Einruhr/Konzen - Vor 71 Jahren: 60 Flüchtlinge in Einruhr

Vor 71 Jahren: 60 Flüchtlinge in Einruhr

Von: Günter Krings
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Als der Krieg 1944/45 die Eifel erreichte, mussten viele Menschen ihre Heimat verlassen. Wie hier in der Pfarrkirche von Dreiborn (zu dem Einruhr seinerzeit gehörte) warteten die Menschen vor der Evakuierung auf den Befehl zum Abmarsch in eine ungewisse Zukunft. Quelle: Helios-Verlag/US-Army
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In der kleinen katholische Kirche von Frellstedt-Süpplingen und im Haus des evangelischen Pfarrers lebten Autor Günter Krings, seine Mutter, drei Kinder im Alter von 1 bis 4 Jahre und sein Großvater für zehn Monate.

Einruhr/Konzen. Aus aller Welt sind also in diesen Tagen 130 Flüchtlinge in Einruhr gelandet und warten dort auf die Zuweisung in eine Gemeinde in Nordrhein-Westfalen. Ziel von Flüchtlingen war Einruhr aber auch schon vor 71 Jahren.

Anfang September im Jahre 1944 erreichten amerikanische Truppen im Hohen Venn die Linie Mützenich – Konzen – Roetgen und konnten vom Vennrand aus Konzen ins Visier nehmen. Östlich von Konzen verlief der Westwall, so dass Konzen und auch andere Dörfer unserer Heimat sozusagen zwischen den Fronten lagen. Parteiorgane der NSDAP ordneten deshalb die Räumung der Dörfer und Evakuierung der Bevölkerung an.

Am 12. September waren die Konzener bereit zum Abmarsch, der von Parteileuten begleitet wurde. Ein Teil der Konzener zog über Imgenbroich – Grünental – Hammer – Dedenborn nach Einruhr. Ein anderer Teil wollte über Simmerath – Kesternich nach Einruhr ziehen. Aber in der Breitestraße versperrte eine geschlossene Schranke den Weg, so dass die Flüchtlinge umkehrten und zwei Nächte in Kellern verbrachten.

Am 14. September wurde die Lage durch Granateinschläge aber so brenzlig, dass sich der Tross bei Regenwetter zu Fuß in Richtung Einruhr machte. Mitnehmen konnten die Flüchtlinge nur, was sie selbst tragen oder transportieren konnten. Wer ein Pferde- oder Ochsengespann sein Eigen nannte, konnte sich glücklich fühlen, mehr Wäsche oder Lebensmittel mitzunehmen. Andere zum Beispiel zogen mit drei kleinen Kindern und einem Fahrrad in Richtung Einruhr. Dort hatte die NSDAP alles vorbereitetet, damit die etwa 60 Flüchtlinge aus Konzen dort untergebracht und verpflegt werden konnten.

Nun war Einruhr damals kein Fremdenverkehrsort, sondern ein kleines Bauerndorf, das so viele Flüchtlinge nicht in den Wohnungen aufnehmen konnte. Die geflohenen Menschen aus Konzen schliefen und wohnten deshalb in Scheunen, auch die Mütter mit den Kleinkindern.

Man unterlag damals dem Irrtum, dass die Front in kurzer Zeit die Eifel bis zum Rhein durchquert hätte. So machte man es sich in Einruhr so bequem wie unter diesen Umständen möglich und blieb dort zwei Wochen. Verpflegt wurde der Flüchtlingstross aus einer Feldküche, die von Parteileuten betrieben wurde.

Nach zwei Wochen aber kamen die Granateinschläge immer näher, so dass die Flüchtlinge von der Partei nach Wollseifen geleitet wurden, wo man eine Nacht verbrachte, bevor es weiterging nach Kall. Ein großer Teil der Flüchtlinge wurde im Bahnhof untergebracht, der aber wegen eines Fliegeralarms schnell wieder geräumt werden musste. In einem stillgelegten Bergwerksstollen überlebten die Konzener diesen heftigen Angriff auf den Bahnhof von Kall.

Hier trennte sich noch am gleichen Tag der Flüchtlingstross: Ein Teil zog über Schaven weiter, ein anderer Teil über Bleibuir. Die Parteiorgane der NSDAP sammelten aber die verstreuten Flüchtlingsgruppen wieder ein und brachten sie auf Lkws nach Mehlem, wo auf einer Fähre der Rhein überquert wurde. Von dort aus wurden sie mit Lastwagen nach Siegburg gebracht. Mit der Bahn wurden die Flüchtlinge aus Konzen bis Frellstedt bei Helmstedt transportiert, wo sie zunächst in einer Turnhalle übernachteten. Am nächsten Tag zogen sie zu Fuß mit ihren wenigen Habseligkeiten nach Süpplingen, wo sie von Parteiorganen der NSDAP im Dorf verteilt wurden.

Fast zehn Monate lang lebten diese rund 60 Flüchtlinge in Süpplingen, bevor sie wieder die Heimreise antreten konnten und zu Hause ein völlig zerstörtes Heimatdorf vorfanden.

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