Und plötzlich liegt Japan ganz nah an der Eifel

Von: Christoph Classen
Letzte Aktualisierung:
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Am Anschlag: Die Zwölftklässler Marius Roder (l.) und Pascal Kell zeigen, wie der Seismograph im St. Michael-Gymnasium auf das Erdbeben in Japan reagierte. Im Physik-LK diskutierten sie über das Thema.

Monschau. Als in Japan die Erde bebte, war in Monschau das Papier nicht breit genug. Derartig stark waren die Auslenkungen des Seismographen-Schreibers, der seit etwa 14 Jahren im St. Michael Gymnasium seinen Dienst tut, dass er gar nicht in der Lage war sie vollständig abzubilden.

Das Gerät stieß an seine Grenzen, weil es das Millimeter-Papier nicht über seinen Rand hinaus vollschreiben konnte. Marvin Krings war einer der ersten, der von den außergewöhnlichen Auslenkungen Notiz nahm. Der Schüler, der die 13. Klasse des Gymnasiums besucht, sagt: „Ich bin wie so oft an dem Schreiber vorbeigegangen. Und als ich dann genauer hinsah, dachte ich nur: Boah, da muss etwas Großes passiert sein.” Was genau, erfuhr er wenig später wie Klassenkamerad Timo Woopen aus den Medien. Die mittlerweile bekannten Bilder aus Japan sahen sie in Fernsehen und Internet, wenig später auf den Titelseiten der Zeitungen. Bilder von Menschen, die auf dem Dach ihrer einstigen Häuser wie auf einem Floß durch die Fluten treiben, von Kampfjets, die in Häuserfronten gedrückt wurden und immer wieder von einer Explosion in einem Atomkraftwerk.

Jetzt sitzen Marvin und Timo im Keller des Gymnasiums, der mit seinen unverputzten Betonwänden ein bisschen an einen Luftschutzbunker erinnert. Die beiden sind regelmäßig hier anzutreffen, denn dort unten ist der so genannte Kontrollraum. Timo und Marvin sind Mitglieder der Seismik-AG und wenn irgendwo auf der Welt die Erde bebt, dann registrieren sie das.

Das Projekt begann 1996 mit dem Bau eines Seismographen als Beitrag für das Projekt „Jugend forscht”. Seitdem ist die Schule wohl die einzige in Deutschland, die über eine Drei-Komponenten-Version des Geräts verfügt. „Das bedeutet, dass wir ein Nord-Süd-, ein Ost-West- und ein Rauf-runter-Pendel haben”, erklärt Ulrich Arndt, Lehrer für Mathematik, Physik und Philosophie, der die Seismik-AG leitet.

Wenig später rüttelte das Beben auch am Unterrichtsablauf. Spontan entschloss man sich, über das aktuelle Ereignis im Physik-Leistungskurs zu diskutieren. „Das ist alles schon sehr beunruhigend, besonders, weil ja auch ein Atomreaktor betroffen ist”, sagt Zwölftklässler Marius Roder. Pascal Kell, der ebenfalls die zwölfte Klasse des Gymnasiums besucht, sagt: „Ich finde, man sollte auf jeden Fall überlegen, ob man in Deutschland alle Atomkraftwerke abschaltet. Denn früher oder später kann auch bei uns etwas passieren.”

Genau davor fürchtet sich auch Silvia Mertens und deswegen steht sie am Montagabend vor dem Rathaus in Monschau. Mertens vertritt die Belange der Grünen im Rat der Stadt und im vergangenen November hat sie die Anti-Atomkraft-Demos eines Bürgerbündnisses maßgeblich mitorganisiert. Es seien stets überparteiliche Veranstaltungen gewesen, sagt Mertens und das gleiche gelte für die Mahnwache an diesem Abend.

Genau, eine Mahnwache ist es, keine Demonstration. „Wir können doch jetzt nicht mit Trillerpfeifen lärmend durch die Straßen ziehen”, begründet Mertens die Wahl der etwas stilleren Protestform. In Anbetracht der vielen Opfer, die die Katastrophe in Japan forderte, empfände sie eine Demonstration als unangemessen.

Rund 70 Menschen sind es, die sich letztlich an der Mahnwache gegen die weitere Nutzung von Kernenergie in Deutschland beteiligen. Die Organisatoren werten den Zuspruch als Erfolg, schließlich sei Monschau eine kleine Stadt und die Aktion eine ziemlich spontane gewesen.

Silvia Mertens fühlt sich durch das Unglück in einem japanischen Atomkraftwerk zwar bestätigt, ein gutes Gefühl gibt ihr das aber nicht. Sie sagt: „Ich wollte niemals Recht behalten.”

Dass in Deutschland jetzt wieder über die Laufzeiten der Meiler diskutiert wird, begrüßt Mertens aber: „Von den Befürwortern hieß es immer: Es kann doch nichts passieren”. Jetzt sei das Gegenteil bewiesen, gerade weil die Technik in Japan der in Deutschland ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen sei. Mertens sagt: „Wir sollten keine Technologie nutzen, die wir nicht beherrschen können.”
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