Ulrich Küpper greift zum Abschied tief in die Schlagerkiste

Von: Peter Stollenwerk
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Abgesang auf die Stella-Stuben
Abgesang auf die Stella-Stuben: Ulrich Küpper griff zum Abschied als singender Wirt vor der leicht renovierungsbedürftigen Fassade der Kneipe noch einmal tief in die Schlagerkiste. Foto: P. Stollenwerk

Monschau. Ungewöhnlich aufgeräumt sieht es auf dem Parkplatz vor den „Stella Stuben” in der Monschauer Laufenstraße aus. Keine hoch gestapelten Bierfässer mehr, keine Getränkepaletten mehr und auch kein Ulrich Küpper mehr mittendrin, der sich mit dem Gabelstapler seinen Weg durch das Getränkelager sucht.

Man wird sich an einen neuen Anblick an der Wendeschleife gewöhnen müssen, auch der unübersehbare dreiachsige rot-weiße Citroën mit der Früh-Kölsch-Werbung wird hier bald nicht mehr stehen. Hier, wo immer ein lebendiges Stück Monschauer Altstadt seinen Platz hatte, auch wenn so manchem dieser Anblick geschäftiger Individualität nicht immer gefiel , stehen die Zeichen auf Veränderung. In den „Stella Stuben” ist Schluss, seit dem 1. September sind die Zapfhähne nach oben gedreht, still ruhen die weißen Flokati-Bezüge auf den Sitzbänken, die kleinen Musikboxen an den Tischen schweigen. Es gibt keine heißen Würstchen mehr und auch keinen Kartoffelsalat. Feierabend.

Nach einem halben Jahrhundert ist damit eine Epoche Monschauer Kneipenkultur vorüber. „Küppers Ull” - unter diesem Begriff war die Gaststätte am Laufenbach in der gesamten Eifel und darüber hinaus ein Begriff. „Ull” hat einen Schlussstrich unter sein bewegtes Leben als Wirt, Entertainer und Geschichtenerzähler gezogen.

Es wird auch keine Kfz-Nummernschilder mehr aus der stets mit Material überhäuften kleinen Werkstatt geben, für deren handgefertigte Produktion der Wirt nach oft langen Kneipennächten von seiner Kundschaft unsanft aus dem Schlaf geklingelt werden musste.

Am Mittwoch aber herrschte noch einmal Stimmung auf dem Platz vor der Kneipe, wo Uli Küpper sich von seinen Gästen, die ihn teilweise über all die Jahrzehnte begleitet haben, verabschiedete.

Es war wie ein Blick zurück auf die touristischen Zeiten in der Monschauer Altstadt, als die Gäste noch scharenweise mit Bussen hier eintrafen. Natürlich war das damals noch florierende Terrassen-Café von Uli Küpper die erste Adresse für die Besucher aus den Nachbarländern Belgien und Holland, und auch die gepflegte Nachmittags-Unterhaltung bei Musik und Tanz hatte noch ihren Platz.

Die Terrasse ist längst Vergangenheit, aber jetzt war noch einmal fast alles wie früher. Oswald Jansen aus Höfen, der sieben Jahre ein verlässlicher musikalischer Begleiter war und die Terrassengäste mit Schlager- und Stimmungsmusik unterhielt, hatte noch einmal seine Orgel aufgebaut, und Uli Küpper, inzwischen 75 Jahre alt, griff noch einmal zum Mikrofon und sang vor der leicht renovierungsbedürftigen Fassade des Betriebsgebäudes die schönen alten Schlager wie „Es gibt kein Bier auf Hawaii” und „Mädchen mit den traurigen Augen.”

Die vorbeikommenden Touristen schauten ein wenig irritiert ob dieser etwas schrägen Szenerie; sie wissen nicht, was sie verpasst haben. „Früher hat halb Monschau von den Bussen, die zu uns kamen, gelebt”, lacht Oswald Jansen und erzählt, wie er den Menschen mit seiner Musik Freude bereitete und sich manchmal auch das Akkordeon umhängte und zu den Tischen ging.

Es gibt Freibier an diesem Tag, und Uli Küpper steht endlich einmal vor der Theke, denn am Zapfhahn ist er hochrangig vertreten. Hier ist Dr. Mario Theissen im Einsatz. Der seit kurzem im Ruhestand befindliche ehemalige BMW-Motorsportdirektor löst ein Versprechen ein und ist eigens dafür aus München angereist. Man sieht ihm die Freude an, unter Monschauern zu sein. „Ich habe Mario schon mit 15 Jahren in die Kneipe gelassen”, erzählt Uli Küpper und sein prominenter Thekendienst sagt, dass damals der Kneipenbesuch schon ein echtes Jugendabenteuer gewesen sei.

