Nordeifel - Über dem festlich gedeckten Tisch gab es plötzlich einen lauten Knall

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Über dem festlich gedeckten Tisch gab es plötzlich einen lauten Knall

Von: H. Jürgen Siebertz
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Weihnachten 1951: Eine lustig-besinnliche, aber auch wahre Geschichte. Foto: Archiv

Nordeifel. Nun, es war schon eine bescheidene Zeit damals, wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Jeder musste sehen, wie er irgendwie über die Runden kam. Die Menschen auf dem Land hatten es sicher etwas einfacher als die Stadtbewohner, an Lebensmittel heranzukommen.

Auch wir, eine Bauernfamilie aus Lammersdorf, konnten überwiegend aus unserem Garten leben. Dazu Milch von den eigenen Kühen, Speck und Wurst vom gemästeten Schwein und Eier von munter gackernden Hühnern - so konnten wir es aushalten.

Aber warum nur fütterten meine Eltern auch noch drei Kaninchen, die sich ständig den Bauch voll schlugen und immer nur Mist produzierten? Die Kaninchen hatten auch Namen: Hansi (das war der fette Frechdachs mit den dicken Pfoten), Gerda, die dem Aussehen nach seine Schwester hätte sein können und Peterchen, der etwas mickrig geblieben war.

Kein Löwenzahn mehr

Nachdem Hansi mich zweimal gebissen hatte, beschloss ich, ihm keinen Löwenzahn mehr zu pflücken. Statt dessen zupfte ich Gräser und andere Kräuter, von denen er die Hälfte nicht anrührte.

Ich sollte noch erwähnen, dass mein Vater im Vorjahr mit einigen Helfern auf dem Nachbargrundstück ein neues Haus gebaut hatte, in das wir in diesem Herbst einziehen konnten. Die Kaninchen waren mit umgezogen, der Hansi, die Gerda und das Peterchen.

In der Küche, die zugleich unser Esszimmer war, befand sich in der Mitte ein großer Tisch mit vier Stühlen, an dem wir regelmäßig unsere Speisen einnahmen. Nun war das mit dem Baumaterial nicht so wie heute, wo man einfach in einen Handwerkermarkt gehen und sich selbst die besten Materialien aussuchen konnte. Die Zimmerdecken z. B. waren nur „gepliestert“, d h. die Deckenbalken wurden mit vielen dünnen Leisten versehen, in die man eine breiige, mit Stroh und Pferdehaaren verstärkte Kalkschicht eindrückte. Wer in unserer Küche einen Blick an die Decke warf, konnte gleich sehen, dass der Kalkputz schon dabei war, sich von den Holzleisten wieder abzulösen. Die Ermahnungen meiner Mutter, Vater solle den drohenden Absturz durch eine Erneuerung von uns abwenden, blieben bei ihm offenbar ungehört.

Wirklich nicht traurig

Doch wieder zurück zu unseren Kaninchen. Um es kurz zu machen: Eines Tages - es war wenige Tage vor Heiligabend 1951 - war Hansi plötzlich verschwunden. Seine Stalltüre stand sperrangel-weit offen, und auch das Futter war weg. „Er ist zum Christkind gegangen“, sagte meine Mutter erklärend. „Na endlich“, dachte ich, „der beißende Fresssack hat das Weite gesucht!“ Ich war wirklich nicht traurig über den Verlust, denn wer will schon ein Kaninchen füttern, das zur Belohnung die Finger seines Pflegers fressen will? Undankbares Geschöpf!

Dann kam der Heilige Abend. Dieser Tag hatte für mich viele lange, quälende Minuten. Ich werde ihn sicher nie vergessen, denn die Geschichte ist so wahr, wie ich Hans-Jürgen-Josef heiße. Um 18 Uhr kam pünktlich das Christkind! Aus dem Wohnzimmer ertönte ein Glöckchen. Als ich die Türe öffnete, schaute ich voller Entzücken auf den von vielen Kerzen erleuchteten Weihnachtsbaum, unter dem sich zahlreiche bunte Päckchen und rote Pappteller mit Plätzchen, Schokolade und Äpfeln befanden. Das Staunen über die schönen Dinge wollte kein Ende nehmen. Das Auspacken ging nun eine Weile hin und her, bis Mutter rief: „Das Abendessen ist fertig!“ Hungrig eilten wir an den mit Kerzen, Lametta und Tannengrün geschmückten Tisch, hatte es doch seit dem kargen Mittagessen nichts mehr zu Futtern gegeben.

Als Mutter die Speisen auftrug, fiel mein Blick geradewegs auf den Topf mit dem noch brutzelnden Braten. „Was ist das für Fleisch?“, fragte ich. „Das ist ein Truthahn“, sagte meine Mutter. „Was - ein Truthahn mit vier Beinen?“, rief ich, „das habe ich ja noch nie gesehen!“ „Sei ruhig, heute ist Weihnachten, und außerdem wird gegessen, was auf den Tisch kommt“, so die Mutter. Enttäuscht schob ich meinen Teller zur Seite und rief so laut ich konnte: „Das ist Hansi, Hansi, Hansi!!!“ Im gleichen Moment, als habe Hansi vom Himmel droben meine Schreie gehört, gab es einen furchtbaren Schlag. Alle schauten bestürzt auf den Tisch. Der Deckenputz hatte sich von seinem Lattengerüst verabschiedet und war kurzerhand auf den Küchentisch und auch auf Hansi im Topf geknallt.

An diesem Heiligabend 1951 haben wir dann nur Kekse und etwas Brot gegessen.

Danke, Hansi!

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