Tragischer Eifel-Krimi: Familie um Lebenstraum betrogen

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
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Traurige Blicke trotz Traumgru
Traurige Blicke trotz Traumgrundstück: Auf dem Hektar Land im Hintergrund in Kalterherberg wollten Heike und Antonio Wenzel für sich und ihre Kinder Luca sowie Pia und Rebecca (nicht im Bild) ihren Traum vom Leben im Grünen verwirklichen. Jetzt stehen sie vor dem Ruin. Foto: Stephan Mohne

Aachen. Der Blick der Frau schweift durch das kleine Wohnzimmer, das nicht ungemütlich ist, aber etwas Unpersönliches hat. Ein Ferienhaus eben. Er bleibt an dem kleinen Aquarium hängen, das in der Ecke steht.

Heike Wenzel steht auf und klopft an das Glas, hinter dem ein paar Fische schwimmen. „Eigentlich sollten es einmal Pferde werden, dafür haben wir hier schließlich einen Hektar Land gekauft”, sagt die 36-Jährige nachdenklich. „Jetzt haben wir Fische.”

Zierfische statt Pferde, das lässt ermessen, wie groß der Traum der Wenzels war, ehe er geplatzt ist wie eine Seifenblase. Aus dem Ruhrgebiet waren Antonio und Heike Wenzel mit ihren drei Kindern nach Kalterherberg gekommen. Denn auf den idyllischen Eifelhöhen hatten die Eheleute ihr 10.000 Quadratmeter großes Traumgrundstück gefunden.

Genau das Stück Land, das perfekt zu den Plänen für ihr Traumhaus passte, die sie schon lange in der Schublade hatten: ein Domizil mitten im Grünen, mit viel Platz zum Wohnen und viel Luft zum Atmen. Und viel Land, auf dem Kühe grasen können. Und eben Pferde weiden.

Mit jedem Monat dem Ruin näher

Ihr Traumgrundstück sehen die Wenzels immer noch Tag für Tag. Das Ferienhaus, in dem die Familie seit August zur Miete wohnt, liegt schließlich gleich nebenan. Nur das Traumhaus ist ihnen abhanden gekommen, obwohl es eigentlich längst im Bau sein sollte. Aber es gibt keine Baugrube, keine Steine, keine Arbeiter. Zahlen müssen sie dafür trotzdem, was die Wenzels mit jedem Monat dem Ruin ein Stück näher bringt.

Dass es so weit gekommen ist, hat viel mit einem Vertrauen zu tun, das man auch Leichtgläubigkeit nennen kann. Zumindest jetzt, rückblickend. Es hat auch mit vermeintlicher Freundschaft zu tun. Und vor allem mit einer gehörigen Portion krimineller Energie. Antonio Wenzel bringt das Dilemma ganz einfach auf den Punkt: „Wir sind betrogen worden.”

Denn die Wenzels haben das Geld für ihren Traum einem Mann gegeben. Aber der baute nicht das Haus, sondern steckte das Geld in die eigene Tasche. Viel Geld. 189.724,50 Euro als erste Vorauszahlung, um genau zu sein. Als er sich noch mehr einstecken wollte, zeigten die Wenzels ihn an.

Die Aachener Staatsanwaltschaft hat den Fall untersucht, die Ermittlungen sind mittlerweile abgeschlossen. Eine Entscheidung, ob Anklage gegen den Mann erhoben wird, steht kurz bevor, wie Jost Schützeberg, Sprecher der Staatsanwaltschaft, sagt. Dass es zur Anklage und zum Prozess kommen wird, scheint angesichts der Umstände des Falls sicher. Doch ob die Wenzels dann ihren Traum zurückbekommen, steht in den Sternen.

Der Mann, um den es geht, ist gerade einmal 25 Jahre alt und stellt sich gerne als umtriebiger Geschäftsmann dar. Mehrere Firmen hat er tatsächlich gegründet. Ihr Geflecht erweckt im Internet fast den Anschein eines in vielen Branchen operierenden Konzerns. Da gibt es eine „Unternehmensgruppe” unter seinem Namen und diverse Gesellschaften, die mit allem Möglichen handeln. Mit Immobilien, mit Kunstgegenständen, mit Sportwagen, sogar mit Yachten oder Anteilen an Windparks in Polen. Und eine Baugesellschaft hat er auch.

