Wie Ehrenamtler den Alltag der Flüchtlinge strukturieren

Von: Peter Stollenwerk
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Die Kleinen spielen, die Großen warten: So sieht zu großen Teilen der Alltag in der Flüchtlingsunterkunft Monschau-Haag aus. Foto: P. Stollenwerk
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Geordnete Strukturen sind auch die Voraussetzung für das Funktionieren der Kleiderkammer: Zahlreiche Frauen engagieren sich hier Tag für Tag. Foto: P. Stollenwerk
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Bei ihnen laufen in der Unterkunft Monschau die Fäden zusammen: Marianne Bothen-Frehr und Franz-Peter Peters von der Bezirksregierung Köln. Foto: P. Stollenwerk
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16 Betten in einem ehemaligen Klassenzimmer: Die hier untergebrachten jungen Männer müssen Toleranz mitbringen. Foto: P. Stollenwerk
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Das Bild hat sich gewandelt: In der ehemaligen Hauptschule haben die Flüchtlinge Einzug gehalten. Foto: P. Stollenwerk

Monschau. Die Pausenhalle im Gebäude der Hauptschule auf der Haag in Monschau war eigentlich immer viel zu groß. Ein Glücksfall, denn nach den Schülern folgten die Flüchtlinge. Seit dem 19. September 2015, 3.30 Uhr in der Nacht, dient das Schulgebäude als Notunterkunft für Menschen, die ihre Heimat verlassen haben.

Die Pausenhalle war eigentlich immer viel zu groß, nicht erst seitdem in den vergangenen Jahren die Schülerzahlen rapide sanken, und die Hauptschule Ende des zurückliegenden Schuljahres schließlich den Betrieb einstellte. Aber so weitläufig und wenig energiebewusst plante und baute man in den 1970-er Jahren. Der Raum mit der Größe eines Kleinspielfeldes ist in diesen Wochen aber ein Glücksfall, denn nach den Schülern folgten die Flüchtlinge.

Die Pausenhalle mit ihren farbenfrohen von Schülern angemalten Betonsäulen ist jetzt nicht nur Kommunikationszentrum und Treffpunkt für die Flüchtlinge sondern auch eine Art überdachter Spielplatz für die Kinder, die hier kleine Bobbycar-Rennen austragen oder Fangen spielen.

Gute Bleibeperspektive

Das Gebäude der Gemeinschaftshauptschule Monschau-Roetgen auf der Haag gegenüber dem Gymnasium wurde 1975 bezogen. Die Schule startete mit 508 Schülern, jetzt bevölkern 300 Flüchtlinge (darunter 36 Kinder), vor allem aus Syrien, Algerien, Nigeria, China und dem Kosovo, den großen Schulkomplex.

Die Bezirksregierung hat hier wie vielerorts im Lande eine sogenannte Erstaufnahmeeinrichtung geschaffen. Die ersten beiden Wochen wurde die Unterkunft von der Städteregion Aachen betrieben, seit dem 1. Oktober ist die Bezirksregierung in der Verantwortung. Die meisten der hier lebenden Menschen haben im Zuge ihres Antragverfahrens eine gute Bleibeperspektive.

Noch immer versuchen alle Beteiligten, sich mit der neuen Situation zu arrangieren und so viel Normalität wie möglich einkehren zu lassen. „Hier wurde ja eine Gemeinschaft regelrecht aus dem Boden gestampft“, sagt Marianne-Bothen-Frehr. Sie ist Mitarbeiterin der Bezirksregierung Köln und hat das ehemalige Büro der Schulleitung bezogen.

Für das Funktionieren einer solchen Gemeinschaft, die sich gefunden, aber nicht gesucht hat, sind stabile Strukturen wichtig. Daran arbeitet auch Franz-Peter Peters mit. Er ist ebenfalls Mitarbeiter der Bezirksregierung und befasst sich normalerweise bei der Behörde mit dem Thema Flurbereinigung.

Die Aufgabe, das Leben in einer Notunterkunft für Flüchtlinge zu organisieren, reizte ihn, sodass er vorübergehend eine neue Herausforderung gesucht hat. Zunächst einmal für ein halbes Jahr hat das Land die Monschauer Unterkunft angemietet, aber man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass sechs Monate kaum ausreichen werden, um die Flüchtlingskrise zu bewältigen. Man stellt sich auf einen längeren Aufenthalt in Monschau ein.

Die beiden Mitarbeiter der Bezirksregierung stammen aus Monschau. Das erleichtert die Arbeit enorm, weil man mit der Örtlichkeit und der Mentalität in der Nordeifel vertraut ist. So hat man beim Betreten der Unterkunft auch das Gefühl, dass hier zumindest auf den ersten Blick eine recht entspannte Atmosphäre herrscht. Diesen Eindruck kann Marianne Bothen-Frehr bestätigen: „Die Menschen hier sind offen und freundlich“, sagt sie.

Bis auf einen „kleinen Zwischenfall“ laufe in der Unterkunft der Alltag „harmonisch und friedlich“ ab. Dies sei keineswegs selbstverständlich, gelte es doch zu bedenken, „dass die Menschen Schlimmes erlebt haben und sie komplett aus ihren gesamten sozialen Strukturen herausgerissen wurden.“

120 freiwillige Helfer

Dass auf der Haag das Zusammenleben so gut funktioniert, ist auch den bis zu 120 ehrenamtlich tätigen Helfern aus der Region zu verdanken, die die Betreuungsorganisation „ZOF“ unterstützen. Das Engagement der Freiwilligen ist vielfältig: Deutsch- und Sportunterricht wird angeboten, rund 20 Fahrräder und jede Menge Spielzeug sind gespendet worden, Unmengen an Kleidern wurden angeliefert und seit neustem auch Musikinstrumente, von denen im großen Kinderspielzimmer schon reichlich Gebrauch gemacht wird.

Hier herrscht das meiste Leben, denn an Spielmöglichkeiten mangelt es nicht. Mittendrin ist Sylvia Voß aus Nideggen-Abenden, die über eine 25-jährige Erfahrung in der Kinderbetreuung und Theaterpädagogik verfügt und hier ein multikulturelles Zusammenleben im besten Sinne erlebt: „Von Anfang an war es friedlich und harmonisch.“

Die Polizei bietet in Kürze ein Verkehrssicherheitstraining an, die Flüchtlinge werden zu Spaziergängen oder zu Veranstaltungen eingeladen (wie kürzlich zu einem Konzert ins „Weiße Pferdchen“ nach Mützenich), man besucht gemeinsam den Spielplatz im benachbarten Neubaugebiet, und die Stadt Monschau bietet den Flüchtlingen an, dass sie kostenlos den öffentlichen Bus benutzen können.

Ein Highlight gibt es auch mittwochs, wenn der rollende Supermarkt auf dem Schulhof vorfährt und das Taschengeld investiert werden kann. 4,77 Euro gibt es pro Tag für Einzelpersonen; bei Familien folgt noch eine Staffelung.

„Es ist wichtig, dass in einer solchen Einrichtung Transparenz herrscht und die Menschen sich frei bewegen können“, sagt Marianne Bothen-Frehr. Die Arbeit der freiwilligen Helfer, die von Waltraud Haake und Heinz Mertens koordiniert wird, ist für sie nicht hoch genug einzuschätzen: „Das ist der beste Weg zur Integration.“ Gerade durch Freizeitangebote würden schon von vorneherein Wege zur Deeskalation aufgezeigt.

Auch die Flüchtlinge selbst bringen sich zum Teil ein. Einige helfen bei der Essensausgabe. Diese Gemeinschaftsarbeit wird mit 1,50 Euro pro Stunde vergütet. Derzeit wird das Essen noch vom Krankenhaus Simmerath geliefert, aber ab 1. Januar wird ein türkischer Caterer für die Gemeinschaftsverpflegung zuständig sein.

Ein beliebter Anlaufpunkt ist auch die Kleiderkammer, wo Dutzende Frauen Sachen sortieren (manchmal sind auch Lumpen dabei) und versuchen möglichst gerecht zu verteilen. Die Auswahl ist groß. Mangel herrscht aber noch bei kleinen Männergrößen und winterfesten Herrenschuhen.

Die Frauen in der Kleiderkammer lassen nur noch eine überschaubare Anzahl von Personen gleichzeitig in den Raum. „Anfangs haben wir eine Stunde lang Kleider ausgegeben und danach drei Stunden lang nachsortiert“, beschreibt Waltraud Haake den Wühltisch-Effekt.

Es wird jetzt notiert, an wen die Kleidungsstücke gehen, damit es zu einer gerechten Verteilung kommt, nachdem einige Dauerkunden bereits anfingen, Textilien zu horten. Ein Großteil der Kleider stammt noch von einem Aufruf aus dem vergangenen Jahr, als in der Jugendherberge Hargard für einige Monate Flüchtlinge untergebracht waren. Die Kleider waren im Keller der Realschule gelagert worden und kommen jetzt genau passend.

Gewaschen wird im Keller. In einem Raum steht ein Dutzend Trockner und Waschmaschinen.

Noch 40 Plätze sind frei

Aus den ehemaligen Klassenzimmern sind jetzt Schlafräume geworden. 16 Männer belegen in Doppelstockbetten einen Raum. Dafür, dass jeder nur einen Stuhl, aber keinen Schrank zur Verfügung hat, ist das kleine Chaos noch erstaunlich überschaubar. Alleinstehende Männer sind in der absoluten Überzahl; das Gebäude wurde daher in einen Familien- und Männertakt getrennt. Ein wenig Intimität zu schaffen, ist aber dennoch kaum möglich.

Marianne Bothen-Frehr weiß, dass es nicht in allen Unterkünften so friedlich abläuft wie in Monschau. Das ehemalige Schulgebäude biete optimale Voraussetzungen. Sich wohlzufühlen sei die wichtigste Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben. Daher empfindet sie ihre derzeitige Aufgabe auch als „sehr schön“.

Mit 300 Flüchtlingen ist die Kapazität der Hauptschule im übrigen noch nicht ausgelastet. Die Einrichtungsleitung hat der Bezirksregierung jetzt weitere 40 freie Plätze gemeldet, aber noch fehlen die Betten.

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