was mag nur aus Stefan und Bartosz geworden sein? Während der letzten Kriegsjahre und kurz danach haben die beiden polnischen Kriegsgefangenen auf einem Bauernhof in Lammersdorf gearbeitet. Was mit ihnen geschehen ist, weiß hierzulande vermutlich niemand.

So wie Stefan und Bartosz mussten Millionen Menschen aus Osteuropa, aber auch aus Italien, Frankreich, Belgien und anderen europäischen Ländern für die Deutschen schuften. Um ihr Schicksal und das vieler anderer Kriegsgefangener, Fremdarbeiter, Ostarbeiter, ziviler Zwangsarbeiter (oder wie man die zur Arbeit gezwungenen Menschen auch immer nannte) aufzuklären, hat sich vor einigen Monaten innerhalb der „Heimat-AG“ – dem Zusammenschluss der Heimat- und Geschichtsvereine sowie sachkundiger Privatpersonen im Monschauer Land – der „Arbeitskreis Zwangsarbeiter“ gebildet.

Der aus zehn Personen bestehende Arbeitskreis baut auf den bisherigen Nachforschungen und Erkenntnissen zum Thema Zwangsarbeit auf und stellt sie zusammen. Alle wichtigen Daten und relevanten Angaben werden akribisch erfasst; schon jetzt umfasst die erstellte Dokumentation mehr als 100 Seiten.

Auch Kinder zur Arbeit gezwungen

„Natürlich ist es nicht immer einfach, an gesicherte Daten und Namen zu kommen. Leider gibt es immer noch zu wenig Offenheit, was Informationen angeht, die etwas Licht in die dunkle Epoche der nationalsozialistischen Ära bringen könnten“, räumt Manfred Huppertz aus Konzen, selbst aktiver Teilnehmer des Arbeitskreises, ein.

Dabei sei längst bekannt, dass auch im idyllischen Monschauer Land hunderte Menschen – vornehmlich aus Osteuropa – die durch den Kriegsdienst entstandenen Lücken in Fabriken, Handwerksbetrieben, Bauernhöfen und kinderreichen Familien auffüllen mussten; selbst Kinder seien zur Arbeit gezwungen worden. „Während die Sparte der Kriegsgefangenen ausschließlich aus Soldaten bestand, wurden die zivilen Zwangsarbeiter in ihren Heimatländern meist auf offener Straße requiriert und nach Deutschland gebracht“, sagt Huppertz.

Gesichert ist, dass in fast allen Dörfern des Altkreises Monschau Zwangsarbeiter beschäftigt wurden. Allein im damals größten Unternehmen des Kreises waren hunderte Russen, Polen und Menschen anderer Länder tätig. Darunter befanden sich auch mehr als 100 Frauen und Mädchen (sogenannte Ostarbeiterinnen), die in einem besonderen Lager gefangen gehalten wurden. Auch in Monschau an der Flora, in Strauch und in Rurberg befanden sich Gefangenenlager, die teils von der Wehrmacht, aber auch von einheimischen (privaten) Schergen bewacht wurden.

Für Jürgen Siebertz aus Lammersdorf, der 2011 die Heimat-AG ins Leben rief, stellen sich derweil ganz andere, weiterführende Fragen: „Wie war es möglich, dass unsere schlichten, sicher auch gottesfürchtigen Eifeler zugesehen oder sogar mitgewirkt haben, wie unschuldige Menschen, denen das faschistische Nazi-System den Stempel ‚unwürdig‘ aufgedrückt hatte, in ungeheizten Bretterbuden ein elendes Dasein führen und oftmals verhungern mussten?“

Manche Gefangene seien beim täglichen, langen Marsch von ihrem Lager an ihre auswärtigen Arbeitsplätze vor den Augen der Dorfbewohner zusammengebrochen und hätten oft unversorgt liegen bleiben müssen. „Wer waren die Denunzianten, die alles meldeten und weitergaben, was nicht mit den Nazi-Gesetzen in Einklang stand?

Wie kann man heute, nachdem so viele Schandtaten und Gräuel bekannt geworden sind, immer noch behaupten, dass man nichts gewusst oder gesehen hat, was das für Leute waren, die in Kolonnen (manchmal über 100 Personen) durch die Straßen getrieben wurden und zum Beispiel Strecken vom Buhlert bis Lammersdorf unter unvorstellbaren Bedingungen und mit katastrophalem Schuhwerk zweimal täglich zu Fuß zurücklegen mussten?

Wollte die Bevölkerung wirklich nicht wahrhaben, welche Verbrechen die Nazis (zu denen ja oft der nächste Angehörige oder der ‚gute Nachbar‘ gehörte) vor ihren Augen begingen?“, fragt Siebertz.

Auch für Arbeitskreismitglied Rolf Wilden aus Roetgen ist klar: „Heute wissen wir, dass die Nazis Millionen Menschen für ihre Zwecke missbrauchten und unter dem Stichwort ‚Vernichtung durch Arbeit‘ liquidierten. Oft wird auch gesagt, man sei sich nicht bewusst gewesen, dass man Schuld auf sich geladen hätte. Man fragt sich, warum denn die eingesperrten, noch lebenden Juden aus den Konzentrationslagern im Osten in großer Hektik in Richtung Westen getrieben wurden, warum viele Menschen an der Westgrenze vor ihrer Evakuierung ihre Hitlerbilder, Fahnen und Embleme verbrannten, Ehrenzeichen, Dolche und NS-Symbole im Garten vergruben oder in Brunnen versenkten. Hatte man doch Angst, später wegen irgendwelcher Verbrechen beschuldigt zu werden? Wollte man jetzt mit dem Nazi-System nichts mehr zu tun haben?“

Erwin Finken aus Simmerath, ebenfalls Mitglied des „Arbeitskreises Zwangsarbeiter“ meint dazu: „Auf der ‚Sowjetischen Kriegsgräberstätte Simmerath-Rurberg‘, im Volksmund auch ‚Russenfriedhof‘ genannt, wurden 2322 Personen, die in der Region gearbeitet haben, zur letzten Ruhe gebettet. Hinter jedem Grabstein versteckt sich ein Schicksal, von dem man nur erahnen kann, wie grausam Menschen sein können. Diese bedauernswerten Leute sind nicht irgendwo in Deutschland zu Tode gekommen - nein – sie starben in unserer Heimat und sicher nicht nur an Altersschwäche.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert