Vorfahrt für Güterzüge: Der Bahninfarkt droht

Von: Udo Kals
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Bahn Infarkt
Wenn künftig im Übereinstimmung mit europäischen Vorgaben dem Güterverkehr auf einigen Bahnstrecken Vorrang gegeben wird, könnte dem regionalen Bahnverkehr, auch, weil das dritte Gleis zwischen Aachen und Köln fehlt, der Infarkt drohen. Foto: dpa

Aachen. Wer derzeit bereits oft auf Bahnsteigen zwischen Aachen, Köln und Düsseldorf steht und auf verspätete Züge wartet, dem könnten bald ganz harte Zeiten bevorstehen. Denn nach einer EU-Verordnung sollen schrittweise Güterzüge auf bestimmten Trassen Vorfahrt erhalten.

„Und damit könnte uns das ganze Taktgefüge um die Ohren fliegen. Das kann zu einem Fahrplan-Chaos führen”, warnt Hans Joachim Sistenich, der Geschäftsführer des Aachener Verkehrsverbundes (AVV) und des Nahverkehrs Rheinland (NVR) ist. „Denn da zwischen Aachen und Köln das dritte Bahngleis fehlt, müssen im schlimmsten Fall Personenzüge halten, um den internationalen Gütertransporten die Schiene freizumachen.”

Sei der Bahnverkehr schon jetzt dem Infarkt nah, könnte die Belastung vor allem am Aachener Hauptbahnhof drastisch zunehmen. Sistenich spricht von Prognosen, die bundesweit von einer Steigerung des Güterzugaufkommens von bis zu 70 Prozent ausgehen.

Hintergrund: Die Europäische Union will den grenzüberschreitenden Güterverkehr auf der Schiene beschleunigen und schafft dafür neun Korridore, von denen zwei das Rheinland besonders betreffen. Die eine Trasse führt ab Ende 2013 von Zeebrügge/Antwerpen über Duisburg und Köln nach Genua, die andere ab Ende 2015 von Rotterdam über Aachen und Warschau zur polnisch-weißrussischen Grenze.

Feinmaschiges Netz

Ein weiteres Problem: Wurde die Trassenvergabe und somit die Vertaktung der Züge bislang national geregelt, soll eine zentrale europäische Behörde bald die Koordination übernehmen. Sistenich: „Man muss sich die Taktpläne als feinmaschiges Netz vorstellen, das aufeinander abgestimmt ist. Jetzt drohen die Güterzüge dieses Netz zu zerstören - mit fatalen Folgen.”

Noch ist es nicht soweit. Noch laufen Gespräche. Und so hat sich die Region auf eine Resolution an das Land mit der Forderung verständigt, dass die NRW-Regierung ihren Einfluss zumindest im Bund geltend macht - um die vertakteten Nahverkehre auch künftig zu erhalten und neue Strecken zu bauen. Sistenich warnt: „Es muss etwas geschehen. Denn mit der bestehenden Infrastruktur ist es nur ansatzweise möglich, den schnellen Personenverkehr und den langsamen Güterverkehr zu entzerren.” Was passieren muss?

Sistenich: „Natürlich brauchen wir das dritte Bahngleis, das fordere ich seit Jahren.” Dass die große Lösung - wenn überhaupt - nicht sofort kommt, ist ihm klar. Dafür fehlt das Geld. Daher übt er sich in Pragmatismus: Wo es möglich ist, wie zwischen Düren und Langerwehe, sollten „Bypass-Lösungen” gefunden werden, um zumindest ein „fliegendes Überholen” zu ermöglichen. Die Zeit drängt. Und das bereitet dem AVV-Chef „gewaltige Sorgen”.
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