Sie winkte Kaiser Wilhelm zu: Hildegard Henke wird 110 Jahre

Von: Peter Stollenwerk
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Im Kreise der zum Teil weit angereisten Familie feierte Hildegard Henke jetzt im Monschauer Maria-Hilf-Stift ihren 110. Geburtstag. Es soll nicht die letzte Feier gewesen sein. Foto: Peter Stollenwerk

Monschau. Großer Bahnhof und großes Staunen war am Mittwoch im Monschauer Maria-Hilf-Stift angesagt, wo ein in der Tat überaus seltener Geburtstag gefeiert wurde. Hoch über den Dächern der Altstadt klangen im Seniorenstift die Sektgläser.

Alle wollten anstoßen mit Hildegard Henke, die im Kreise der Familie, zahlreicher Ehrengästen sowie Presse, Funk und Fernsehen ihren 110. Geburtstag feierte. Geboren wurde sie als Tochter der Familie Stryczek im Jahr 1905 in Uerdingen am Rhein.

Vermutlich ist Hildegard Henke mit ihren 110 Jahren die älteste Bürgerin in NRW. Eine Festlegung ist schwierig, weil es keine absolut zuverlässige Statistik der Meldeämter gibt. Die persönlichen Glückwünsche von NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft überbrachte der stellvertretende Städteregionsrat Hans-Josef Hilsenbeck.

Die Geburtstagsjubilarin sitzt zwar inzwischen im Rollstuhl und das Hörvermögen auf dem rechten Ohr ist auch leicht eingeschränkt, aber ansonsten befindet sie sich in einem stabilen Gesundheitszustand. Vor allem ist Hildegard Henke noch hellwach. Als sie in der Geburtstagsrunde erzählte, wie sie in Köln als junges Mädchen dem letzten deutschen Kaiser, dem 1918 abgedankten Kaiser Wilhelm II., vom Straßenrand aus zuwinkte und ein Zeitungsreporter fragte, ob der Kaiser denn auch zurückgewunken habe, musste er auf die Antwort nicht lange warten: „Soll das ein Scherz sein?“, hatte Hildegard Henke die Spitzfindigkeit der Frage gleich durchschaut und nippte erst einmal an ihrem Sekt.

Im Geburtsjahr von Hildegard Henke entwickelte Albert Einstein die Relativitätstheorie, in Deutsch-Südwestafrika führten deutsche Kolonialtruppen Krieg und auf dem Panzerkreuzer Potemkin gab es eine Meuterei. Die 110-Jährige erlebte die Kaiserzeit, den Ersten und Zweiten Weltkrieg und die technischen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts.

In einem Ursulinenkloster in Köln zur Schule gegangen, verschlug es Hildegard Henke bereits vor dem Zweiten Weltkrieg in die Nordeifel, da ihr Ehemann Josef in Monschau eine Anstellung als Revierförster angenommen hatte. In Höfen-Alzen wurde ein Forsthaus gebaut, aber die meiste Zeit lebte das Ehepaar Henke in Kalterherberg. Josef Henke starb bereits im Jahr 1978 im Alter von 75 Jahren. Hildegard Henke lebte fortan allein im Haus in der Ortsmitte, und erst als sie schon das Alter von 100 Jahren überschritten hatte, entschloss sie sich, ihren Lebensabend im Monschauer Maria-Hilf-Stift zu verbringen. Sie lebte damals auf der ersten Etage und mit der Zeit war das Treppensteigen dann doch zu risikoreich geworden.

Selbstverständlich drehte sich in der großen Runde der Gäste alles um die fast ehrfürchtig gestellte Frage, wie denn das Geheimnis des Altwerdens lautet. Hildegard Henke, die sich nie aktiv sportlich betätigt hat, wurde in diesem Punkt sehr konkret: „Gesund leben, wenig Alkohol und viel Wandern“, lautet ihr Rezept. Gut kann sie sich auch noch an ihre Kindheit erinnern. Sie habe neun Puppen und eine Puppenküche als Spielzeug besessen: „Ich hatte eine schöne Kindheit und wunderbare Eltern. Es war alles in Ordnung“, sagt sie in aller Bescheidenheit.

Seit 2009 lebt Hildegard Henke nun im Monschauer Stift. Einer ihrer beiden Söhne ist bereits gestorben. Ihr Sohn Hansjoachim Henke (78), der bei Bremen lebt, kümmert sich um alle Angelegenheiten seiner Mutter und sorgt auch dafür, dass sich die Familie jedes Jahr anlässlich des Geburtstages in Monschau trifft. „Vom Tod hat meine Mutter noch nie gesprochen“, erzählt der 78-Jährige. „Das ist noch kein Thema für sie.“ Und in dem festen Glauben, dass man im kommenden Jahr den 111. Geburtstag feiert, ging die Familie später wieder auseinander.

Bereits zum achten Mal unter den Gratulanten war auch Monschaus Bürgermeisterin Margareta Ritter, die der Geburtstagsjubilarin 110 Jahre „Lebensfreude und Lebensqualität“ bescheinigte, und auch wusste, dass die Eifel daran nicht ganz unschuldig ist: „In Monschau zu leben, lohnt sich.“

Mit dabei war am Mittwoch auch Urenkel Tobias Henke. Der 16-Jährige kann nur staunen über den Lebenswillen und die geistige Präsenz seiner Uroma. „Sie knackt jedes Jahr neue Rekorde und sieht noch ohne Brille, ob die Fenster schmutzig sind.“ Als nicht normal aber empfinde es seine Uroma, wenn heute beide Elternteile einer Arbeit nachgingen. Das sei sie aus ihrer Jugend einfach nicht gewohnt und frage deshalb stets besorgt nach: „Braucht Ihr Geld?“

Auch Urenkelin Mâlin Marie Henke (13) freut sich jedesmal darüber, wenn sie sich mit ihrer Uroma unterhalten kann: „Vor allem will sie immer wissen, ob wir auch gut in der Schule lernen.“

Zum Ende der Feier saß Hildegard Henke dann, umgeben von Blumen und Präsentkörben, im Tagesraum des Stiftes und war von den vielen Fragen und Glückwünschen vielleicht auch ein klein bisschen müde geworden. Urenkel Tobias hatte dafür volles Verständnis: „Sie wird heute bestimmt gut schlafen.“

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