Totaler Stromausfall legt Roetgen für Stunden lahm

Von: Ernst Schneiders
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Mit großer Besetzung rückte
Mit großer Besetzung rückte gestern der Reparaturtrupp der RWE im Roetgener Neubaugeniet Hackjansbend an, wo die Ursache für den totalen Stromausfall lag, den der Ort für Stunden lahmgelegt hat. Foto: Ernst Schneiders

Roetgen. Dass Uhren an öffentlichen Gebäuden mit einem Schlage stillstehen, kennt man eigentlich nur vor schweren Erdbeben. Das Beben am Niederrhein mit einer Stärke von 4,4 auf der Richterskala am Abend zuvor war allerdings nicht schwer genug.

Am Freitagvormittag musste dann schon ein Stromausfall herhalten. Die Uhr an der Roetgener Pfarrkirche St. Hubertus blieb auf Viertel vor Zehn stehen. Dass die kleine Gemeinde mit einem Schlage komplett im Düstern stand, kann man so nicht sagen, denn es war hellichter Tag.

Blickte man aber in die sperrangelweit geöffneten Türen mancher Läden, so war das ein Blick in Dunkel. Einige Menschen mit ziemlich nassen Haaren liefen umher. Sie hatten nicht ihre Schirme vergessen, nein, sie kamen vom Friseur. Kein Strom, kein Fön! Metzger „Männ” Wilms stand mit verschränkten Armen wie ein Zerberus vor seinem Laden.

Nicht um Schnitzel und Frikadellen zu bewachen, sondern um der verehrten Kundschaft mitzuteilen, dass die Kasse nicht geht und deshalb kein Verkauf stattfinden kann. Die Filiale in Konzen konnte er indes nicht auf den verstärkten Käuferstrom vorbereiten, denn auch die Handys funktionierten nicht.

Geschäfte waren am Freitag in Roetgen nicht zu machen. Die Supermärkte hatten geschlossen. Für die Kassiererinnen gab es etliche unfreiwillige Zigarettenpausen zusätzlich. Auch an den Tankstellen ging nichts. An manchen wurden die Zufahrten zu den Zapfsäulen mit Pilonen verstellt. Wer auf den letzten Tropfen an der „Tanke” ankam, war nicht vom Glück geküsst.

Die Filialen der Sparkasse hatten vorübergehend zugesperrt, die Eisdiele erst gar nicht aufgemacht. Dunkelheit war auch vorherrschend in den Gaststätten und Restaurants im Ort. Vor dem Nahkauf in Rott machten einige Kundinnen ungläubigen Blickes kehrt.

„Gut und gerne 30 Zentimeter”

Am meisten her gibt so ein Stromausfall stets in der Roetgen-Therme, wenn die Pumpen ausfallen. „Das waren gut und gerne 30 Zentimeter”, deutete ein Feuerwehrmann mit seinen Händen an. Das war die Wasserstandsmeldung, bevor der Löschzug den Keller des Sauna-Dorfes leergepumpt hatte. Während die Wehrmänner ihre Gerätschaften zusammenpackten, war Ilya Papas stark beschäftigt, um das Notstromaggregat in Gang zu bringen. Schließlich stand kurze Zeit später der Beginn des Tagesbetriebes an. Und weil an den Villen von einigen Schwerreichen in idyllischer Lage die Alarmanlagen ausgefallen waren, zeigte die Polizei in diesen Bereichen verstärkte Präsenz, wie Polizeisprecher Karl Völker unserer Zeitung bestätigte. Natürlich nicht nur dort, sondern im ganzen Ort. Im Rathaus gingen die PCs in die Knie und die Kläranlage musste ans Notstromaggregat. Dass auch die einzige Ampel im Ort ausfiel, wundert nicht weiter.

