Vollgas im Dauer-Thema Motorradlärm?

Von: Ines Kubat
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Rurberg. Der 1. März ist ein besonderer Stichtag: Dann werden jedes Jahr viele Motorräder – nach monatelangen Winterschlaf – für die Saison angemeldet. Zum ersten Mal spüren die Biker wieder Fahrtwind. Doch damit steigt bei den Bürgern im Rurtal der Stresspegel – und zwar genau so hoch, wie die Drehzahlnadel der donnernden Maschinen.

Denn neben Touristen, die zum Kanufahren, Baden oder Wandern an den Rursee strömen, lockt die hügelige Landschaft auch die Biker – zum Leidwesen mancher Anwohner.

Das Problem seien nicht die gemütlichen Fahrer, die einen typischen Sonntagsausflug ins Grüne machen, erklärt uns eine Rurbergerin. Sie möchte anonym bleiben, weil sie und ihre Familie bereits wegen früherem Engagements gegen Motorrad-Fahrer bedroht worden seien. Das Problem, sagt sie, seien vielmehr die Raser, die überall nach neuem Nervenkitzel suchen – und ihn ganz offenbar in der Eifel finden.

Bürger können teilnehmen

Weil das zu einer enormen Lärmbelastung führt, verlieren die Eifeler so langsam die Geduld. Denn auch polizeiliche Kontrollen konnten den Rasern bislang kaum Einhalt gebieten. Die Beschwerden häufen sich auf dem Schreibtisch von Simmeraths Bürgermeister Karl-Heinz Hermanns, der sich nun an die Spitze der Initiative stellt und für Montag, 9. März, ab 10.30 Uhr zu einem überregionalen Symposium nach Rurberg in den Antoniushof einlädt. Ziel sei es, frischen Wind in die Angelegenheit zu bringen, Handlungsansätze zu finden und einen Forderungskatalog zu entwickeln.

Die Veranstaltung sei als „Fachtagung der Behörden und Kommunen“ geplant, interessierte Bürger können aber als Zuhörer ebenfalls teilnehmen. „Wir werden niemanden abweisen“, sagt Bürgermeister Hermanns zu. Eine offene Diskussionsrunde werde es jedoch nicht geben.

Über die EU-Rechtslage zu dem Thema wird Sabine Verheyen, Mitglied des Europäischen Parlaments, berichten. Danach folgen Erfahrungsberichte von Seiten des Straßenbauamts des Landes NRW und der Ordnungs- und Polizeibehörden aus dem Hochsauerlandkreis.

Nicht alle Biker verteufeln

Der Bürgermeister hofft, durch den Wissensaustausch konkrete Lösungen zu finden, um dem Problem Herr zu werden. Man versuche mit dem Symposium auf keinen Fall, Biker allgemein vom Rursee zu verbannen: „Wir wollen bei Rasern und Heizern ein rücksichtsvolleres Fahren bewirken“, betont Hermanns.

Denn rücksichtsvoll geht es bisher kaum zu. Kesternich–Rurberg–Einruhr–Kesternich. Dieses Dreieck bietet offenbar eine hervorragende Topographie für die Geschwindigkeits-Liebhaber. Einige Heizer haben sich diesen Abschnitt von rund 13,6 Kilometer als Strecke auserkoren. Und die gilt es, immer schneller zu vollenden, erklärt die Rurbergerin.

Was genau diese Runde so attraktiv macht, dass sich sogar Videos im Internet mit waghalsigen Fahrten finden? Gefälle und besonders knifflige Abschnitte, wie die bekannte „Applaus“-Kurve zwischen Kesternich und Rurberg, mit ihrer fast 180-Grad-Wende. Gerade die scheint einen besonderen Reiz für die Zweirad-Fahrer auszustrahlen: In größeren Gruppen reisen sie an und versuchen, sich gegenseitig zu überbieten. Die Rurbergerin hat sogar schon beobachtet, dass zahlreiche Motorrad-Kumpels am Fahrbahnrand standen und filmten, wie das Knie eines anderen Fahrers bei riskanten Manövern über den Boden kratzt und Funken über den Asphalt fliegen lässt. Einen faden Beigeschmack bekommt die „Applaus“-Kurve, wenn man sich die Unfall-Statistiken ansieht (s. Box).

Kein Wunder bei den Geschwindigkeiten: Der Rurbergerin zufolge treiben manche Biker ihre Maschinen bis zu 150 km/h. Die Polizei-Kamera hatte sogar schon einmal einen Fahrer mit 226 km/h vor der Linse, bestätigt auch die Polizei.

Die Raser, so berichtet es die Rurbergerin beim Gespräch mit unserer Zeitung, fahren die Strecke zwischen den drei Dörfern rund 10 bis 15 Mal an einem Tag: Jedes Mal etwas schneller, jedes Mal etwas waghalsiger – ein wahrer Wettkampf gegen die Zeit. So beobachtet sie es zumindest von ihrem Haus, das einen guten Blick auf einen Teil der „Rennstrecke“ bietet. Die Biker brüsteten sich ihrer Aussage zufolge mit einem Streckenrekord von sieben Minuten. Bei einer Länge von 13,6 Kilometern lässt das auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 116 km/h schließen.

Dass die Biker sich und ihren Führerschein so in Gefahr bringen, könnte den Anwohnern in Rurberg ja eigentlich relativ egal sein, wäre da nicht der Lärm der Maschinen, der schon lange mehr sei als ein monotones Hintergrundgeräusch. Die Eiflerin aus Rurberg vermutet hochfrisierte Motoren kombiniert mit Drehzahlen im roten Bereich. Früher gehörten die Motorradfahrer zu normalen Alltagsgeräuschen wie ein Rasenmäher.

Motorradlärm „bohrend“ laut

Heute sei der Lärm „bohrend“ laut, so dass viele Anwohner so manche Sommertage im Haus verbrächten. Andere denken sogar über einen Umzug nach.

Seit rund drei Jahren beschäftigt sie sich mit dem Thema, hat bereits Beschwerden bei der Gemeinde und der Polizei eingereicht. Und dennoch sei bisher nichts passiert, sagt sie ein wenig resigniert. Sie wünscht sich bauliche Veränderungen wie Schwellen oder Rillen entlang der Straße, damit es den Motorrad-Fahrern schlichtweg unmöglich gemacht wird, die Kurven als Rennstrecken zu missbrauchen.

Vom Symposium erhofft sie sich, dass auf Überlegungen und Beratschlagung Taten folgen. Andere Bürger hätten sich bereits bei Bürgermeister Hermanns positiv geäußert, dass zumindest ein Versuch unternommen wird, etwas zu ändern.

Doch, so Hermanns: „Mit der Tagung werden nicht alle Probleme beseitigt sein. Es sind dicke Bretter zu bohren.“ Deshalb hofft er, mit dem erarbeiteten Forderungskatalog, in Ministerien und anderen Kommunen und Kreisen weitere Mitstreiter zu finden.

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