Mützenich - Vor 100 Jahren: Strafgefangene roden das Platte Venn

Vor 100 Jahren: Strafgefangene roden das Platte Venn

Von: rpa
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Mützenich. Bauernhöfe mit Rindern und Milchvieh, Ferienwohnungen „in ruhiger und sonniger Lage” und Wohnhäuser - das ist das Bild des Plattevenns zwischen Eupener und Reichensteiner Straße. Sogar ein kleines Gestüt, das Gestüt Brackvenn, ist dort zu Hause.

Das Plattevenn (auch Platte Venn), unmittelbar in der Nähe des Naturschutzgebietes „Hohes Venn” auf einer Höhe von etwa 620 m, ist im Landschaftsplan für die Stadt Monschau als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen.

Längst ist vergessen, dass Strafgefangene das Plattevenn gerodet und urbar gemacht haben. „In Abteilungen von etwa 12 Mann arbeiten die Gefangenen auf dem Venn unter einem Aufseher bei Neukultivierungen, beim Pflügen, Säen und Ernten und beim Bau neuer Kolonate”, heißt es in einem Beitrag eines Aufsehers für das Montjoier Volksblatt in der Ausgabe vom 31. Dezember 1910, also vor nunmehr 100 Jahren.

Anlass des Beitrages war vor allem der Roman „Das Kreuz im Venn”, in dem Clara Viebig 1908 den Gefangenen vom Plattevenn gleichsam ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Vor wenigen Wochen hat der Rhein-Mosel-Verlag in Zell den Roman neu aufgelegt (3. durchgesehene Auflage 2011). Und damit kommen die Strafgefangenen im Venn zu neuen „Ehren”.

„Die Sträflinge waren weit übers Venn verteilt. Sie jäteten und hackten und schaufelten und gruben, sie zogen Gräben und rodeten Ginstergestrüpp.” Und das Blockhaus: „Hier hauste Simons Bräuer, der Aufseher der Strafkolonie. Immer trug er den geladenen Karabiner über der Schulter.” Unter dem strengen Regiment des Aufsehers führten die Männer ein hartes, karges Arbeitsleben, in jeder Hinsicht am Rande der Gesellschaft.

Kritik der Aufseher

Im „Kreuz im Venn” wie auch in ihren Novellen ließ Clara Viebig die Strafgefangenen im Venn bei Kalterherberg arbeiten. Tatsächlich mussten die Männer im Plattevenn bei Mützenich schuften. Allein dieser „Ortswechsel” hat der Schriftstellerin Kritik eingebracht. Ebenso der Satz: „Ein rothaariger Gefangener wusste sich stundenlang von der Arbeitskolonne zu entfernen, er reckte und streckte seine faulen Glieder im Grase, bändelte mit vorübergehenden Mädchen an und hing unnützen Gedanken nach, ohne dass sein Treiben vom Aufseher bemerkt wurde.”

Die Erzählungen „entbehren jeder geschichtlichen Unterlage und daher wird auch niemand den Ausführungen irgendeine Bedeutung beilegen”, äußerte sich damals, Ende Dezember 1910, verärgert der verantwortliche Führer der Gefangenen-Abteilung im Montjoier Volksblatt: „Im Allgemeinen schaffen die Gefangenen gern und empfinden Freude an den landwirtschaftlichen Arbeiten. Es kommt nicht selten vor, dass Gefangene zur Landwirtschaft übergehen, die sie früher gar nicht kannten.”

Auch betonte der Aufseher: „Bei den Außenarbeiten dürfen nur solche Gefangene verwendet werden, die sich in der Anstalt gut geführt und mindestens sechs Monate Strafe verbüßt haben und nicht fluchtverdächtig sind.”

Die Gesamtfläche des Platten Venns ist in sechs Kolonate aufgeteilt von je elf bis 14 Hektar, schreibt der Aufseher, in dessen Bericht wir weiter erfahren: „Die Seelsorge an den Gefangenen hat der Pastor in Mützenich übernommen.” Und: „Die Kolonatsgebäude enthalten vier Stuben, Küche, Milch- und Räucherkammer nebst geräumigem Stall.”

Der Aufseher versicherte zudem: „Mit dem einsamen Wohnen auf dem Venn, besonders auch mit den starken Niederschlägen, dem Nebel und den Schneeverwehungen haben sie sich abgefunden. Während der Erntearbeiten werden den Pächtern Gefangene gegen Lohn gestellt. Freie Arbeiter sind auf dem Venn nicht zu haben.”

„Angemessene Verzinsung”

Nach Abschluss der Kultivierung wird „mit Sicherheit eine angemessene Verzinsung” erwartet. Daher wird die Regierung 60 Hektar weitere Ödländereien von der Gemeinde Mützenich kaufen, um vier weitere Kolonate einzurichten”, ist im Bericht des Aufsehers zu lesen, der als weiteren Grund für die zusätzlichen Kolonate die Erschließung einer direkten und leichteren Verbindung mit der Straße von Mützenich nach Eupen und zum Bahnhof Monschau nennt.

Ende Januar 1911 steht im Montjoier Volksblatt, dass die Gemeinde Mützenich der Königlichen Regierung Aachen Ödländereien in der Größe von etwa 220 Morgen verkauft hat. Die Kultur- und Bauarbeiten sollen abermals Strafgefangene aus Aachen und Düsseldorf erledigen. Die Landwirte selbst begrüßen die Initiative, sehen sie in der „Vermehrung des Futterbaus das wirksamste Mittel, den Viehbestand zu heben und der ungewöhnlichen Preissteigerung für tierische Produkte entgegenzutreten”.

Immer wieder versuchten Gefangene, aus dem Plattevenn zu fliehen, wofür der Aufseher auch die Gründe kannte: „Viel Verlockendes für Entweichungen bietet leider die nahe belgische Grenze. Plötzlich auftretende Nebel, starke Niederschläge und angrenzende große Waldungen begünstigen die Fluchtversuche sehr.”

Das einstige Moorgebiet Platte Venn ist heute Landschaftsschutzgebiet, das zum Biotopkomplex Hohes Venn gehört, Viehwirtschaft und auch Ferienwohnungen in einem ehemaligen Bauernhof finden sich dort. Das Platte Venn ein literarischer Schauplatz, ein historischer Ort, der daran erinnert, dass und wie der Mensch in die Natur des Hohen Venns eingegriffen hat.
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