Tivoli: Wie viel muss die Stadt zuschießen?

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
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Wieder viel Wirbel um die Alem
Wieder viel Wirbel um die Alemannia-Finanzen: Weil dem Klub aus der Vorsaison 800 000 Euro fehlen und es auch in der laufenden Spielzeit rote Zahlen geben soll, muss wohl die Stadt bei den Kredit-Verpflichtungen stärker als kalkuliert einspringen. Foto: imago/Imagebroker, Montage: Herfs Foto: imago/Imagebroker, Montage: Herfs

Aachen. Es sollte ultimativ das letzte Mal sein. Das letzte Mal, dass die Stadt Alemannia Aachen mit Millionenbeträgen helfend unter die Arme greifen muss. Das war im Frühjahr, als der Stadtrat mehrheitlich den ganz großen Rettungsschirm - die Umschuldung der Stadionkredite - über dem damals noch zweitklassigen Profifußballklub aufspannte, der kurz vor der Insolvenz stand.

Das mit dem „letzten Mal” hat sich nun, wenige Monate später, allerdings schon wieder erledigt. Erneut herrscht Alarmstufe Rot bei den Alemannia-Finanzen. Wie berichtet, ist aus der vergangenen Saison plötzlich noch ein Fehlbetrag von mindestens 800.000 Euro „aufgetaucht”.

Und auch in der laufenden Saison sehen die Zahlen dem Vernehmen nach düster aus. Und so wird die Politik wohl zum dritten Mal binnen anderthalb Jahren - bereits 2011 beschloss der Stadtrat eine Bürgschaft über rund drei Millionen Euro für den auch damals fast insolventen Verein - mit den Alemannia-Finanzen befassen müssen.

Der Reihe nach: Vor der Entscheidung des Stadtrats im vergangenen März musste die Alemannia eine „Vollständigkeitserklärung” abgeben. Frei nach dem Motto: Wir haben jetzt alle Zahlen auf den Tisch gelegt und alle „Miesen” benannt. Mehr kommt nicht. Versprochen. Das hatte die Politik zur Grundvor-aussetzung für die Gründung einer „AC GmbH” gemacht.

In diese Gesellschaft brachte die „AachenMünchener” ihre Kredite ein, die sie dem Verein zum Stadionbau gewährt hatte - zu diesem Zeitpunkt noch 18,5 Millionen Euro. Dieselbe Summe kam dann von der Stadt, die entsprechend hohe Kredite übernommen, also „umgeschuldet” hatte. Acht Millionen Euro musste die Alemannia noch über Private dazutun.

Der seinerzeit noch zweitklassige Klub sollte dann zwei Millionen Euro pro Jahr an die Gesellschaft zurückzahlen - im später dann eingetretenen Abstiegsfall eine Million. Vorher hatten Kosten von rund fünf Millionen Euro im Jahr den Verein quasi „erdrückt” und an den Rand der Insolvenz gebracht. Besagte Erklärung ging kurz vor der entscheidenden Sitzung ein.

Das mit der „Vollständigkeit” aber wurde dann kurz vor Unterzeichnung der Verträge für die neue Gesellschaft und kurz vor Toresschluss im Bezug auf den Lizenzantrag für die dritte Liga bereits wieder Thema. Plötzlich war von einer Etatlücke in Höhe von einer halben Million Euro die Rede. „Krisenstäbe” tagten bei Politik und Verwaltung - und zähneknirschend wurde einer entsprechend hohen Stundung der Verbindlichkeiten zugestimmt. Doch plötzlich hieß es seitens der Alemannia, man brauche das Geld doch nicht.

Und jetzt das: Besagte 800.000 Euro fehlen. Laut Alemannia ist der Betrag unter anderem auf niedrigere Fernsehgelder aufgrund der schlechten Tabellensituation der vergangenen Saison zurückzuführen. Ist das dann das Ende der Fahnenstange? Oder ist das Minus vielleicht noch größer?

Die Stadt jedenfalls rechnet nun nach. Derzeit ist die Beteiligungsverwaltung unter Federführung von Kämmerin Annekathrin Grehling damit beschäftigt, Zahlen zu addieren. Aber: Wie bereits zu anderen Anlässen fehlen erneut wichtige Unterlagen, um das Werk zu vollenden, wie es am Dienstag bei der Stadt hieß. Nach AZ-Informationen fühlte man sich gar genötigt, der Alemannia eine Frist zu setzen, um endlich alle Unterlagen zu erhalten.

Fakt ist: Je höher unter dem Strich der Fehlbetrag ist, umso weniger kann Alemannia an die „AC GmbH” zahlen. Was die Alemannia nicht zahlt, muss unter anderem die Stadt ausgleichen. Dafür wurden Rückstellungen von drei Millionen Euro im städtischen Haushalt gebildet, was der 2011 erteilten Bürgschaft entspricht. Doch diese Summe könnte nun ganz schnell verbraucht sein. Durch den Abstieg bleiben schon mindestens rund 450.000 Euro pro Drittliga-Jahr an der Stadt hängen. Kann die Alemannia nun noch weniger zahlen, geht es mit den Rückstellungen rasch bergab.

