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Windpark Lammersdorf: „Der Wald wird zum Industriegebiet“

Von: hes
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Sieben Windenergieanlagen vom Anlagentyp V 112 entstehen derzeit im Lammersdorfer Wald. Ein Transparent an der Zufahrt zur Großbaustelle zeigt die genauen Standorte, technische Angaben und diktiert Verhaltensregeln und gibt Warnhinweise beim Betreten.
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Nach eigenem Bekunden „keine Windkraftgegner, sondern Gegner von Windkraftanlagen im Wald“ (v. li.): Herbert Klinkenberg, Rainer Hülsheger sowie Katharina und Rainer Ständer.

Lammersdorf/Nordeifel. „Es ist frustrierend, dass wir als kleiner Verein nicht die Mittel haben, um dagegen vorzugehen“, sagt Katharina Ständer. Dennoch könne und wolle der Natur-Landschaftsschutz-Nordeifel e.V. (NLN) die positive öffentliche Darstellung des gerade entstehenden Windparks Simmerath im Lammersdorfer Wald nicht unwidersprochen lassen.

„Geschönt, unvollständig und teils auch falsch“ seien etliche der Aussagen, die die Vertreter des künftigen Betreibers der sieben Anlagen im Bericht unserer Lokalausgabe vom 18. August („Großbaustelle mitten im Wirtschaftswald“) getroffen hätten.

Katharina Ständer, ihr Mann Rainer Ständer und Herbert Klinkenberg als Vertreter des 2014 gegründeten NLN sowie Rainer Hülsheger aus Rott, Vorstandsmitglied der Landesgemeinschaft Naturschutz und Umwelt NRW (LNU), haben im Gespräch mit unserer Zeitung konkrete Aussagen, Standpunkte und Zitate des Berichts aufgenommen und dem ihre Sicht der Dinge gegenübergestellt.

„Lammersdorf ist ein sehr guter Standort für Windkraft“

Diese Aussage von Frank Brösse, dem Geschäftsführer der Windpark-Betreibergesellschaft Stawag Energie GmbH, „mag ja noch stimmen“, sagt Rainer Ständer. „Aber warum legen die Behörden oder der Betreiber die Ergebnisse der Windmessungen im Lammersdorfer Wald dann nicht mal auf den Tisch?“, wundert sich Ständer über fehlende Transparenz.

Rainer Hülsheger stört am Zitat des Stawag-Vertreters auch, dass dieser damit indirekt die Energiegewinnung als höheres Gut über die Natur stelle. „Wer bewertet das denn? Die Gewinnung von Energie geschieht hier mit einem Wirkungsgrad von zwei Dritteln gegenüber einer Off-Shore-Anlage. Ist das dann trotzdem noch ein höheres Gut als ein wachsender Wald?“, fragt sich Hülsheger.

Aus einer anderen Warte bewertet Katharina Ständer den angeblich „sehr guten Windkraftstandort Lammersdorf“. „Warum muss die Windkraft denn immer und immer weiter ausgebaut werden? 2400 bis 2600 Megawatt Zubau pro Jahr beträgt der Zielkorridor nach dem Gesetz für erneuerbare Energien. Tatsächlich wurden von Mai 2015 bis April 2016 fast 4000 Megawatt an Land zugebaut“, rechnet Ständer vor.

„Von den vorhandenen Windenergieanlagen gehen keine Störungen auf die in der Nähe befindliche Erdbebenmessstation aus“

„Die vorhandenen Windenergieanlagen (WEA) der Firma Enercon haben eine Leistung von 1,8 MW – die neuen Juwi-Anlagen mit 3,3 KW dagegen beinahe das Doppelte“, rechnet Rainer Ständer vor. Hinsichtlich der Auswirkungen auf die Erdbebenmessstation an der Kalltalsperre sei neben der bislang deutlich geringeren Leistung festzuhalten, „dass die Nabenhöhe der vorhandenen WEA bei nur 70 Meter und die der geplanten bei 140 Meter liegt“, erläutert der ehemalige Baudezernent des Kreises Aachen. Entscheidend sei auch, dass die vorhandenen Anlagen im Gegensatz zu den geplanten über kein Getriebe verfügen würden. Und schließlich liege das nächste der „alten“ Windräder 2100 Meter von der Erdbebenmessstation entfernt, während eine der neuen Anlagen bis auf 870 Meter an den Seismographen heranreiche. „Damit wird die Messanlage in der Kalltalsperre unbrauchbar“, verweist Herbert Klinkenberg auf eine Aussage von Professor Hintzen von der Erdbebenwarte Bensberg. „Und wenn es keine Messung mehr gibt, wird es auch keine Vorhersagen mehr geben. Wir schalten den Rauchmelder im eigenen Haus ab!“, vergleicht Klinkenberg.

