Weckmänner können auch weiblich sein

Von: Peter Stollenwerk
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So sehen Weckmänner aus, bevor sie in den Ofen wandern: Bäckermeister Meinolf Dederichs (li.) und sein Geselle Winfried Lauscher haben in diesen Tagen alle Hände voll zu tun. Foto: P. Stollenwerk
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Mit einem gezielten Einsatz der Handkante wird der Kopf beim Weckmann geformt.
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Emanzipation auf dem Backblech: Weckmänner und Weckfrauen werden gemeinsam gebacken.

Rohren. Rohren schläft noch, als Meinolf Dederichs in aller Herrgottsfrühe das Licht in der Backstube anschaltet. Mit ein paar Handgriffen, die wie im Schlaf ablaufen, wird der Arbeitsplatz hergerichtet. Wenig später trifft Winfried Lauscher ein. Mit dem Gesellen aus Höfen bildet der Bäckermeister ein kleines, aber effektives Team.

Der große Backofen ist inzwischen auf Temperatur gebracht, der verregnete Novembermorgen ist grau und frisch, aber in der Backstube ist es gemütlich warm. Es gibt viel zu tun, denn in der Vorweihnachtszeit wird das Angebot vielfältiger. Neben dem Alltagsgeschäft stehen an diesem Tag Weckmänner und später Printen auf dem Programm.

Meinolf Dederichs hat das Geschäft im Dorfzentrum im Jahr 1986 von seinem Vater übernommen. Der 1896 gegründete Familienbetrieb befindet sich inzwischen in der vierten Generation, „und es wird wahrscheinlich auch die letzte Generation sein“, glaubt der 58-Jährige, denn ein Nachfolger ist bislang nicht in Sicht. Die Wettbewerbssituation für die kleinen Familienbetriebe werde immer schwieriger, spürt auch Meinolf Dederichs, wobei in seinem Fall der Standort im etwas abseits gelegenen Rohren durchaus ein Vorteil sei, „aber unter dem Strich wird es für die kleinen Läden immer weniger“. Noch aber läuft der Laden. Die beiden Lebensmittelgeschäfte in Höfen werden regelmäßig beliefert, und das Schwarzbrot aus Rohren besitzt einen ausgezeichneten Ruf.

Doch an diesem Donnerstag geht es nicht um Schwarzbrot. Weckmänner bestimmen das Bild in der Backstube. Seit Mitte Oktober wird das allseits beliebte Gebäck in den Ofen geschoben. Bis Weihnachten ändert sich daran nichts, denn zum Martinsfest und zum Advent gehören die Weckmänner einfach hinzu. Zwischen 50 und 100 Weckmänner verlassen täglich die Backstube, am Samstag sind es noch einige mehr. Für die Martinszüge in Höfen und Rohren schießt die Nachfrage kurzfristig nach oben. Auch für Sonderanfertigungen hat Meinolf Dederichs ein offenes Ohr. Der örtliche Kirchenchor hat etwas zu feiern und passend zur Jahreszeit gibt es für alle einen Weckmann – und ausnahmsweise sogar auch Weckfrauen, und so lernt man in der Dorfbäckerei, dass ein Weckmann auch weiblich sein kann. Mit den entsprechenden Attributen ausgestattet, bekommt so eine Weckfrau plötzlich eine ganz andere Ausstrahlung als das hinreichend bekannte Modell mit der weißen Tonpfeife im Arm.

Aber zunächst einmal muss alles hergerichtet werden, damit aus einer faustgroßen Hefeteigkugel ein Weckmann wird. In Windeseile wird die Kugel gerollt, und Meinolf Dederichs markiert währenddessen mit der Handkante den Kopf. Dann werden Beine und Arme eingeschnitten, der rechte Arm wird auf den Bauch geklappt und darunter die Tonpfeife geklemmt. Fertig ist der Weckmann. Bei den Weckfrauen dauert es, wie im wahren Leben ja nicht anders, ein wenig länger bis alles passt. Meinolf Dederichs lässt seiner Fantasie freien Lauf. Keine Weckfrau ist wie die andere. Die kleinen Kunstwerke aus Hefeteig müssen jetzt noch eine halbe Stunde gehen, dann kommen sie für zwölf Minuten in den 200 Grad heißen Ofen. Sogar eine Spezialanfertigung mit Streuseln ist darunter. „Der sieht fast aus wie einer der Müllmänner aus Monschau, die auf dem Markplatz standen“, scherzt der immer zu einer erheiternden Bemerkung aufgelegte Chef in der Backstube. Echte Handarbeit eben.

Der Bäckermeister betrachtet die Weckmann-Produktion und ist durchweg zufrieden, aber selbstkritisch fügt er hinzu, dass ein paar Details durchaus noch pointierter hätten ausfallen können, was nichts an seiner Überzeugung ändert, dass „sie auf jeden Fall schmecken werden“.

Unterdessen ist auch die Printenproduktion angelaufen. Günter und Elisabeth Vaassen aus Roetgen kommen seit vier Jahren in die Backstube nach Rohren, um nach altem Familienrezept hier die Spezialität des Hauses in filigraner Handarbeit zu produzieren. Bis 2009 unterhielten die Eheleute eine eigene Bäckerei an der Bundesstraße in Roetgen, aber auch als Rentner sind sie der Printenbäckerei, wenn auch jetzt an anderer Stelle, treu geblieben. Die alte Stammkundschaft dankt es ihnen, denn die Roetgen-Rohrener Spezialität geht hinaus in die ganze Welt.

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