Schöne digitale Scheinwelt

Schaut man hinter die Fassade dieser schönen digitalen Scheinwelt, wird man jedoch schnell skeptisch. Denn dann landet man in der Wirklichkeit, zum Beispiel vor einem schmucklosen Mehrfamilienhaus an der Trierer Straße in Aachen. Dort soll sich der „Hauptsitz” der „Gruppe” befinden. Tatsächlich steht auf einem der obersten Klingelschilder ein Firmenname, darunter der Name des jungen Mannes und der einer weiteren Person. Aber es ist wohl eine Wohngemeinschaft und keine Konzernzentrale.

Denn hinter der Tür befindet sich die „von dem Beschuldigten angemietete 65 qm große Privatwohnung”, wie die Aachener Justiz festgestellt hat. Auch die Adresse einer weiteren GmbH des vermeintlichen Jungunternehmers mitten im Aachener Stadtteil Burtscheid führt ins Nichts. Am angegebenen Ort findet sich nicht die kleinste Spur. Hier hat es noch nicht einmal zu einer Briefkastenfirma gereicht.

Erster Kontakt via „Facebook”

Die Wenzels haben damals nicht hinter die Fassade geschaut. Als sie ihr Traumgrundstück in der Eifel gefunden hatten, hat Antonio Wenzel versucht, in der Region Kontakte zu knüpfen. Via Internet. Er kannte ja niemanden hier. Der 46-jährige Familienvater aus Gelsenkirchen ist seit einem Motorradunfall Frührentner und nebenbei „semiprofessioneller” Musiker, wie er sagt. Über die Musikschiene versuchte er Leute kennenzulernen. Und geriet über „Facebook” an den 25-Jährigen in Aachen.

Man traf sich in einem Café in der Aachener City, fand sich schnell sympathisch. „Er machte einen sehr netten Eindruck”, erinnert sich Wenzel. Und er wirkte sehr geschäftig. „Er kam immer von irgendwelchen Baubesprechungen, gab sich als Makler und Bauunternehmer aus.” Doch darum ging es am Anfang gar nicht, sondern um einen Auftritt als Musiker. Der platzte zwar, aber man kam sich näher.

Die Wenzels lernten die Freundin des Mannes kennen, dieser die ganze Familie. „Er hat hier sogar mit unseren Kindern gespielt”, sagt Antonio Wenzel. „Wir hatten eine freundschaftliche Beziehung, ein Vertrauensverhältnis”, fügt er hinzu und scheint immer noch fassungslos vor dem zu stehen, was dann folgte. Man kann sich vorstellen, wie Heike und Antonio Wenzel diese Erinnerungen wieder und wieder gemeinsam durchleiden. „Wäre das damals nicht so vertraut gewesen, hätten wir doch viel früher Zweifel bekommen”, sagt Heike Wenzel.

Just damals explodierten die Preise bei dem eigentlichen Bauträger der Wenzels. Die schauten sich nach Alternativen um, und da bot sich der neue Freund an. „Er sagte, er mache uns Eifel-Preise, er kenne hier alle”, erinnert sich Antonio Wenzel. Zuerst sei es nur um einzelne Gewerke gegangen, dann um das ganze Paket. In Zahlen: Es ging plötzlich um 379 455 Euro. So viel wollten sich die Wenzels ihr Traumhaus in Kalterherberg kosten lassen. Und über diese Summe schlossen sie einen Werkvertrag mit dem „Bauunternehmer” ab.

Die Eheleute betonen, dass sie nicht nur aufs Vertrauen gesetzt haben. Sie informierten sich über die Eltern des Mannes, „seriöse und ehrbare Kaufleute in der Eifel”, sagt Wenzel. Und sie fragten nach eigenem Bekunden bei der Handwerkskammer nach, ob es üblich sei, so hohe Summen im Voraus zu zahlen. „Die Antwort war, dass das bei kleinen Unternehmen durchaus normal sei”, erinnert sich der 46-Jährige.

Nach Abschluss des Deals stellte der Jungunternehmer zwei Bagger aufs Grundstück. „Die sahen ganz schön betagt aus”, sagt Heike Wenzel, aber Zweifel löste das zunächst nicht aus. Die wuchsen erst, als die Bagger standen und standen. Und nicht baggerten. Und als Rechnungen eintrudelten, die eigentlich der Bauunternehmer hätte bezahlen müssen.

