Weg zu neuem Vertrauen nach Trägerwechsel der Seniorenresidenz

Von: P.St.
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„Wenn es eine Fehlentwicklung gibt, liegt das nicht an den Mitarbeitern“, sagen Dr. Christoph M. Kösters, Geschäftsführender Gesellschafter der Itertal Seniorenzentrum GmbH und Monika Marx-Schifflers, die neue Heimleiterin des Seniorenzentrums Simmerath am Rathausplatz. Foto: P. Stollenwerk
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Alltag im Seniorenzentrum Simmerath: Die Bewohner haben auch die Möglichkeit, neue soziale Kontakte zu knüpfen. Foto: P. Stollenwerk

Simmerath. Die Beschriftung am Gebäude ist bereits ausgetauscht worden, und der „Itertal Express“, die Hauszeitschrift für die Itertal Seniorenzentren, liegt zur kostenlosen Mitnahme bereit. Aber nicht nur äußerlich hat sich das Bild im Seniorenzentrum Simmerath am Rathausplatz geändert, seitdem die Itertal Seniorenzentrum GmbH zum 4. Oktober die Einrichtung mit 80 Pflegeplätzen und einem Trakt für betreutes Wohnen von der Alloheim GmbH übernommen hat.

Dramatische Ereignisse waren diesem Trägerwechsel vorausgegangen, nachdem die Heimaufsicht der Städteregion Aachen wegen anhaltender „gravierender pflegerischer Mängel“ als ultimativen Schritt die Schließung der Einrichtung zum 4. Oktober angeordnet hatte. Als Konsequenz hätten die 58 pflegebedürftigen Bewohner evakuiert werden müssen. Dieses menschliche Drama wurde verhindert, weil ein neuer Träger reaktionsschnell innerhalb einer Woche bereit stand.

Die Itertal Seniorenzentrum GmbH verfügt über sechs Seniorenzentren in Walheim, Roetgen (2), Kornelimünster, Stolberg und Breinig. Für 2018 ist ein weiteres Projekt in Weisweiler vorgesehen.

Was bedeutet nun der Trägerwechsel für die Zukunft des Seniorenzentrums in Simmerath und wie steht es überhaupt um die Pflegequalität in Altenheim?

Unser Redakteur Peter Stollenwerk sprach darüber dem Geschäftsführenden Gesellschafter der Itertal Seniorenzentrum GmbH, Dr. Christoph M. Kösters (68) und Monika Marx-Schifflers (40), die bereits seit acht Jahren im Haus tätig ist, zuletzt stellvertretende Heimleiterin war und nun die Heimleitung in Simmerath übernommen hat.

Ging in der Nachbetrachtung der plötzliche Trägerwechsel reibungslos über die Bühne?

Kösters: Ich wurde am 28. September darüber informiert, dass das Seniorenzentrum in Simmerath geschlossen werden sollte. Alloheim fragte an, ob unsere Häuser eventuell 58 pflegebedürftige Personen aufnehmen könnten. Das war aber nicht realistisch. Man kann nicht 58 alte Menschen umquartieren. Ich habe dann das Angebot gemacht, das Haus als Betreiber zu übernehmen. Alloheim hat einen fairen Vertrag vorgelegt und uns das Gebäude in einem sehr guten Zustand übergeben.

War Ihnen die anhaltende Kritik an der Einrichtung und das Vorgehen der Heimaufsicht zuvor bekannt?

Kösters: Das war mir nicht bekannt, aber manchmal funktionieren die Abläufe innerhalb eines Unternehmens nicht optimal. Das kann jedem Altenheim-Träger passieren.

Marx-Schifflers: Es wurde hier und da Kritik laut, aber nicht übermäßig. Die Pflegekräfte waren immer hochmotiviert, auch wenn sie sich am unteren Ende der Lohnskala befinden.

Was möchten sie besser machen, was können Sie als neuer Träger verändern?

Kösters: Wir sind aus der Region, und wir sind einfach näher dran. Ich bin in 20 Minuten in Simmerath. Die Alloheim GmbH mit fast 130 Häusern steht unter ganz anderen Kapitalinteressen, die muss Rendite liefern. Als Familienbetrieb ist unsere Rendite niedriger angesetzt. Man darf sich nicht durch Sparmaßnahmen schlechte Pflege erkaufen.

Werden Sie das Personal übernehmen?

Kösters: Die 40 Leute vom Stammpersonal haben wir übernommen. Nicht so glücklich sind wir mit den Leiharbeitskräften, die jeweils bei Bedarf gebucht werden können. Da dies für die Kontinuität der Pflege nicht so gut ist, möchten wir schrittweise wieder zurück zu einer Stammbelegschaft. Nicht übernommen haben wir zwei Köche, die bei ihrem alten Arbeitgeber geblieben sind und die Heimleitung. Den Reinigungskräften haben wir angeboten in den Service-Bereich zu wechseln. Unseren Mitarbeitern können wir zudem eine großzügige Überstunden-Regelung anbieten.

