Wenn der Nachmittag plötzlich zum Problem wird

Von: René Benden und Thorsten Karbach
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Enormes Interesse: Die Offene
Enormes Interesse: Die Offene Ganztagsschule ist überaus beliebt. Foto: Imago/Felix Jason

Aachen. Kita-Plätze müssen her. Das ist ein Befehl aus Berlin. Die Kommunen strecken sich nach Kräften, um den gesetzlichen Anspruch auf Betreuung für unter Dreijährige bis 2013 erfüllen zu können. Doch abgesehen davon, dass viele Kommunen diese Vorgabe nicht erfüllen werden, zeigt die Lebensrealität der Eltern, dass das Streben allein nur nach Kita-Plätzen zu kurz gedacht ist. Denn wer betreut all die Kinder ab mittags, wenn sie eingeschult sind?

Hanna (Namen geändert) studiert in Aachen und ist gleichzeitig Mutter. Das funktionierte prima, solange ihr Sohn Janos in die Kita ging. Maximal 45 Stunden Betreuung in der Woche. 45 Stunden, in denen Hanna den Tagesablauf einer Mutter mit dem Tagesablauf einer ambitionierten Studentin in Einklang bringen konnte. Doch dann wurde Janos eingeschult. Hanna wollte auf Janos Schule einen Platz in der offenen Ganztagsbetreuung. Doch den gab es nicht. Und plötzlich war Hanna wieder an einem Punkt, an dem sie sich fragen musste: Wie schaffe ich es, mein Studium zu beenden, wenn mein Sohn schon mittags nach Hause kommt?

Hanna ist kein Einzelfall. Sie ist eine von vielen Müttern in der Städteregion Aachen, die nach Ablauf der Kita-Zeit Probleme bekommt, berufliche Verpflichtungen mit der Kinderbetreuung in Einklang zu bringen. Hans Poth, Sprecher der Stadt Aachen, bestätigte auf Anfragen unserer Zeitung, dass es zu wenige Plätze in der offenen Ganztagsbetreuung gibt, um alle Kinder unterbringen zu können. Und in Aachen sind es schon mehr als in vielen anderen vergleichbaren Kommunen. Aktuell 4333 Plätze an 40 Grund- und Förderschulen.

„Fairerweise muss man sagen, dass dieses Problem der Offenen Ganztagsschule vor allem ein Problem urbaner Gebiete wie Aachen ist”, sagt Stefan Kaever, Sprecher der Stadt Eschweiler. In seiner Kommune würden alle Wünsche nach Plätzen an Offenen Ganztagsschulen (OGS) gedeckt. Doch nur einige Kilometer weiter stellt man fest, dass nicht nur Aachen ein Problem mit der offenen Ganztagsbetreuung hat. „Der Bedarf an OGS-Plätzen ist nicht gedeckt. Auch nicht an meiner Schule”, sagt Renate Krickel, Leiterin der Hermannschule in Stolberg.

Horte geschlossen

Letztlich ist die OGS aber aus genau dem Grund erfunden worden: um ein flächen- und bedarfsdeckendes Betreuungsangebot für Kinder nach Schulschluss zu schaffen. Dafür wurden landesweit die überaus geschätzten Horte geschlossen - in Aachen der letzte am 17. Juli 2009. Die ersten OGS-Gruppen waren 2003 eröffnet worden - 140 Plätze an zwei Schulen. Sukzessive wurden anschließend Hortgruppen geschlossen und OGS-Gruppen aufgebaut. 2006 gab es in Aachen noch 1000 Hortplätze. Die, die einen Hortplatz hatten, waren mit der Betreuung überaus zufrieden. Doch genauso viele Eltern waren enttäuscht oder sogar sauer, weil sie keinen Hortplatz ergattern konnten.

Dass die OGS eine große Zukunft in der Bildungslandschaft der Bundesrepublik hat, daran zweifelt kaum jemand, weder in den Schulen noch in der Politik. Auch wenn der aktuelle Fördererlass des Landes an die Kommunen immer noch von einer „Projektförderung” spricht, ist die OGS als das Modell der Nachmittagsversorgung von Kindern im Grundschulalter anerkannt. Gerade deshalb ist es verwunderlich, dass viele Dinge in der offenen Ganztagsbetreuung noch nicht geregelt sind.

Zum Beispiel gibt es keinen landesweit verbindlichen Bildungsstandard der Betreuerinnen und Betreuer an der OGS. Das liegt nicht zuletzt daran, dass in den meisten Fällen nicht die Schule selbst die Nachmittagsbetreuung ihrer Kinder organisiert. In der Regel sind es freie Träger wie der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) oder die Arbeiterwohlfahrt (AWO), die nach Schulschluss an der OGS die Betreuung übernehmen. Das bedeutet nicht, dass Kinder in der OGS schlecht betreut sind. In der Stadt Aachen wurden diesbezüglich Qualitätsstandards erarbeitet, neben den pädagogischen Fachkräften in Diensten der Träger werden Übungsleiter von Sportvereinen, Musiklehrer oder Kunstpädagogen als Honorarkräfte engagiert - dafür gibt es Geld von den Kommunen. Doch: „Es gibt einfach einen Regelungsbedarf, weil die Qualifikation der OGS-Betreuung nicht eindeutig geklärt ist”, sagt Renate Krickel.

Und in der Qualität der Offenen Ganztagsschule liegt auch ein Problem: Um mehr Plätze anbieten zu können, müssen mehr Fachkräfte engagiert werden. Doch einerseits können sich Träger diese nur leisten, wenn letztlich auch alle OGS-Gruppen „ausgebucht” sind - die Elternbeiträge entsprechen meist denen in den Kindertagesstätten. Andererseits gibt es viel zu wenig Fachkräfte auf dem Markt und weitaus familienfreundlichere und lukrativere Stellen, etwa in Kitas. Denn in der OGS wird eben „nur” nachmittags gearbeitet.

Hanna führt ihr Studium fort. Familie und Freunde helfen nun aus, wenn Janos früh aus der Schule kommt. Doch nicht alle Eltern können sich auf so großen Rückhalt verlassen.
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