Das war der Moment, als der Traum der Familie zum Alptraum wurde. „Da sind wir dann wachgeworden”, sagt Heike Wenzel. Zumal der vermeintliche Freund just da ihrer Bank weitere knapp 160.000 Euro für den „Zahlungsschritt 2” berechnete - obwohl sich auf dem Grundstück noch gar nichts getan hatte.

Zum Pfänden ist kaum was übrig

Die Eheleute kündigten den Werkvertrag, worauf dieser ihnen dreist auch noch einen entgangenen Gewinn von fast 50.000 Euro in Rechnung stellte. Dann zeigten die Wenzels den Mann an und machten einen „dinglichen Arrest” gegen ihn geltend. Das heißt, dass sie das Vermögen des Beschuldigten in Höhe ihrer Vorauszahlungen von knapp 190.000 Euro pfänden können. Das hat das Aachener Landgericht im August in zweiter Instanz bestätigt, bloß: Von dem Geld ist wohl nichts mehr da.

Wie die 5. große Strafkammer in ihrem Beschluss festgestellt hat, hob der 25-Jährige gut 80.000 Euro von dem Geld in bar ab, das die Wenzels als Vorauszahlung geleistet hatten. Dafür kaufte er sich laut Gericht, das in seinem Beschluss außergewöhnlich deutliche Worte für das Vorgehen des mutmaßlichen Betrügers wählt, einen BMW für 7600 Euro und einen Hummer H1 für 37 000 Euro. Der Rest ist verschwunden.

In der Vermögensaufstellung des angeblichen Unternehmers finden sich zwar einige Konten, aber kaum Guthaben. Und die beiden Wohnungen, die er in Aachen in der Moltkestraße und der Turpinstraße besitzt, sind mit Zwangssicherungshypotheken in Höhe von fast 190.000 Euro belastet. Eine ehemalige Mieterin einer dieser Wohnungen hat sich übrigens auch bei der Staatsanwaltschaft gemeldet.

Die 19-Jährige, die jetzt in Bonn studiert, hat ein paar Monate dort gewohnt und fühlt sich von dem 25-Jährigen ebenfalls betrogen. Er habe als Vermieter nicht nur eine Kaution, sondern auch eine Maklerprovision genommen und sei ihr rund 2000 Euro schuldig, beklagt sie. Das passt ins Bild, tröstet die Wenzels aber kaum.

Johannes Gerz, Rechtsanwalt der Familie aus Gelsenkirchen, ist skeptisch, ob bei dem Mann noch etwas zu holen ist. Auch wenn er überzeugt ist, „dass das ein Betrugsfall ist, wie er im Buche steht”. Er kennt Antonio Wenzel seit dessen schwerem Unfall, der nicht weit entfernt von Kalterherberg geschah. Und er sagt, er habe seinem Mandanten verbal „in den Hintern getreten”, weil dieser mit dem Vertrag nicht erst zu ihm gekommen sei. Jetzt versucht er zu retten, was zu retten sich. Falls etwas zu retten ist. Aber das wird dauern.

Zunächst wird es einen Strafprozess geben, auch wenn der Beschuldigte das nicht glaubt, wie er auf Anfrage sagt. „Die Baustelle ist komplett abgerechnet”, erklärt der 25-Jährige, alle Leistungen seien erbracht - obwohl die „Baustelle” auch fast acht Monate nach Überweisung des Geldes bloß eine Wiese ist. „Und wir haben uns jeden Schritt von den Bauherrn unterschreiben lassen.” Wo das Geld der Wenzels ist? „Da, wo es hingehört”, sagt er nur.

Erst nach dem Urteil im Strafprozess käme das Zivilverfahren. Die Wenzels hängen derweil „völlig in der Luft”, wie sie sagen. Sie zahlen für ein Ferienhaus neben ihrem Traumgrundstück, sie zahlen für die Unterbringung ihrer Möbel, weil die nicht ins Ferienhaus passen, sie zahlen für ein Traumhaus, das keiner baut, und sie haben hohe Vorfälligkeitszinsen für einen Kredit vor der Brust, den sie zurzeit nicht brauchen.

„Emotional ist das nicht gerade einfach”, sagt Antonio Wenzel. Auch nicht für die drei Kinder. „Unser ganzes Leben ist jetzt total anders”, sagt seine Frau. Vielleicht klappt es ja mit einer abgespeckten Version des Traumes, hoffen sie noch. Mit einem kleinen Haus auf großem Grund. Es kommt darauf an, was sie zurückbekommen. Doch im Moment sind ihre Traumpferde nur Zierfische.
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