Wenn die Glocken verstummen

Von: Heiner Schepp und Simon Schroiff
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In F, D und G sind die drei Glocken im Turm der Pfarrkirche Sankt Johannes d. T. gestimmt und verstummen am Donnerstag beim Abendmahlgottesdienst am Nachmittag. Foto: Schepp/Schroiff
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Im Inneren der Glocken sind Angaben zu Durchmesser und Gewicht sowie Inschriften in Latein und Mittelhochdeutsch zur Herkunft und zum Gebet abzulesen. Foto: Schepp/Schroiff
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Der Blick durch die Schallöffnungen des Glockenturms entschädigt für den mühseligen Aufgang. Foto: Schepp/Schroiff
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Dieses Schild warnt nicht etwa vor der Gefahr für die Ohren, wenn man den Glockenraum der Simmerather Pfarrkirche betritt, sondern vor der Strahlung der seit der Jahrtausendwende ebenfalls dort befindlichen Mobilfunkstationen.
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Im Glockenturm der alten Simmerather Pfarrkirche, deren Modell heute im Kirchenvorraum zu sehen ist, ging die einzig verbliebene kleinste Glocke 1944 gemeinsam mit Turm und Kirche im Granatfeuer unter.
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Antiquiert, aber funktioniert: Ein Motorantrieb lässt die Simmerather Glocken zu jeder halben und zu jeder vollen Stunde sowie auf Knopfdruck erklingen.
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Das Uhrwerk im Raum unter dem Glockenboden steuert nicht nur die Kirchturmuhr, sondern mittels Gewichten auch das Glocken-Trio von Sankt Johannes der Täufer.
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Der Simmerather Glockenturm ist einer der markantesten im Monschauer Land.

Simmerath. Beim festlichen Gloria der Abendmahlmesse am Gründonnerstag geben sie noch einmal alles und läuten damit buchstäblich ihren Abschied ein. Traditionell verstummen an diesem Tage in allen katholischen Kirchen und Gemeinden aus Trauer um den Kreuzestod Jesu alle Glocken, in den meisten Gotteshäusern auch die Schellen der Messdiener und die Orgel.

„Das ist auch heute noch in allen Kirchen unserer Gemeinschaft von Gemeinden Simmerath so“, versichert Pfarrer Michael Stoffels, auch wenn es am „Tag der Leiden Jesu“ nur noch in sechs Pfarreien Abendmahlfeiern geben wird, nämlich in Simmerath, Kesternich, Eicherscheid, Rollesbroich, Strauch und Rurberg. Die Glocken werden aber nicht nur dort für drei Tage (genau genommen sind es nur zwei Kalendertage) verstummen, sondern auch in den anderen katholischen Kirchen und in den Kapellen in Paustenbach und Huppenbroich, wo noch von Hand geläutet wird.

Beichte, Segen oder Mahlzeit?

Im Volksmund sagt man: „Die Glocken fliegen nach Rom“, aber warum sie dies tun, dazu gibt es die verschiedensten Überlieferungen. Die häufigste Begründung ist: Sie legen beim Heiligen Vater die Beichte ab und bitten ihn um seinen Segen. Andere sagen, um mit dem Papst Mahlzeit zu halten, um Kraft zu schöpfen oder um mit der Osterbotschaft zurück zu kehren. Plausibel ist auch der Grund, das Verstummen der Glocken und der Orgel sei gleichsam „Fasten für die Ohren“. Und neuzeitlichere Erklärungen, vor allem für Kinder, besagen, dass die Glocken in der ewigen Stadt die Ostereier holen, um sie bei ihrer Rückkehr bei uns ins Gras zu werfen.

Tatsache ist, dass bis zum erneuten feierlichen Gloria-Geläut in der Osternachtsmesse keine Glocken erklingen, weshalb früher die Messdiener zu den Gottesdiensten mit hölzernen „Ratschen“ durch die Straßen zogen, um die Christen zur Kirche zu rufen. Heute kommen die „Klappern“, wie sie auch genannt werden, nur noch bei der Haussammlung der Messdiener für ihre Gemeinschaftskasse oder vereinzelt auch noch beim Gottesdienst in der Kirche statt der Schellen zum Einsatz.

Auf Knopfdruck

Der Flug der Glocken nach Rom erfolgt heutzutage natürlich per Knopfdruck, „alle Glockenwerke werden für zwei Tage komplett abgeschaltet“, verrät Pfarrer Stoffels. Das gilt auch für die mächtigen Glocken im Turm der Pfarrkirche Simmerath, die zu den ältesten im Monschauer Land gehören. „Die drei Glocken im Turm unserer Pfarrkirche erklingen in Teilen schon 500 Jahre lang über Simmerath“, schreibt Heimatkenner Willi Wilden in der Pfarrchronik von Simmerath.

Bei den Glocken im Simmerather Turm handelt es sich um Glocken mit einer wechselvollen Geschichte: Zwei Glocken stammen aus dem Jahr 1652, die größte Glocke sogar aus 1483. Beim Brand des Kirchturmes 1885 wurden die Glocken durch Feuer und Löschwasser so stark beschädigt, dass sie unbrauchbar waren. Allerdings wurde das Material beim Gießen der neuen Glocken mit in die Eße (Feuerstelle) gegeben, so dass sie in Teilen erhalten blieben.

Nachdem das runderneuerte Glockentrio 1889 in den Turm geschafft worden war, folgte schon 1897 der nächste verheerende Brand, doch diesen überlebten die Glocken unbeschadet. Konnte ihr Abtransport im ersten Weltkrieg noch verhindert werden, so klappte das im zweiten Weltkrieg nicht mehr: Hitler ließ 1941 die beiden größten Glocken abtransportieren, einzig die kleinste Glocke mit Namen Sankt Johannes Baptist blieb zurück und ging gemeinsam mit Turm und Kirche 1944 im Granatfeuer unter.

Sie konnte allerdings heil geborgen werden und wurde 1945 auf dem Grundstück von Josef Paustenbach in einem provisorischen Glockenstuhl aufgehangen. 1949 kam die frohe Kunde, dass die beiden Glocken den Krieg unversehrt überstanden hatten und auf einem sogenannten Glockenfriedhof auf ihre Abholung warteten. Ostern 1950 konnten die drei Glocken ihr Geläut dann auf dem provisorischen Glockenstuhl auf dem Gelände des heutigen Kindergartens erklingen lassen. 1952 wurden die Glocken schließlich in den neu errichteten Glockenturm geschafft.

Übrigens bescheinigte schon 1886 Aachens Domchor-Dirigent Böckler, „dass jede Glocke nicht nur ihren Hauptton absolut rein ertönen lässt mit einem Nachklingen von zwei Minuten, sondern auch jede in sich einen majestätischen Mollakkord mit der unterliegenden Oktave des Haupttones zu Gehör bringt“. Nur einmal im Jahr tun die Glocken dies nicht – am Ende der Fastenzeit.

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