Sie hören Hip Hop und singen Händel

Von: Maggie Jung
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Haben gemeinsam viel Spaß beim Singen: Kilian Frings, Jan Frings, Gabriele Scheidweiler-Pleines (hinten, v. li.) und Paulina Jung, Anna König, Rike Erzmann, Lea Pleines (vorne, v. li.) schrecken vor G. F. Händel und F. M. Bartholdy nicht zurück. Foto: Maggie Jung
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Ein stolzes Ensemble: Rund 50 Sängerinnen und Sänger in einem gesunden Altersschnitt zählt der Kirchenchor der Katholischen Pfarrgemeinde Sankt Johannes in Lammersdorf.

Lammersdorf. Die „Young Selection“ (wörtlich: die junge Selektion) des Lammersdorfer Kirchenchores ist ein kunterbuntes Grüppchen. Sechs junge Leute gehören zu dem 2011 ins Leben gerufenen Jugendchor, der von Gabriele Scheidweiler-Pleines geleitet wird.

„Young Selection“, das sind Rike (15 Jahre), Jan (22), Kilian (17), Paulina (16), Anna (17) und Lea (14).

Sie sind Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Schulen, Jan ist bereits im dritten Ausbildungsjahr zum Tischler. Sie mögen Musik von „The Script“, „Alligatoah“ oder den „257ers“, hören Rock, Pop, Hip Hop, Rap und die aktuellen Charts – doch sie singen Georg Friedrich Händel, Felix Mendelssohn Bartholdy oder gelegentlich auch Mary Donnelly und Pharrell Williams.

Im Interview plaudern die jungen Sängerinnen und Sänger, die zweimal wöchentlich ihrem gemeinsamen Hobby nachgehen, über den Mut zu singen, über verblüffende Reaktionen und was ihnen „Young Selection“ bedeutet.

Aus welcher Motivation heraus ist der Jugendchor „Young Selection“ (Y.S.) – als Abzweig des Lammersdorfer Kirchenchores – entstanden?

Anna: Alles hat vor etwa drei Jahren mit einem Stimmtraining angefangen. Wir waren nur wenige Jugendliche im Kirchenchor und absolute Anfänger, die gesanglich kaum mit den erfahrenen Sängern mithalten konnten. Gabriele Scheidweiler-Pleines: Im Kirchenchor zu singen, ist schon ziemlich heavy und anspruchsvoll. Mein Gedanke war, den jungen Leuten, die neu zu uns stoßen, gleich einen Pack-an mit auf den Weg zu geben. Ich habe ihnen daher angeboten, gesondert Stimmtraining durchzuführen. Anna: Irgendwann fingen wir an, die Stimmbildung auf ein paar kleine Lieder anzuwenden – so ist dann die Idee entstanden, aus den jüngeren Kirchenchor-Mitgliedern einen eigenen Chor zu gründen. Erst ein halbes Jahr später haben wir uns den Namen Y.S. gegeben. Von den Grüdungs-Mitgliedern ist mittlerweile fast niemand mehr da, Leute gehen und neue kommen dazu. Kilian zum Beispiel ist erst vor zwei Monaten zu uns gestoßen. Gabriele Scheidweiler-Pleines: Mein Ziel bei Y.S. ist es nicht, die Jugendlichen zu halten – irgendwann kehren sie dem Chor halt den Rücken zu, weil sie aus beruflichen Gründen wegziehen, eine Ausbildung beginnen oder sich lieber einem anderen Hobby zuwenden. Wichtig für mich ist, ihnen einen Bezug zur klassischen Kirchenmusik zu vermitteln, denn im Endeffekt merkt man, dass ihnen diese „andere“ Musik dann doch Spaß bereitet.

Singen ist ja nun nicht jedermanns Sache. Was hat euch dazu bewogen, das Singen überhaupt anzufangen?

Jan: Mein Vater hat früher schon zu Hause viel gesungen, Volkslieder und ähnliches. Das fand ich eigentlich ziemlich cool, obwohl ich damals nie in Erwägung gezogen hatte, in den Kirchenchor zu gehen. Dann bin ich aber regelmäßig zu Chorauftritten meines Vaters mitgegangen, bin schließlich in den Kesternicher Chor eingetreten. Vor etwa zwei Jahren hörte ich ein Weihnachtslied des Lammersdorfer Chores und war so fasziniert, dass ich kurzerhand die Chöre getauscht habe. – Jan kann sich ein verschmitztes Lachen nicht verkneifen. Kilian: Ich bin, wie mein Bruder, auch vorgeprägt durch meinen Vater und meinen Opa. Ende letzten Jahres sprach mich dann ein Chor-Mitglied an, ob ich dazustoßen wolle. Ich ließ mich überreden, habe zunächst in die Stimmbildung reingeschnuppert - und jetzt gehöre ich zu Y.S. und damit natürlich auch zum Kirchenchor. Rike: Mir hat Leas Bruder davon erzählt. Daraufhin hab ich einfach angerufen, bin vorbei ... und fand’s toll.

Hast du denn schon immer gerne gesungen?

Rike: Nein, eigentlich nicht... (Gelächter füllt Rikes Denkpause)

Oft spielen frühere prägende Erlebnisse eine Rolle – positive wie negative –, die einen dann folglich hemmen oder aber erst recht nach vorne treiben können...

Rike: Ja, eine Lehrerin hat mir einmal gesagt, ich könne nicht singen. „Du stellst dich beim Singen in die Ecke“, hat sie gesagt, „und singst am besten nur ganz leise.“ Ich glaubte damals wirklich, ich könnte nicht singen.

Dann war das Aha-Erlebnis ja für Dich umso größer, als du bei Young Selection erstmals festgestellt hast: Ich kann’s doch!

Paulina: Ich habe schon immer sehr gerne gesungen, wollte unbedingt mehr daraus machen. Ich fing an, mich umzuhören und bin schließlich auf der Seite des Kirchenchores und natürlich von Y.S. gelandet. Der Jugendchor hat mich zwar neugierig gemacht, aber ich war zunächst sehr skeptisch, dachte: Okay, ich gehe einmal hin und dann hat sich der Fall. Aber es kam ganz anders: Ich war sofort begeistert und bin sozusagen kleben geblieben. Lea: Meine älteren Geschwister waren immer in Chören, das wollte ich auch unbedingt. Meine Eltern nahmen mich von kleinauf regelmäßig zu Auftritten mit. Ich kannte das nicht anders, es war für mich normal, früh mit dem Singen anzufangen.

Einem Jugendchor und damit dem Kirchenchor anzugehören ist – gerade bei Jungs – doch eher eine mutige Angelegenheit und kommt bei Gleichaltrigen vermutlich nicht so gut an. Wie sind die Reaktionen im Freundeskreis?

Jan: Ich habe im Freundeskreis einmal einen Termin abgesagt, weil ein Konzert anstand. Erst einmal haben alle ein wenig blöd geguckt, aber dann hat keiner mehr was gesagt. Naja, was blieb denen auch übrig, sie sind ja schließlich mit mir befreundet... (schallendes Gelächter von allen)

Möglicherweise liegt’s aber auch daran, dass Du selbstbewusst und überzeugend verdeutlicht hast, dass du zu deinem Hobby stehst.

Kilian: Ich sagte meinen Freunden eines Tages: „Ich kann mich heute nicht treffen, bin im Kirchenchor.“ Daraufhin meinten die bloß: „Okay, dann vielleicht morgen.“ (lacht) Mittlerweile kommen Klassenkameraden auf mich zu – wenn z.B. Firmungen anstehen – und fragen mich: „Hey, singst Du dann in der Kirche?“ Das finde ich klasse.

Die Reaktionen verblüffen. Nun sind die Stücke von Y.S. zwar jugendlicher und melodisch „leichter“ als die des Kirchenchores. Dennoch sind sie ja nicht gerade den aktuellen Charts entnommen...

