„Vor dem Anfang starten“: (Kein) Baby-Boom an Mädchenrealschule

Von: Corinna-Jasmin Kopsch
Letzte Aktualisierung:
12429614.jpg
14 Mädchen der Realschule Sankt Ursula, hier mit ihren Lehrkräften und Schulleiterin Dotothee Spinrath (links), nehmen in diesem Jahr an dem Projekt „Vor dem Anfang starten“ teil und erfahren nun fünf Tage lang, wie es sein könnte, Mutter zu sein. Foto: Corinna-Jasmin Kopsch
12429618.jpg
Auf den ersten Blick sehen die Babysimulatoren durchaus lebendig aus. Und sie tun auch viele Dinge, die „echte“ Babys tun.

Monschau. Täuschend echt hört sich das Babyschreien an, wenn man den Gemeinschaftsraum der Bischöflichen Mädchenrealschule St. Ursula betritt. Überall stehen Maxi Cosis herum – mit sehr jungen Babys, wie man auf den ersten Blick meint.

Doch es sind Puppen. Programmierte Puppen, die real aussehen, mit Bedürfnissen, die erfüllt werden müssen, und die schreien. Laut schreien, wenn man nicht auf sie eingeht.

Die Babypuppen sind Teil des Projekts „Vor dem Anfang starten“, das junge Menschen bei dem Erwerb von Lebenskompetenz unterstützt. Verantwortlicher Träger ist die Städteregion Aachen, in Kooperation mit dem Caritasverband für die Region Eifel und der St.-Ursula-Schule. 14 Mädchen nehmen in diesem Jahr an dem Projekt teil und erfahren nun fünf Tage lang, wie es sein könnte, Mutter zu sein.

Der erste Teil des Projekts fand bereits im März statt – es ging zunächst um das Kennenlernen, allgemeine Themen wie Behörden, Haushalt und Finanzielles im Erwachsenenleben wurden behandelt. In der nun laufenden, zweiten Woche des Projekts, das als Sozialpraktikum anerkannt wird, erleben die Schülerinnen das Leben mit „Baby“. Ein Besuch beim Jugendamt in Aachen steht auf dem Plan sowie eine Besichtigung eines Kreißsaals in Simmerath, ein Stadtbummel und viele Gespräche rund um das Thema Kinder und Familie.

Füttern oder Windel wechseln?

Doch besonders wichtig ist der Umgang mit den Babysimulatoren. Die Puppen schreien, wenn ein Bedürfnis erfüllt werden muss - wenn sie gefüttert werden oder auf den Arm genommen werden wollen, wenn die Windeln gewechselt werden müssen. Was gerade gefordert ist, müssen die Mädchen selbst herausfinden. Beinahe wie bei echtem Nachwuchs.

Doch natürlich gibt es auch Unterschiede: Innerhalb von drei Minuten müssen die Schülerinnen herausfinden, ob sie füttern oder Windeln wechseln müssen. Geschieht dies nicht rechtzeitig, wird ein Fehler registriert. Am Ende der Woche wird dies ausgewertet.

Auch muss keine Milch vorbereitet werden, und das Windeln wechseln ist sicher angenehmer. Doch dafür haben die Babysimulatoren – bei aller Ähnlichkeit mit richtigem Nachwuchs – natürlich keine Emotionen und sie fühlen sich nicht an wie lebendige Kinder.

Trotzdem erhalten die Schülerinnen einen guten Einblick in das Leben mit einem Kleinkind. Wie es ist, nachts plötzlich nicht mehr durchschlafen zu können, weil man von Schreien geweckt wird. Wie es ist, wenn man rund um die Uhr die Verantwortung für jemand anderen hat, wenn man abends nicht weggehen kann, weil man sich um jemanden kümmern muss. Wie es ist, wenn man plötzlich auf der Straße angesprochen wird, weil sich jemand über so eine junge „Mutter“ wundert.

Die erste Nacht sei anstrengend gewesen, berichten sie morgens müde. Auch wenn zwischendurch die eigenen Eltern und Geschwister geholfen haben: Das meiste haben sie selbst gemacht. Und gemerkt, wie aufwendig es ist, sich um ein Baby zu kümmern.

„Die Mädchen erfahren, wie es ist, wenn sie gefragt sind, wenn sie die Verantwortung haben“, berichtet Uschi Grab von der Schwangerschaftsberatung des Caritasverbandes für die Region Eifel. Sie leitet das Projekt an der Mädchenrealschule – mit Unterstützung von Regine Förster, der Schulseelsorgerin, sowie von Jutta Smit-Bruns, Schulsozialarbeiterin an St. Ursula.

Ziel des Projekts, das in der Jahrgangsstufe 9 durchgeführt wird, ist es, „die individuellen Fertigkeiten junger Menschen zur Lebensbewältigung zu fördern und ihnen erzieherische Handlungskompetenzen zu vermitteln“, wie man der zugehörigen Broschüre entnehmen kann.

Als Kind schon Mutter werden

Außerdem soll möglichst verhindert werden, dass „junge Menschen Kinder bekommen, wenn sie selbst noch Kind sind“. Daher wird auch das Thema Verhütung behandelt. Grab führt an, dass den Schülerinnen natürlich nicht der generelle Gedanke daran, irgendwann eine Familie zu gründen, verleidet werden soll. Doch bereits nach nur einer Nacht mit den Puppen sind sich die Mädchen einig: Wichtig ist es, erst das eigene Leben in „geordnete Bahnen“ zu lenken und sicherzugehen, dass man Unterstützung von der eigenen Familie hat.

Doch der Gedanke an eine eigene Familie gefällt ihnen – irgendwann, nicht zu früh. So erfüllt das Projekt sein Ziel.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert