Simmerath - Warnung vom Kinderarzt: „Immer mehr Jugendliche tauchen ab“

Warnung vom Kinderarzt: „Immer mehr Jugendliche tauchen ab“

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Seine ersten Patienten sind heute gestandene Leute: Nach 35-jähriger Tätigkeit als Kinderarzt in Simmerath zieht sich Dr. Stephan Zaum aus dem Praxisalltag zurück. Foto: P. Stollenwerk

Simmerath. Kinderärzte gab es nicht immer in der Eifel. Es dauerte bis zum Jahr 1980, ehe hier die erste Kinderarzt-Praxis eröffnete. Dieses Neuland betrat damals Dr. Stephan Zaum, zunächst am Friedhofsweg in Simmerath, fünf Jahre später In der Mahr und jetzt im Ärztehaus an der Fuggerstraße.

Seine ersten Patienten sind inzwischen längst gestandene Leute. Kürzlich traf er im Wartezimmer auf drei Generationen von Patienten (Großmutter, Mutter, Kind). Nach fast 35-jähriger Tätigkeit in der Nordeifel und knapp 40 Berufsjahren schließt sich für den 64-Jährigen jetzt der Kreis. Am 31. Dezember 2013 geht er in den Ruhestand; vor einigen Tagen war bereits sein letzter Arbeitstag. Unser Redakteur Peter Stollenwerk sprach mit dem Kinder- und Jugendmediziner, der im kommenden Frühjahr seinen Wohnsitz nach Aachen verlagern wird.

Was reizte Sie vor 35 Jahren daran, in der Eifel zu praktizieren?

Dr. Stephan Zaum: Nachdem ich gut vier Jahre lang in der Kinder-Onkologie in Wuppertal gearbeitet hatte, wollte ich raus aus der Stadt, und da meine Frau in Rott groß geworden ist, habe ich mich in der Eifel umgeschaut. Der Bedarf nach einer Kinderarztpraxis war ja hier zweifelsfrei vorhanden.

Wenn man die Anfänge sieht und die Situation heute, dann hat die Praxis ja eine rasante Entwicklung genommen?

Zaum: Inzwischen sind vier Kollegen tätig, und aus der alten Praxis ist ein Therapiehaus geworden. Das Spektrum der Kinder- und Jugendmedizin ist viel breiter geworden und die Behandlungskonzepte wurden ständig ausgebaut. Ergotherapie, Logopädie, Lerntherapie und Psychotherapie sind hinzugekommen. In den 1980er Jahren waren wir die erste sozialpädiatrische Praxis in der Region, noch bevor es die gesetzlichen Grundlagen dafür gab. Aber für mich war es stets wichtig, Erklärungen dafür zu finden, wieso Kinder in bestimmten Situation nicht klarkommen. Daher habe ich auch noch in Köln eine vierjährige Psychiatrie-Ausbildung absolviert. Obwohl eine Kinderärztin meine Nachfolge antritt, bleibt der Bereich der Psychotherapie zunächst vakant.

35 Jahre lang haben Sie medizinisch und auch psychologisch Kinder betreut. Ist die Arbeit als Kinderarzt in dieser Zeit einfacher oder komplizierter geworden?

Zaum: Die Arbeit als Kinderarzt ist weiträumiger geworden. Mir ging es immer um eine möglichst komplexe medizinische Versorgung.

Können Sie sich noch an Ihre ersten Patienten erinnern?

Zaum: Ja, sogar sehr gut. Dieser Patient kam schon in die Praxis während wir noch bei der Eröffnungsfeier waren. Die Eltern kamen mit einem laut schreienden Kind, das sich den Ellbogen verrenkt hatte. Das war ein Traum für mich als Kinderarzt, denn ich wusste was los war und mit einem Griff war das Kind schmerzfrei.

Durch Ihre Tätigkeit haben Sie auch ein umfassendes Bild der Kinder- und Jugendszene in der Eifelregion gewonnen? Gibt es noch die oft zitierte ‚heile Welt‘ auf dem Land?

Zaum: Diese heile Welt gibt es mit Sicherheit nicht mehr. Mit Schrecken erlebe ich, in welch hohem Maße Jugendliche dem Mobbing in der Schule und im Privatbereich ausgesetzt sind. Dies ist bedingt durch die extreme Zunahme elektronischer Medien. Die Kinder kommen häufig aus diesem Teufelskreis nicht mehr heraus. Selbst wenn sie die Schule wechseln, weiß man am neuen Ort schon alles über sie. Das ist der Fluch der sozialen Netzwerke.

Gibt es ein Drogenproblem in der Eifel?

Zaum: Es gibt sowohl eine Alkoholszene wie auch eine Drogenszene. Die Alkoholszene gab es schon immer auf dem Land, wahrscheinlich wegen der beschränkten Freizeitmöglichkeiten. Ganz klar zugenommen hat aber der Cannabis-Konsum und zwar mehr als allgemein angenommen wird. Dabei wird vor allem das Risiko einer psychischen Abhängigkeit von Cannabis häufig unterschätzt.

Man hört aber immer wieder, dass in der Nordeifel die Vereine die Jugendlichen auffangen?

Zaum: Das stimmt auch in den meisten Fällen, aber es existiert auch eine größere Gruppe von Jugendlichen, die nicht vereinsgebunden sind und von den Vereinen auch nicht erreicht werden. Aus diesem Grund habe ich ja auch von zehn Jahren den Verein ‚Jugendaktiv‘ mitgegründet als Angebot der offenen Jugendarbeit.