Wobei sich die nächste Hiobsbotschaft direkt anschließt. In der laufenden Saison soll ebenfalls schon ein Minus im sechsstelligen Bereich aufgelaufen sein. Die Frage ist also, ob die Alemannia vorerst überhaupt noch Zahlungen an die „AC GmbH” leisten kann.

Doch es gibt noch viel mehr Fragezeichen. Denn Alemannia ist mit weitem Abstand der Zuschauerkrösus der dritten Liga mit einem Schnitt von 14 534 Besuchern pro Heimspiel. Die nächstbesten Klubs wie Karlsruhe, Rostock und Osnabrück haben gerade einmal rund 10.000 Zuschauer pro Spiel. Für Alemannia bedeutet das ein Plus von fast 5000 Zuschauern gegenüber dem kalkulierten Schnitt von 9600 - und damit alleine in den bisher sieben Heimspielen knapp 35.000 Besucher mehr. Die Nettomehreinnahme dürfte damit deutlich im sechsstelligen Bereich liegen.

Auf der anderen Seite hat es dem Vernehmen nach weniger Einnahmen durch Sponsoren gegeben als eigentlich kalkuliert. Während sich das also noch halbwegs ausgleichen könnte, soll das Minus durch den Sportetat entstanden sein, der den Informationen nach höher ausgefallen ist als im seinerzeit aufgelegten „Sanierungsgutachten” festgeschrieben.

In der Politik macht sich nun Aufregung breit. Die Risiken der Ratsentscheidung im März waren zwar bekannt. Dass nun jedoch in kürzester Zeit wieder eine solch dramatische Lage eintritt, damit hatte wohl niemand gerechnet. Öffentlich äußern will sich aus dem Rat dazu derzeit niemand. Hinter vorgehaltener Hand aber geht es hoch her. Fest stehe, dass die Stadt beispielsweise nicht für fehlende Spielergehälter eintrete, hieß es am Dienstag.

Vor allem in der Ratsmehrheit aus CDU und Grünen hatten sich bei der Entscheidung im März viele Politiker nur schweren Herzens zu einem Ja für den Rettungsschirm durchringen können. Jetzt fragt man sich in Ratskreisen, ob man vor der damaligen Entscheidung bezüglich der „Vollständigkeit” getäuscht worden sei. Ob also schon damals klar war, dass noch mehr kommt. Schließlich seien Fernsehgelder recht einfach auszurechnen.

Das soll jedenfalls geprüft werden. Sollte hier etwas verschwiegen worden sein, wird darüber nachgedacht, eine persönliche Haftung der Verantwortlichen einzuklagen. Rita Klösges vom Presseamt bestätigte am Dienstag auf Anfrage und nach Rücksprache mit der Kämmerin, dass rechtliche Möglichkeiten geprüft würden. Allerdings sei ja noch gar nicht ganz klar, über welche Summen man überhaupt spreche. Mehr sagt die Kämmerin derzeit nicht. Gar nichts sagt Alemannia-Geschäftsführer Frithjof Kraemer. Das sei die vereinbarte Sprachregelung, an die er sich halten wolle.

Derweil wird in Teilen des Rates sogar die Prüfung erwogen, ob die Sache mit der „AC GmbH” - also der Rettungsschirm - je nach Ausgang der laufenden Analysen wieder aufgelöst werden kann. „Das ist jetzt eine sehr, sehr ernste Angelegenheit”, so ein Ratsmitglied. Damit noch nicht genug: Mit Gründung der „AC GmbH” hat die Stadt einen Sitz im Alemannia-Aufsichtsrat. Nach AZ-Informationen hat besagter Aufsichtsrat jedoch wichtige Entscheidungen getroffen, ohne dass die Stadt überhaupt eingeladen war. In der Verwaltung fragt man sich, ob derlei Beschlüsse rechtlich anfechtbar sind.

Viele Politiker bekunden indes, von den jüngsten Entwicklungen erst aus der AZ erfahren zu haben. Auch im Finanzausschuss, in dem es seit Gründung der Gesellschaft regelmäßig Berichte über die Lage bei der Alemannia gibt, sei diesbezüglich nichts gesagt worden. Die Kämmerin will nun im Stadtrat am kommenden Mittwoch „umfassend informieren”, wie es nun hieß.

Ob es aufgrund der jetzt bekannt gewordenen Umstände in naher Zukunft noch einmal eine Ratsentscheidung über die Alemannia-Hilfe geben könnte, wird wohl vom Ergebnis der Prüfungen abhängen. Sollte es dazu kommen, werde es die damalige Mehrheit, so prophezeite es am Dienstag ein Ratsmitglied, wohl nicht noch einmal geben.
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