Sehen Sie sich aufgrund der zurückliegenden Vorfälle jetzt unter besonderer Beobachtung der Heimaufsicht?

Kösters: Die Heimaufsicht ist immer ein wichtiger Beobachter. Mich wundert nur, dass Pflegeheime viel intensiver als Krankenhäuser kontrolliert werden.

Der bundesweit tätige Pflege-Selbsthilfeverband hat behauptet, dass die Kontrolltermine der Heimaufsicht den Pflegeeinrichtungen vorab bekannt gewesen seien. Stimmt das?

Kösters: Ich bin seit 20 Jahren in der Branche tätig. Es ist noch keine einzige Kontrolle angekündigt worden. Die Heimaufsicht steht plötzlich morgens vor der Tür. Das wissen wir keine fünf Minuten vorher. Diese Vorgehensweise ist im Gesundheitswesen einmalig.

Marx-Schifflers: Auch ich habe noch keine angekündigte Kontrolle erlebt. Wenn dabei wirklich gravierende Probleme festgestellt werden, dann sind auch der Heimaufsicht die Hände gebunden und sie muss handeln.

Kürzlich sprach Clauss Fussek, einer der bekanntesten Pflegekritiker in Deutschland, von einer „Allianz des Schweigens“ in Pflegeheimen. Gibt es so etwas?

Kösters: Eine solche Allianz lässt sich bei einer großen Anzahl von Mitarbeitern überhaupt nicht aufbauen. Wenn eine Fehlentwicklung wie jetzt in Simmerath passiert, dann, dann liegt das nie an den Mitarbeitern. Bewohner, Angehörige und Mitarbeiter bilden gemeinsam ein Korrektiv.

Marx-Schifflers: Es gibt zwar die weit verbreitete Annahme, dass Menschen in Pflegeheimen dahin vegetieren, aber diese Annahme ist falsch. Wenn man etwas über die Atmosphäre in einem Pflegeheim wissen möchte, dann sollte man sich mit dem Heimbeirat unterhalten. Da bekommt man einen guten Eindruck. Viele alte Menschen leben allein zu Hause. In einem Heim finden sie dann wieder neue soziale Kontakte.

Pflegekritiker Fussek spricht auch davon, dass in Einrichtungen ab einer gewissen Größe die Prüfbehörden über Pflegemängel hinwegsehen. Ist das so?

Kösters: Die Itertal Seniorenzentren sind in 20 Jahren von 113 auf jetzt rund 500 Plätze gewachsen. Wenn Missstände vorhanden sind, werden diese auch aufgedeckt. Wenn es Kritik oder auch anonyme Anzeigen von Angehörigen gibt, dann hängt das oft damit zusammen, dass die Angehörigen eigentlich ihre Eltern zu Hause pflegen möchten. Wenn das dann nicht mehr geht und die alten Leute ins Pflegeheim kommen, haben die Angehörigen oft ein schlechtes Gewissen und schrauben die Erwartungen an das Personal zu hoch.

Würde ein gesetzlich festgelegter Personalschlüssel die Diskussion um die so oft beklagte Unterbesetzung in Pflegeheimen beenden?

Kösters: Es gibt bereits klare Regelungen. Je nach Anforderung der Pflegestufen ergibt sich der Personalschlüssel. Das ist die Berechnungsrundlage für die Pflegekassen, die von zwei Instanzen geprüft wird. Entscheidend ist aber auch immer die Situation vor Ort.

Marx-Schifflers: Wenn im Zusammenhang mit dem Trägerwechsel gesagt wurde, dass unter der Leitung der Alloheim GmbH oft nur eine Pflegekraft im Nachtdienst gewesen sein soll, so kann ich das nicht bestätigen. Es waren immer eine Fach- und Hilfskraft während der Nachtschicht verfügbar.

Wiese sehen Sie Zukunft der Pflege insgesamt?

Kösters: Aktuell gibt es 150.000 offene Stelle im Pflegebereich. Der Bedarf nach weiteren Pflegeplätzen wird steigen. Es gibt allerdings einige Unterschiede zu berücksichtigen: Vor 20 Jahren kamen die Leute mit durchschnittlich 78 Jahren ins Heim, heute sind sie 85 Jahre alt. Damals war die durchschnittliche Verweildauer fünf Jahre, heute liegen wir unter einem Jahr. Wenn erst einmal die 68er-Generation in die Pflegeheime einzieht, dann erwarteten uns ganz neue Herausforderungen. Denn diese Generation ist kritisch und wird stark auf Mitbestimmung drängen.

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