Welche Krankheitsbilder diagnostizieren Sie am häufigsten?

Zaum: Da hat sich einiges geändert, zumal auch die Dichte der nicht ärztlichen Versorgung zugenommen hat, beispielsweise im Bereich Logopädie und Ergotherapie. Diskalkulie zum Beispiel war früher ein nicht existierender Begriff. Heute ist dieser für Lese- und Rechenschwäche verwendete Ausdruck selbstverständlich geworden. Die Gesundheitsfürsorge ist in den letzten Jahrzehnten deutlich besser geworden. In den 1980er Jahren gab es im Jahr durchschnittlich ein bis zwei Todesfälle als Folge von Meningitis. Seit 20 Jahren ist bei mir kein derartiger Krankheitsfall mehr aufgetaucht. Auch Asthma war früher viel häufiger verbreitet.

Heißen die typischen Kinderkrankheiten heute noch Mumps, Masern und Keuchhusten?

Zaum: Gott sei dank nicht mehr. Dennoch ist es für mich erschütternd zu sehen, wie solche Kinderkrankheiten manchmal bagatellisiert werden, indem die Chance auf eine Impfung vertan wird und Eltern sich einfach darauf verlassen, dass andere ihre Kinder schützen. Gerade bei Masern gibt es oft schwerste Krankheitsverläufe, die sich durch eine einfache Maßnahme vermeiden ließen. Die typischen Krankheiten von Kindern entstehen heute häufig durch die Tatsache, dass Kinder zu stark verplant sind und ein unglaubliches Lern- und Freizeitprogramm zu bewältigen haben. Welche Kinder können denn heute noch unbeschwert draußen spielen? Immer mehr Kinder und Jugendliche tauchen heute komplett in die Computerwelt ab. Das betrifft vor allem diejenigen, die ohnehin schon Schwierigkeiten mit der Sozialkompetenz haben und dann auch noch das letzte Türchen schließen und sich ganz zurückziehen. Ich erlebe in meiner Praxis heute einjährige Kinder, die schon automatisch die für eine Smartphone typische Wischbewegung mit der Hand ausführen.

Haben Sie das Gefühl, dass manchmal eher die Eltern einer medizinischen Behandlung bedürfen und nicht nur die Kinder?

Zaum: Die Eltern sind der Schlüssel für die Behandlung des Kindes. Überbehütung und Vernachlässigung liegen nicht weit auseinander, da in beiden Fällen die Sozialkompetenz fehlt. Oft werden zu viele Serviceleistungen von den Eltern für Kinder erbracht. Wenn ich alles für meine Kind tue, dann entziehe ich ihm auch die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen. Oft arbeiten wir zu viel an den Defiziten der Kinder, anstatt ihre Fähigkeiten und Begabungen und damit auch das Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Steigt die Anzahl der verhaltensgestörten Kinder und worin sehen Sie die Ursache?

Zaum: Es gibt immer mehr Kinder, die sich in ihrem sozialen Umfeld schwer tun. Es gibt kaum Ruhe, und die Kinder leben nach Taktfrequenz. Auch gibt es immer mehr zerbrochene Familienstrukturen. Für den Lebensalltag der Kinder geht damit Sicherheit verloren.

Wie schätzen Sie die Bedeutung und Verbreitung der immer häufiger gestellten Diagnose ADHS ein?

Zaum: Die Dunkelziffer ist sehr hoch. ADHS ist kein Erziehungsfehler sondern ist in hohem Maße genetisch bedingt oder wird oft hervorgerufen durch Belastungen während der Schwangerschaft und der Geburt. ADHS-Kinder sind mit der Reizverarbeitung überfordert und verschiedene Störungen gehen ineinander über. Eltern müssten oft überzeugt werden, damit Kinder Medikamente nehmen. Dies löst bei Eltern häufig das Gefühl aus, versagt zu haben.

Wovor haben Kinder beim Kinderarzt die meiste Angst?

Zaum: Vor Spritzen, aber es gibt so einige Tricks. Manchmal muss man als Kinderarzt auch eine halbe Stunde reden. Beruhigungsversuche von Eltern mit dem Hinweis ‚Du brauchst keine Angst zu haben‘ sind meistens nicht hilfreich.

Können Sie aufgrund der medizinischen Betreuung von Kindern Prognosen auf ihre spätere Entwicklung abgeben?

Zaum: Es gibt Körperhaltungen und Bewegungsbilder, die schon im Säuglingsalter auf bestimmte Veranlagungen hinweisen. Man muss wissen, dass Kinder sehr gut in der Lage sind, Defizite zu kompensieren. Schwierig wird es bei frühkindlichen seelischen Traumata. Daran haben Kinder oft ein Leben lang zu tragen. Ich habe mich aber auch schon getäuscht und daraus für die Zukunft gelernt. Diese Erkenntnis habe ich für mich immer als große Chance wahrgenommen.

Wo sehen Sie noch Defizite in der Kinder- und Jugendmedizin?

Zaum: Das Problem ist, dass uns vieles nicht ermöglicht wird, weil Gesetze und Krankenversicherungen im Wege stehen. Es fehlt beispielsweise an Verhaltenstherapeuten für Kinder. Wir werden oft daran gehindert, bestimmte Betreuungsformen anzuwenden, weil sie nicht bezahlbar sind.

Kennen Sie das Gefühl als Arzt nicht helfen zu können?

Zaum: Das liegt im Wesen des Berufes. Das weiß man von vorneherein.

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