Hebammen der Eifelklinik St. Brigida Simmerath kündigen Bereitschaft

Wegen totaler Überlastung: Hebammen der Eifelklinik kündigen Bereitschaft

Von: Heiner Schepp
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Als die Geburtshilfeabteilung Ende Dezemer ihre Jahresbilanz für 2017 zog, waren nur positive Nachrichten zu vernehmen. Im Hintergrund häuften sich aber offenbar schon da die Probleme wegen des Hebammenmangels. Foto: H. Schepp

Simmerath. „Wenn es so weitergeht wie in den ersten vier Monaten dieses Jahres, dann werden wir in diesem Jahr wieder auf fast 400 Geburten auf unserer Station kommen“, hatte Dr. Andreas Cousin, Leiter der Gynäkologie und Geburtshilfe im Simmerather Krankenhaus, unlängst noch beim Besuch einer Schülergruppe gesagt.

Genau dies, nämlich der rasante Anstieg der Geburten in Simmerath, könnte der Abteilung nun zum Verhängnis werden. Denn da die Beleghebammen wegen Überlastung ihren Rufdienstvertrag mit dem Krankenhaus gekündigt haben, droht nun die Schließung der Abteilung und somit das Ende der Geburtshilfe an Sankt Brigida. Nur wenn es kurzfristig gelingt, neue, weitere Hebammen für die Geburtshilfeabteilung der Eifelklinik zu gewinnen, können schwangere Frauen auch weiterhin, also über den 31. Mai hinaus, in Simmerath entbinden.

„Wir Hebammen sind mit unseren Kräften an der Belastungsgrenze angekommen. Es geht einfach nicht mehr“, stellt Sabine Wirtz als Sprecherin der Hebammen in der Nordeifel klar. „Es macht auch uns sehr traurig, dass Frauen vielleicht bald nicht mehr in der Eifel entbinden können. Und es ist ein schlimmes Gefühl, die Region hängen zu lassen“, fügt sie hinzu.

Geburtshilfe 2010 gerettet

Die Entwicklung kommt zumindest für die breite Öffentlichkeit überraschend, denn seit Jahren hörte man eigentlich immer nur gute Nachrichten von der Geburtshilfe an Sankt Brigida. „Seit der Übernahme der Eifelklinik durch die Artemed im Jahr 2010 wurden in Simmerath zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um die seinerzeit ungewisse Zukunft der Geburtshilfe des Hauses ins Positive zu wandeln und zu sichern“, heißt es in einer am Freitagnachmittag von der Eifelklinik veröffentlichten Pressemitteilung, die beispielhaft die Renovierung der Kreißsäle und die Eröffnung der neuen Wochenbettstation nennt.

Auch als sich zunächst 2010 Chefarzt Dr. Wiechmann und 2017 Chefarzt Dr. Sohr in den Ruhestand verabschiedet hätten, sei es gemeinsam mit der Gemeinde Simmerath und großem Engagement des verbleibenden Teams gelungen, die Abteilung mit der Einstellung von Dr. Wilhelm Jost, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, auch personell wieder stabil aufzustellen und die Geburtenzahlen im Simmerather Krankenhaus zu steigern.

Kündigung aufgeschoben

„Umso überraschter waren wir, als uns Ende März alle an der Klinik tätigen Hebammen – von einer Vertreterin abgesehen – mitteilten, dass sie ab dem 1. Mai 2018 nur noch für die prä- und postnatale Versorgung von Müttern, nicht mehr jedoch die geburtshilfliche Begleitung im Klinikrahmen zur Verfügung stehen könnten“, wird Geschäftsführer Dr. Benjamin Behar zitiert. Dankenswerterweise hätten die Hebammen sich nun bereit erklärt, ihr Engagement in der Eifelklinik St. Brigida noch bis zum 31. Mai fortzuführen. „Für die Zeit danach ist es leider weder uns noch Bürgermeister Hermanns als Vorsitzendem des Krankenhausbeirats – trotz Durchlaufs aller denkbaren Modelle – gelungen, sie von einer weiteren Zusammenarbeit zu überzeugen“, so Behar in der von ihm und Dr. Cousin unterzeichneten Erklärung.