„Ich würde alles noch einmal so machen”, lacht Uli Küpper, der in seiner Kneipe die ganze Bandbreite menschlicher Schicksale und Begegnungen erlebte.

1961 eröffnete er sein Lokal, nachdem er drei Jahre zuvor mit einer Tankstelle (übrigens einer von damals fünf allein in der Altstadt) das Geschäft gestartet hatte. „Die liebsten Gäste waren mir immer schöne Frauen”, schwärmt er, aber auch viele Prominente kehrten in die Kneipe gegenüber der ehemaligen Seidenfabrik ein. Götz „Schimanski” George sei vor wenigen Wochen erst noch da gewesen. Ein anderer Tatort-Kommissar, Hans-Jörg Felmy, war über viele Jahren Stammgast, aber auch Curd Jürgens oder Armin Müller-Stahl, „der heute noch ein guter Freund von mir ist”, kehrten hier ein. Auch ein früherer belgischer Ministerpräsident fand jahrelang unerkannt seine Rückzugsmöglichkeit bei Uli, der über Jahrzehnte ersten Kneipen-Adresse in Monschau.

Andere Gäste, die heute prominent sind, wollte Uli Küpper vor 40 Jahren nicht an seiner Theke sehen. Das waren die Akteure der Kunst-Ausstellung „Umwelt-Akzente”, die ja bekanntlich dieser Tage in Form einer Retrospektive in der Altstadt wieder auflebt. Er erteilte den Künstlern schließlich Hausverbot, nachdem er mit HA Schult, der mit einem Lautsprecherwagen durch Monschau fuhr und die Passanten beschallte, eine unfreundliche Begegnung hatte. „Den habe ich mir am Kragen gepackt”, erzählt Uli Küpper, ehe die Polizei einer Eskalation zuvor kam. „Das war totaler Mist”, schimpft Uli Küpper noch heute über Aktionen im öffentlichen Raum. Pech war nur, dass er zuvor bereits, ohne die Arbeiten zu kennen, für den damaligen Ausstellungskatalog bereits eine 400 Mark teure Anzeige geschaltet hatte, diese aber nicht bezahlen wollte, als er im Mai 1970 das Ergebnis sah. „Ich hatte an richtige Kunst geglaubt.” Doch da er nicht vom seinem Vertrag zurücktreten konnte, behielt er sich vor, den Anzeigentext zu ändern, wo Ulrich Küpper folgende Worte zum Besten gab: „Das Wort Kunst kommt von Können, käme es von Wollen, könnte man es Wulst nennen. Die Stella-Stuben, das gemütliche Tanzrestaurant am Fuße der Mühlenley, ist der Meinung, dass man das hübsche Eifelstädtchen Monschau nicht durch Wulst verunstalten sollte.”

Einer Konfrontation ist der Ur-Monschauer Uli Küpper selten aus dem Weg gegangen, davon können manche Behörden ein Lied singen. Legendär ist sein Musterprozess um den Verkauf von belgischem Bier. Seine Hausmarke Stella Artois entspreche nicht dem deutschen Reinheitsgebot, hatten die Kontrolleure herausgefunden. Uli Küpper kramt eine stark angegriffene Ausgabe des Magazins „Quick” aus dem Jahr 1984 hervor, wo er als Vorkämpfer europäischer Rechtsprechung in Erscheinung tritt. Erst Jahre später wurde das Reinheitsgebot aufgehoben. Uli Küpper, der widerspenstige Monschauer Wirt, war in aller Munde, in allen Blättern und „21 Mal in ganz Europa im Fernsehen”.


Uli Küppers Kneipe war schon Kult, als es den Begriff überhaupt noch nicht gab. Etwas von dieser Atmosphäre soll nun zumindest in die Neuzeit gerettet werden. Uli Küpper, der ein neues Domizil einige hundert Meter höher in der Laufenstraße gefunden hat, hat den Betrieb verkauft. Die neue Geschäftsführerin Jenny Schmitz aus Höfen hat schon einige Vorstellungen entwickelt, wie sie im kommenden Jahr ein neues Gewerbe, unter anderem mit Honigverkauf, aufziehen könnte.

Die Stella Stuben sind damit Geschichte - die Geschichten um den singenden und so gern erzählenden Monschauer Wirt Ulrich Küpper aber werden bleiben.
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