„Wir hatten eine gute politische Grundlage“

Diese Aussage bezog der Stawag-Projektleiter auf die Zusammenarbeit mit der Gemeinde Simmerath und den „relativ geräuschlosen Ablauf“ des Genehmigungsverfahrens. Letzterer ist für die Standortgegner jedoch nicht nachzuvollziehen. „Wir haben hier eine enge Verquickung zwischen Genehmigungsbehörde und Profiteur“, sagt Rainer Hülsheger. So seien im Genehmigungsverfahren mehrere Gutachten zum Artenschutz (Fledermaus, Schwarzstorch, Milan) oder zu Auswirkungen auf das Landschaftsbild erstellt worden, deren teils sehr kritische Ergebnisse jedoch am Ende keine Rolle gespielt hätten. „Warum ignoriert die Städteregion Aachen dies?“, sieht auch Rainer Ständer „eine völlig unübliche Vorgehensweise der Behörde zum Nachteil der Natur und der Landschaft“.

„45 Millionen Euro kostet die Errichtung des Windparks Lammersdorf“

Auch diese Angabe von Brösse hat bei den Gegnern des Standorts („Wir lehnen nicht die Windenergie generell ab, aber die Standorte im Wald“) einige Verwunderung ausgelöst. Im Genehmigungsbescheid sei die Rede von 17,5 Millionen Euro gewesen. „Wurden die Baukosten da vielleicht bewusst kleingerechnet, um an anderer Stelle Kosten zu sparen?“, fragt sich nicht nur Rainer Ständer. Klar ist für die Gegner aber, wer das Ganze bezahlt – so oder so: „Alleine der Stromkunde und damit wir“, hält Katharina Ständer fest.

Laut einer aktuellen Stawag-Umfrage erfährt die Nutzung von erneuerbaren Energien in der Bevölkerung zu 84 Prozent Zustimmung

„Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast“, hat Windston Churchill einmal gesagt. „Die Statistik der Stawag ist wahrscheinlich nicht gefälscht, aber, sagen wir mal vorsichtig, ‚zurechtgelegt‘“, meint Herbert Klinkenberg und nennt ein Gegenbeispiel: „Emnid hat im Auftrag der Deutschen Wildtierstiftung auch eine Umfrage erstellt. Danach sind 79 Prozent der Menschen in Deutschland gegen Windkraftanlagen im Wald.“

„Die Hälfte der gerodeten Fläche wird wieder aufgeforstet“

Diese Aussage stimme grundsätzlich, hält Rainer Ständer fest. Aber die genannte Zahl von 0,5 Hektar Wald, der je Anlage gerodet und später wieder aufgeforstet werde, sei sehr niedrig angesetzt. „Es wurden und werden im Lammersdorfer Wald 10 000 Hektar Wald gerodet; davon bleiben 5000 Hektar dauerhaft frei“, weiß Ständer. Insofern stimme das Verhältnis der Wiederaufforstung. Rainer Ständer: „Aber 5000 Hektar sind eine riesige Freifläche, die den ohnehin durch Windwurf angegriffenen Wald weiter instabilisiert.“

„98 Prozent aller Wälder in Deutschland sind Wirtschaftswälder. Sind sie damit zur Industrialisierung freigegeben?“, fragt Herbert Klinkenberg abschließend zum oft wiederholten Hinweis, der Windpark entstünde ja „nur im Wirtschaftswald“. Und den Hinweis der Gemeinde, dass jährliche Pachteinnahmen von 500.000 Euro letztlich allen Bürgern dienen und Steuererhöhungen verhindern würden, kontert Klinkenberg mit der Aussage: „Wenn das so ist, dann wird der Windpark Lammersdorf das Mahnmal einer verfehlten Haushaltspolitik der Gemeinde Simmerath – mit den Verlierern Stromkunde, Natur und Artenschutz.“

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