Nordeifel - Sensationell: „Kalterherberger sahen fern”

Sensationell: „Kalterherberger sahen fern”

Von: rpa
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Ohne „Public Viewing”, so wie hier zuletzt in Simmerath, läuft keine Fußball-Großveranstaltung mehr, doch nicht immer waren in der Eifel die Bedingungen so gut. Foto: P. Stollenwerk

Nordeifel. So weit weg und doch so nah: die WM der Fußballer in Südafrika. Die Bilder kommen in bester Qualität, gestochen scharf, in prächtiger Farbe und mit Vuvuzela-Ton. Viele Menschen, die nicht in Südafrika sind, erleben das Spektakel bei „Public Viewings”.

Zum Public Viewing in Köln waren rund 33.000 Fans in die Lanxess-Arena gekommen, um den Traumstart der Löw-Jungs zu feiern. Public Viewing gab es auch auf dem Dorfplatz nahe am Rathaus in Simmerath - immerhin hatten sich dort mehr als 500 Fans versammelt.

„Public Viewing” soll so viel heißen wie „öffentliche Besichtigung”: Ein Großereignis wie die Fußball-WM wird an einem öffentlichen Platz auf eine Großleinwand übertragen und in der Gemeinschaft der Fans betrachtet. Seit der Fußball-WM 2006 hat sich der Begriff auch im deutschen Sprachgebrauch etabliert. Im englischen Sprachraum bedeutet Public Viewing allgemein die öffentliche Präsentation oder auch „Tag der offenen Tür”, vor allem aber auch die öffentliche Aufbahrung eines Toten. Wenn am 23. Juni Deutschland gegen Ghana spielt, dann gibt es am Rathausplatz in Simmerath wieder ein Public Viewing - natürlich in der deutschen Interpretation des Begriffes.

Eine Art von Public Viewing gab es einst auch schon in Kalterherberg, gut ein Jahr vor der Fußball-WM 1954. Damals eine Sensation in Kalterherberg, ein ganzes Dorf war in Aufregung: „Bei Brandenburg steht ein Fernsehapparat.” Und die Schlagzeile am 4. März 1953 in der Lokalzeitung lautete: „Kalterherberger sahen fern.”

99 von 100 Haushalten in Deutschland, so war unlängst zu lesen, haben heute ein Farbfernsehgerät. In vielen Familien haben selbst die kleinen Kinder eigene Fernsehgeräte in ihren Zimmern. Ein Blick 57 Jahre zurück. Anfang März 1953 berichtet der Chronist: Wohl bis zu 98 Prozent der Menschen in Monschau haben in ihrem Leben noch nie eine Fernsehsendung erlebt, denn Monschau liegt „recht ungünstig”, was den Fernsehempfang anbelangt. „Da haben die Kalterherberger den Kreisstädtern einiges voraus”, schreibt der Chronist ein wenig spöttisch, der des weiteren notiert: „Manche wollten es nicht glauben, was man sich am Samstag zuflüsterte: Bei Brandenburg steht ein Fernsehapparat.” Im Dorf hörte man etwa vom „Anbringen der seltsam geformten Antenne” und von der geplanten Übertragung eines Eishockeyspiels.

Das Ereignis stand Tage später dann natürlich auch in der Lokalzeitung: „Eine große Menge füllte die Räume der Gaststätte. Erwartungsvoll schaute man auf die etwa 30 mal 20 Zentimeter große Mattscheibe des Gerätes. Dann war es so weit, und staunend beobachtete man, wie der graue Schirm lebendig wurde, wie der Zauberspiegel dem Spielgeschehen folgte und ein spannungsgeladener Film ablief.”

Der Chronist berichtet weiter über die Sensation in Kalterherberg: „Alle waren begeistert und dachten wohl ohne Ausnahme: Da kann kommen, was will, wenn die Dinger nicht mehr so teuer sind, kriege ich auch so ein Ding.” Für die Sensation hatte die Firma Hupp aus Monschau gesorgt, die das Gerät probeweise aufgestellt hatte.

Ähnliche Vorführungen mit gleich großem Anklang gab es wenig später in Lammersdorf und Simmerath. „Benutzt wurde eine Philips-Direktsichttruhe”, wie es der Chronist ausdrücklich erwähnt. Gut ein Jahr später, am 30. März 1954, berichtet die Lokalpresse: „In der Gastwirtschaft Paulus wurde kürzlich ein Fernsehgerät aufgestellt - das erste in Kalterherberg überhaupt.” Was die Bürger dann vor den Bildschirm lockte: das Fußballspiel einer Mannschaft aus Brasilien gegen Tennis Borussia Berlin und Tage später der „Schneider Wibbel”, aufgeführt von den Kammerspielen Köln.

Die Fußball-WM heute in Südafrika ist längst ein riesiges Fernseh-Ereignis auf den Flachbildschirmen zu Hause, in Kneipen und auf LED-Leinwänden beim Public Viewing.
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