Während in der Mitteilung des Hauses kein Grund für den Schritt der Hebammen genannt wird, findet Sabine Wirtz stellvertretend für ihre Kolleginnen klare Worte. „Wir sind an der körperlichen und seelischen Belastungsgrenze. Und das bedeutet in unserem verantwortungsvollen Beruf, dass wir zwei Leben gefährden, nämlich das der Mutter und das des Kindes, wenn wir überarbeitet in eine Entbindung gehen“, schildert sie. Sabine Wirtz spricht dabei mehr für ihre vier Kolleginnen Kathrin Weinert, Andrea Victor, Vera Forster und Eva Krings, die die werdenden Eltern auch bei der Entbindung in der Eifelklinik betreuen, während sie selbst und Laura Graf sich ausschließlich der Vor- und Nachsorge von Mutter und Kind widmen.

Denn diese vier erstgenannten Hebammen schultern derzeit alleine die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Rufbereitschaft und damit rund 100 Entbindungen in Simmerath, die im Rahmen der Rufbereitschaft erfolgen. Kamen früher die werdenden Mütter fast ausschließlich mit der „eigenen“, vertrauten Hebamme zur Entbindung nach Simmerath, hat der gute Ruf der Abteilung in den letzten Jahren vermehrt auch Wöchnerinnen angelockt, die dann auf die gerade diensttuende Hebamme zurückgreifen.

„Das waren früher etwa zehn Geburten im Jahr und wurde mit einem Stundenlohn von fünf Euro in der Rufbereitschaft abgegolten“, berichtet Sabine Wirtz. 2013 wurde das Entgelt für die Rufbereitschaft dann mal eben halbiert, während die Versicherungsprämien für Hebammen in immer astronomischere Höhen schossen. „Die Arbeit nahm also immer weiter zu – das Team aber wurde nie aufgestockt“, spricht Sabine Wirtz Klipp und klar von Versäumnissen des Hauses. Einen ersten Warnschuss gab es dann im Februar, als die Rufbereitschaft krankheitsbedingt für 24 Stunden unterbrochen war. „Daraufhin wurde vom Haus dann immerhin mal eine Stellenanzeige für eine Hebamme aufgegeben“, erinnert sich Wirtz.

Da sich ansonsten aber nichts an der Situation änderte, folgte das Aufkündigen der Rufbereitschaft und lässt nun alle Alarmglocken an der Eifelklinik schrillen. „Wir arbeiten mit Leibeskräften daran, dass es sich hier nur um einen vorübergehenden Status handelt“, heißt es in dem dringenden Aufruf an die Öffentlichkeit, im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis nach Hebammen Ausschau zu halten. Denn nur bei einer ausreichenden und baldigen Bewerberlage könne es gelingen, die Geburtshilfe in Simmerath wieder zukunftssicher zu gestalten.

Dienst- statt Beleghebammen

Sabine Wirtz spricht von „fünf bis sechs Hebammen“, die als Angestellte dann Dienst übernehmen müssten, und möchte nicht ausschließen, in diesem Team zumindest in Teilzeit mitzuarbeiten. Zwar wandele das viel gelobte Beleghebammensystem von Sankt Brigida sich dann mehr und mehr in ein System mit angestellten Hebammen, doch sei dies immer noch besser, als alle werdenden Mütter nach Stolberg oder Aachen schicken zu müssen, findet Sabine Wirtz.

Alternative Versorgung

Darauf aber läuft es nun zumindest zunächst hinaus. „Alle werdenden Mütter, die die Geburt ihres Kindes bereits für Juni und darüber hinaus in der Eifelklinik Sankt Brigida angemeldet haben, werden in den nächsten Tagen persönlich von der Abteilung kontaktiert und beraten. Die ärztliche Versorgung von Müttern mit elektiven Kaiserschnitten oder notfallmäßigen Spontangeburten stellen wir in Simmerath weiterhin sicher. Gleichsam sind wir derzeit dabei, mit anderen Kliniken der Umgebung alternative Versorgungsmöglichkeiten für werdende Mütter der Region auszuarbeiten“, heißt es abschließend in der Pressemitteilung, die als offener Brief für die Bevölkerung formuliert und vor allem an „alle werdenden Eltern und ganz besonders liebe Hebammen der Region“ gerichtet ist.

 

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