Steckenborn - St. Apollonia: Erstmals seit 90 Jahren keine neuen Majestäten

St. Apollonia: Erstmals seit 90 Jahren keine neuen Majestäten

Von: Peter Stollenwerk
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Volltreffer: 115 Schuss waren nötig, ehe es Ehrenbrudermeister Ulrich Braun gelang, den Holzvogel so entscheidend zu treffen, dass er nach vorne überkippte. Foto: P. Stollenwerk
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Treffsicher: Gertrud Harth ist bis auf Weiteres die letzte amtierende Schützenkönigin der St. Apollonia-Bruderschaft Steckenborn. Foto: P. Stollenwerk
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Stolzer Ehrenkönig: Der fünffache Schützenkönig und Ehrenbrudermeister der St. Apollonia-Schützen Steckenborn, Ulrich Braun. Foto: P. Stollenwerk
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Auch das hat Tradition beim Schützenfest: Kinder sammeln leere Patronenhülsen. Foto: P. Stollenwerk

Steckenborn. Zweimal fiel am Fronleichnamstag im Hechelscheider Steinbruch der Holzvogel von der Stange, aber die St. Apollonia-Schützenbruderschaft, die in diesem Jahr ihr 90-jähriges Bestehen feiert, konnte dennoch erstmals in ihrer langen Geschichte keinen Schützenkönig hochleben lassen.

Lediglich Ehrenkönig und Ortsvereinskönig waren die zu vergebenden Titel, denn die Bruderschaft hatte sich schweren Herzens dazu entschlossen, beim Schützenfest 2017 keine eigene Majestät zu ermitteln.

Wie schon seit Jahren, wären es bestenfalls die stets gleichen zwei oder drei Kandidaten gewesen, die ernsthaft die Königswürde angestrebt hätten. Unter diesen Umständen sah die Bruderschaft, die nur noch 27 Mitglieder zählt, keinen Sinn darin, eine Tradition künstlich am Leben zu erhalten. So verständigte man sich darauf, der amtierenden und vielleicht letzten Königin der St.-Apollonia-Bruderschaft, Gertrud Harth, noch einmal einen würdigen Rahmen zu bieten. Ende 2004 zählte die Bruderschaft noch 63 Mitglieder, davon 15 Jugendliche unter 18 Jahren. Fast die Hälfte der Mitglieder ist inzwischen 60 Jahre und älter. Da ist der Umbruch nicht mehr aufzuhalten.

„Vorerst wird kein Königsvogelschießen mehr stattfinden“, bringt Ehrenbrudermeister Ulrich Braun das Ergebnis der internen Erörterung über die Zukunft der Bruderschaft auf den Punkt, auch wenn er ebenso hartnäckig wie optimistisch hinzufügt: „Gestorben sind wir aber noch lange nicht!“ Der 72-Jährige war selbst fünfmal König und man spürt, wie schwer ihm die Entscheidung gefallen ist, von einer langlebigen Tradition Abschied zu nehmen.

Wie es mit seiner geliebten Bruderschaft nun weitergeht, weiß er auch nicht. Fest steht, dass die Bruderschaft sich nicht auflösen wird, und bei dörflichen Veranstaltungen auch weiterhin Gesicht zeigen wird. An den Vergleichskämpfen des Bezirksverbandes oder an Festzügen aber wird man nicht mehr teilnehmen. Nach den Sommerferien werde man sich zu einem Gedankenaustausch treffen, wie das Fortbestehen der Bruderschaft in Zukunft aussehen könnte. „Wenn die Steckenborner das Fest aufrechterhalten möchten, steht dem nichts im Wege“, sagt Braun, der sich mit seinen tapferen Mitstreitern darüber freut, dass die Bevölkerung trotz der etwas wehmütigen Stimmung, die diesmal das Fest begleitet, so zahlreich das kleine Naturparadies im ehemaligen Steinbruch aufsucht. So will er auch nicht ausschließen, „dass wir uns hier nächstes Jahr wiedersehen.“

Schriftführer Günter Uhlworm kümmert sich unterdessen gewissenhaft um die Statistik und notiert jeden Schuss, der aus dem 22er-Kleinkalibergewehr in Richtung des knapp 20 Meter entfernten Holzvogels abgefeuert wird. Eine Wachholderdrossel (die Schützen nennen sie „Schnapsdrossel“) lässt sich von den Aktivitäten nicht stören; sie hüpft munter über das frisch geschorene Grün im Steinbruch. Dieses romantische Plätzchen wird die Bruderschaft auch weiter hegen und pflegen, allen voran Ulrich Braun: „Hier ist für mich ein Stück Heimat, das mir am Herzen liegt,“ sagt er. „Ich könnte ein Buch über den Steinbruch schreiben“, erinnert er sich an viele schöne Feste zurück. Drei Meter Erde wurden hier aufgefüllt, und Braun sieht vor seinem geistigen Augen noch die Hüte und grünen Schützenröcke, die man an einer zur Garderobe umfunktionierten ausladenden Birke aufhängte.