Anna: Die meisten Leute waren erst sehr überrascht und mittlerweile kommen sie freudig angelaufen, wenn sie mich bei einem Auftritt gehört und gesehen haben. Rike: Viele Freunde finden das gut – und Y.S. macht sie auch neugierig.Paulina: Ich habe nur positive Erfahrungen gemacht; im Freundeskreis ist niemand, der blöd darauf reagiert. Jan: Man muss ja auch nicht zwingend Bach oder Beethoven hören, bloß weil man in einem Chor singt. Ich persönliche höre sonst gerne die „257ers“ und die Charts querbeet.

„257ers“ versus Bach – angesagter Rap trifft ungebremst auf klassische Altmeister: Zwei Gegensätzlichkeiten, die sich für Euch also durchaus vereinbaren lassen?

Gabriele Scheidweiler-Pleines: Wenn man singt, lernt man die Lieder von „innen“ kennen. Das ist schon was anderes, als wenn man sich ein Lied bloß anhört. Es gibt „schwere“ Musik, die aber durchaus romantisch sein kann und sich wider Erwarten sogar zum Lieblingsstück entwickeln kann. Paulina: Die Stücke, die wir singen, machen mir großen Spaß, ab und zu singe ich sie auch zu Hause. Aber in der Regel höre ich lieber „The Script“ und ähnliches. Anna: Viele Lieder würde ich mir in der Freizeit nie anhören, aber sie zu singen, ist einfach was anderes.

Chorsänger berichten oft, Singen berühre emotional, spreche das Herz an und lasse die Seele baumeln – um es einmal ganz poetisch auszudrücken. Wie seht ihr das - vor allem vor dem Hintergrund eines sehr stressigen Schul- bzw. Ausbildungs-Alltags?

Lea: Wenn ich viel für Arbeiten lernen muss, dann kann ich zwischendurch beim Singen richtig gut abschalten und einfach alles hinter mir lassen. Paulina: Man fühlt sich danach glücklicher, befreiter, die Laune wird besser; ich kann durch das Singen Stress abbauen und bin viel entspannter. Jan: Da kann ich nur zustimmen. Das ist absolut so. Kilian: Stress in der Schule habe ich zwar momentan nicht, aber das Singen tut mir trotzdem gut.

Und was ist mit dem „inneren Schweinehund“ – gibt’s den bei Young Selection denn gar nicht?

Gabriele Scheidweiler-Pleines: Der Schweinehund ist der Weg zu den Proben, das geht den meisten wohl so. Ich bin nach der Arbeit immer sehr k.o. und muss mich aufrappeln. Aber sobald wir singen, geht’s mir gut und die Zeit verfliegt.

Plaudert man mit euch, gewinnt man schnell den Eindruck, dass ihr euch alle sehr gut versteht. Verkörpert Y.S. in euren Augen mehr als „nur“ den Jugendchor, der sich wöchentlich zur Probe trifft und ab und an einen Auftritt hat?

Jan: Wir verstehen uns tatsächlich sehr gut. Es ist nicht so, dass ich jeden Montag denke: Jetzt musst Du schon wieder da hin. Wir machen oft Witze, kommen manchmal fünf Minuten lang nicht zum Singen. Anna: Wir quatschen nach der Probe oft noch lange, können uns manchmal gar nicht lösen. Gabriele Scheidweiler-Pleines: Es gibt Mütter, die zum Abholen kommen, und resigniert ohne den Nachwuchs wieder nach Hause fahren... (allgemeines Kopfnicken und Gickeln der Jugendlichen)e_SFlbPaulina: Singen verbindet. Durch Young Selection habe ich neue Freunde kennengelernt und ich freue mich jede Woche auf die Leute.

Bitte ergänzt den Satz: Das Beste an Young Selection ist...

G. Scheidweiler-Pleines: Den Jugendlichen etwas beibringen und mit auf den Weg geben zu können.

Jan: ... die Stimmung bei den Proben.

Rike: ... die musikalische Abwechslung, die die Chormusik zu unserem eigentlichen Musikgeschmack bildet.

Paulina: ... die tolle Gemeinschaft, die wir haben.

Lea: ... der Spaß, den wir alle zusammen haben.

Kilian: ... ihr Fünf und der Zusammenhalt.

Anna: ... der Spaß am Singen.

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