Die Gerüchte schossen, wie immer bei solchen Gelegenheiten, ins Kraut. Da war die Rede von einem Totalausfall nicht nur in Roetgen, sondern bis hin nach Bergheim und Euskirchen. Dann hieß es, auch die südlichen Aachener Stadtteile seien betroffen, was aber nicht der Fall war, weil dort die Stadtwerke Aachen und nicht RWE Versorger sind. Angeblich lag die Fehlerquelle in Mulartshütte, was sich als Falschinformation herausstellte. Auch der Bagger an der Aldi-Baustelle an der Bundesstraße hatte kein Kabel zerhackt, wie angenommen wurde.

Anderswo lag der Hund begraben: im Neubaugebiet Hackjansbend, wie die RWE-Spürnasen inzwischen herausgefunden hatten. Man hatte den Eindruck, dass der Reparaturtrupp mit allem angerückt war, was sich bewegen konnte. So viele RWE-Fahrzeuge auf einem Haufen sah nach Abteilungsversammlung unter freiem Himmel aus.

„Durchschlagender” Erfolg

Vor Ort gab es dann Auskunft, was wirklich geschehen war: Im Hackjansbend sollte ein Hausanschluss für Wasser verlegt werden. Um dazu nicht die Straße aufreißen zu müssen, bediente man sich einer so genannten Rakete. Dieses Wunderwerk der Technik wird mit Druckluft vorangetrieben und bahnt sich seinen Weg durchs Erdreich. Diese Aktion hatte buchstäblich durchschlagenden Erfolg, denn die Rakete schaffte nicht nur Platz für die Wasserleitung, sondern durchschlug zwei Stromkabel, was, wie man weiß, gerne zu Kurzschlüssen führt, wenn Strom und Masse zusammentreffen wie in diesem Fall. Damit nicht genug: Der Kurzschluss am Hackjansbend hatte zur Folge, dass es zu Folge-Kurzschlüssen in Rott und Paustenbach kam. Dort warteten bereits RWE-Trupps, um sich der Dinge anzunehmen, sobald der Schaden in Roetgen behoben war.

Kerzen hervorkramen?

Das zog sich hin. Mindestens bis 17 Uhr, hieß es zwischendurch. Eine großartige Idee wurde geboren: Per Radiodurchsagen sollte die Bevölkerung über das Malheur informiert werden. Man nahm davon Abstand, als man sich im Klaren wurde, dass die meisten Radios auf Strom laufen...

Und während Roetgener Bürger in der Lokalredaktion nachfragten, ob sie denn wohl schon mal die Kerzen hervorkramen sollten, stimmten Kreisbrandmeister Bernd Hollands und die Polizei das weitere Vorgehen ab: Die Feuerwehrgerätehäuser in Roetgen und Rott sowie die Polizeiwache in Roetgen blieben besetzt und dienten als Notfallmeldestellen, weil sie sich über Funk verständigen konnten und nicht vom Stromnetz abhängig waren. Damit sollte der Umstand kompensiert werden, dass die Notrufe 110 und 112 nur eingeschränkt erreichbar waren. Teilweise blieben die Notrufe über Mobilfunknetze erreichbar.

Ein Glücklicher in diesem Fall, wer im belgischen Handynetz steckte. Was ansonsten Ärger und vor allem Kosten verursacht, war in diesem Fall hilfreich, denn der Kontakt zur großen weiten Welt blieb erhalten. Und während in Roetgen das öffentliche Leben vorübergehend zu Erliegen kam, pulsierte es in den belgischen Läden am Ortseingang (aus Richtung Aachen) weiter. Es gab wie immer Fritten, Eis, Waffeln, Pralinen, Tabak, belgisches Bier und vor allem - Strom. Weil diese Läden zu Raeren gehören, werden deren Steckdosen aus Belgien gespeist.

„Wir helfen natürlich, wo wir können”, betonte RWE-Pressesprecherin Edith Feuerborn gegenüber unserer Zeitung. In diesem Fall sei RWE allerdings gänzlich unschuldig, und deshalb seien Entschädigungsfragen auch mit der verursachenden Firma zu klären. Um exakt 15.43 Uhr kam vom RWE Entwarnung: In Roetgen war wieder Saft in den Leitungen.
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