Auch wenn in den zurückliegenden Jahren die Steckenborner Schützenmäjestäten oft die gleichen Namen trugen, hält der Ehrenbrudermeister fest, „dass man den Titel nicht geschenkt bekam“. Das war auch beim etwas anderen Schützenfest 2017 nicht anders: Mit dem 115. Schuss holte Ulrich Braun die Würde des Ehrenkönigs, ein Titel, der mit keinerlei Verpflichtungen verbunden ist, abgesehen von einer Lokalrunde vielleicht. Sechs Ex-Majestäten stellten sich diesem Wettbewerb. Dass der neue Würdenträger den Holzvogel selbst gezimmert hat, wertet er beileibe nicht als Vorteil: „Es kommt eben auf ein gutes Auge an“, lacht er.

Die Bemühungen der Bruderschaft, die Jugend für den Schießsport und das Schützenwesen zu gewinnen, waren in den zurückliegenden Jahren nicht mehr von Erfolg gekrönt. Anders war das bei Tobias Rotheut. Der 26-Jährige trat im Jahr 2002 der St. Apollonia-Bruderschaft bei und trug bereits zweimal stolz die Königswürde. Das „ausgeprägte Zusammengehörigkeitsgefühl über alle Generationen hinweg“ und selbstverständlich der Schießsport machten den Verein für ihn attraktiv, „aber die Zeiten ändern sich“, muss auch er eingestehen.

Es sei ein generelles Problem, dass den Ortsvereinen der Nachwuchs fehle. Dies hänge wesentlich mit der steigenden Mobilität der Jugend zusammen. Bei den Schützenbruderschaften komme dann noch das seit Jahren anhaltende Negativ-Image hinzu, ausgelöst durch dramatische und tragische Zwischenfälle als Folge von Waffen-Missbrauch. Einige bedauerliche Einzelfälle hätten das gesamte Schützenwesen in ein falsches Licht gerückt. Das sieht auch Mike Müllejans nicht anders.

Der 22-Jährige führt an diesem Tag die Aufsicht am Schießstand und macht am Beispiel Steckenborn deutlich, „wie Traditionen in Gefahr geraten.“ Die zuletzt negativ geprägte mediale Aufmerksamkeit habe zu Schnellschüssen auf die Bruderschaften geführt. Dabei müsse man wissen, dass die Schützenbruderschaften an ein strenges Waffengesetz gebunden seien. Die beiden jungen Leute würden lieber andere Veränderungen in den Blickpunkt rücken: „Die Schützen haben sich neuen gesellschaftlichen Strömungen geöffnet. Wir sind mit der Zeit gegangen.“

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die noch amtierende und vorerst letzte Steckenborner Schützenkönigin, Gertrud Harth, hat an diesem Tag allerdings kaum Zeit, um sich mit der Krise der Schützenbruderschaften in der heutigen Gesellschaft zu befassen. Ihre Hilfe wird in der Cafeteria gebraucht. Die 76-Jährige ist seit 1977 Mitglied der Bruderschaft, als der Verein beschloss, dass auch Frauen beitreten können. Vor einem Jahr hätte sie noch keinen Gedanken daran verschwendet, „dass ich vielleicht einmal die letzte Königin sein würde.“ Da bekanntlich aber die Hoffnung zuletzt stirbt, sieht auch die treffsichere Schützenschwester das endgültige Ende noch nicht gekommen. „Wir freuen uns, dass so viele Gäste gekommen sind. Deshalb wollen wir den Verein so lange wie es geht am Leben halten.“

Dass am Donnerstag plötzlich dunkle Wolken über dem Steinbruch aufzogen und ein heftiger Gewitterregen die Schießwettbewerbe vorzeitig beendete, sollte kein schlechtes Omen sein.

Als der Regen einsetzte, schoss Marion Braun vom Reit- und Fahrverein Steckenborn beim Schießen der Ortsvereine mit dem 173. Schuss den Vogel ab. Danach flüchteten alle ins Zelt. Das Schießen auf den Preisvogel wurde abgesagt, und die anwesenden Gäste beschlossen spontan, den Geldbetrag für das nächste Schützenfest zu spenden. Im prall gefüllten Zelt wurde diskutiert, gesungen und gefeiert. „Wir lassen uns die Laune nicht verderben“, war auch Schriftführer Günter Uhlworm bester Stimmung, erst recht als die Gäste im Chor mit lautstarken „Zugabe, Zugabe!“-Rufen die Fortsetzung des Schützenfests im Hechelscheider Steinbruch in Steckenborn forderten.

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