„Wir Nachkriegskinder“: Bunker und Höcker als Spielplatz

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In Huppenbroich von „Hupp70plus“-Organisator Hans Keutgen herzlich begrüßt: Heimatautor Jürgen Siebertz a (re.) aus Lammersdorf. Foto: Gabriele Keutgen-Bartosch

Huppenbroich. Einen besonderen Gast konnte der Vorsitzende des Kapellenvereins Huppenbroich, Hans Keutgen, im Namen der „Hupp70plus“- Senioren zum Frühlingstreffen begrüßen.

Der Lammersdorfer Heimatforscher Jürgen Siebertz las vor einer durchaus zu seinem neuesten Buch passenden Zuhörergruppe, war doch genau die Altersklasse vertreten, um deren Kindheit und Jugendtage es ging.

Die Huppenbroicher Vereine hatten ihre Senioren in der vergangenen Woche zum Mittagstisch mit leckerem Gulasch eingeladen. 25 Personen folgten der Einladung und allen schmeckte es vorzüglich. Nach dem Essen gesellte sich dann der Autor des Buches „Wir Nachkriegskinder, Kindheit und Jugend im Monschauer Land“ zu der Runde. Zunächst las der Autor einen Abschnitt aus dem Vorwort, der die Anwesenden zurück in die ersten Jahre nach dem Krieg führte. Immer wieder gab es zustimmendes Nicken oder Murmeln. Hin und wieder ein Lächeln bestätigte dem Autor, dass er den Nerv der Zuhörer traf.

Die Kindheitserinnerungen waren in vielen Dingen identisch mit denen der Anwesenden. Anhand von Zeichnungen, per Beamer an die Leinwand geworfen, holte Jürgen Siebertz dann Bilder aus längst vergangenen Jahrzehnten wieder vor die Augen und ins Herz, wie eine Seniorin etwas wehmütig anmerkte. Da war von bitterer Armut die Rede, aber auch vom Teilen und Anteilnahme, von Höflichkeit und Schabernack treiben.

Noch heute, so Siebertz, bewahre er buntes Geschenkpapier vom Heiligen Abend auf oder kratze die allerletzten Butterreste von der Folie und schlecke mit dem Zeigefinger die Überbleibsel in Marmeladen- und Kompottgläsern mit dem Zeigefinger heraus.

Siebertz erinnerte an die Spiele und den Zeitvertreib der damaligen Zeit, wie Kreisel drehen und Ballspielen ebenso dem Spielen mit Kriegsmunition und Stahlhelmen. Ein Fußball wurde aus alten Lumpen gedreht. Ein anderes weit verbreitetes Spielzeug waren die Tellerminenringe, welche mit einem steifen gebogenen Draht im Laufschritt über die Straße geführt wurden. Die Höckerlinie und die Bunker waren beliebte Spielorte. Der Krieg war noch so nahe und keiner nahm Anstoß daran. Wald und Wiese boten einen riesigen Spielplatz.

Die heute undenkbaren Züchtigungen mit dem Rohrstock und dem Gürtel von Vaters Hose wurden erwähnt. Erziehungsmethoden wie Ohrfeigen, Beschimpfungen, Verdächtigungen u.v.m. waren an der Tagesordnung. Man kannte es ja auch nicht anders und war guten Glaubens seitens der Eltern, dass man das Beste für Sohn und Tochter tat.

Beim Baden ging es der Reihe nach

Das Schlachten von Tieren war damals an der Tagesordnung und schon Kinder halfen tüchtig mit. Es wurden Maikäfer und Kartoffelkäfer von den Pflanzen gesammelt, um diese zu schützen. Mit wilden Himbeeren, Waldbeeren, Brombeeren und Nüssen, Pilzen und Bucheckern wurde die Küche für Mensch und Tier ergänzt. Alles konnte verwertet werden. Trinkwasser gab es nur aus dem Brunnen, und man ging sorgsam mit dem kühlen Nass um. Gebadet wurde nur am Wochenende in einer emaillierter Wanne und es ging immer schön der Reihe nach. Zuerst stieg Vater in die Bütt und es folgten die Mutter und dann die Kinder. Am Ende war da oft nur noch eine recht dunkle Brühe vorhanden. Aber das war überall so. Jürgen Siebertz: „Wir kannten keinen Neid, keine Konkurrenz. Wir trugen keine Markenkleidung und wir waren fröhliche Kinder. In den 50iger Jahren kamen Petticoat und Texashosen und Elvis Presley in unser Leben. Coca Cola und Kicker machten süchtig und unsere Eltern waren schier am Verzweifeln. Aber aus uns ist dennoch etwas geworden“, stellte man gemeinsam am Ende der Lesung fest.

Hans Keutgen dankte dem Heimatschriftsteller mit herzlichen Worten für einen unterhaltsamen Nachmittag und überreichte einen guten Tropfen aus der Region. Nach Kaffee und Kuchen zum Ausklang der Veranstaltung endete wieder einmal ein schöner Nachmittag für die „Hupp70iger“.

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