Seltenes Naturereignis: Neun Weißstörche rasten am Hohen Venn

Von: Heiner Schepp
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Einer oder zwei Störche bezogen jeweils den Wachposten auf den Flutlichtmasten des Außenreitplatzes, zeigten sich aber auch recht unbeeindruckt von Menschen, die sich mit Kamera oder Smartphone näherten, um ein paar Bilder der schönen Tiere zu schießen. Foto: der schönen Tiere zu schießen.
Storch
Insgesamt waren es neun Weißstörche. Foto: Heiner Schepp

Mützenich. Mittlerweile kommen sie fast jeden Sommer und doch ist es immer noch eine kleine Sensation: Am Sonntag hat wieder einmal eine Gruppe Weißstörche in der Eifel Station gemacht. Diesmal landete die Gruppe von neun stolzen Großvögeln am Reitsportzentrum im Kleinbüchel in Mützenich, verbrachte hier auch die Nacht und erhob sich erst am Montag in den Mittagsstunden wieder, um weiterzufliegen.

„Wir können bald Eintritt fragen“, meinte lachend Christine Palm vom Reiterverein Sankt Georg Mützenich, der hier beheimatet ist. Denn die Nachricht von den seltenen Gästen verbreitete sich am Sonntag wie ein Lauffeuer im Venndorf, und so führte mancher Sonntagsausflug an diesem Tag an der Reithalle vorbei.

Die Störche aber zeigten sich davon unbeeindruckt und gingen ihrem Tagesgeschäft nach: Sie stacksten durch das teils feuchte Wiesengelände rund um die Halle, dösten wahlweise auf einem oder beiden Beinen vor sich hin, putzten sich alle Nase lang und fanden im Dunstkreis der Pferde reichlich „Snacks“ in Form von Insekten.

Einer oder zwei Störche bezogen jeweils den Wachposten auf den Flutlichtmasten des Außenreitplatzes, zeigten sich aber auch recht unbeeindruckt von Menschen, die sich mit Kamera oder Smartphone näherten, um ein paar Bilder der schönen Tiere vor dem stahlblauen Himmel zu schießen.

„Weißstörche in der Eifel sind eigentlich keine Seltenheit“, berichtet Günter Krings aus Dedenborn, Vogelkundler und Eifeler Naturbeobachter unserer Zeitung. In der Regel Anfang August, aber auch zu anderen Zeiten werden Störche in der Eifel gesichtet. Das letzte größere beobachtete Vorkommen von Weißstörchen stammt aus dem August 2011. Damals rastete eine größere Gruppe in Imgenbroich und Konzen, Augenzeugen sprachen von 80 Exemplaren.

Beobachtungen seit 1971

„Die Störche landen in erster Linie nicht aus Erschöpfung, sondern um Nahrung aufzunehmen“, weiß Günter Krings. Auf dem Landeplatz in Mützenich dürften das in erster Linie Insekten gewesen sein, denn Frösche auf landwirtschaftlich genutzten Flächen sind selten geworden. Seit 1971 notiert Günter Krings das Zug- und Landeverhalten des Weißstorches (Ciconia ciconia) in der Eifel auf Grundlage eigener Beobachtungen und Meldungen.

Am 5. Mai 1971 beispielsweise wurden drei am Lönsdenkmal bei Witzerath gesichtet, während im Herbst 1974 nach Angaben eines Beobachters die enorme Zahl von rund 200 Störchen Station bei Huppenbroich gemacht haben soll. In den Folgejahren wurden immer wieder kleine Gruppen oder Einzeltiere gesichtet.

Im April 2003 waren es zehn Vögel, die sich am Römerbach bei Kalterherberg niederließen, und im Oktober 2004 sollen 30 Störche beim Überflug in Simmerath gezählt worden sein. Im April 2012 wurden zwei Weißstörche auf Zwischenlandung in der Eifel zwischen Strauch und Rollesbroich entdeckt, und 2013 dann besagte 80 Tiere in Imgenbroich und Konzen, die offensichtlich auf dem Flug gen Norden waren.

Für Günter Krings ist es daher auch nichts Ungewöhnliches, dass Weißstörche auf ihrem Zug gen Süden die Eifel überfliegen oder sogar hier eine Rast einlegen. Wahrscheinlich komme dies sogar noch häufiger vor, als wir Menschen es sehen könnten: „Manchmal überqueren die Vögel diese Region in einer solchen Höhe, dass man sie überhaupt nicht bemerkt“, so Krings, für den auch die Landung am Wochenende „purer Zufall“ ist: „Das hat nicht mit dem Klimawandel zu tun. Da sollte man nichts hineininterpretieren.“

Wären die Störche in Norddeutschland eine Stunde später losgeflogen, dann hätten sie nicht in Mützenich, sondern womöglich im Raum Hollerath Rast gemacht. Dass sich die Tiere buchstäblich hierher „verflogen“ haben, glaubt der Experte nicht. Das Radar dieser Vögel funktioniere normalerweise sehr gut. „Die wissen, wohin sie müssen. Vielleicht sind sie aber von irgendetwas abgelenkt worden. Wir werden es nie erfahren.“

Bei der Reisegruppe in Mützenich handelte es sich aber höchstwahrscheinlich um so genannte Weststörche. Sie ziehen auf einer westlichen Route nach Afrika, die über das Rhein- und Moseltal, Frankreich und Spanien nach Westafrika vom Senegal bis zum Tschadsee führt. Die Eifel ist nicht das Hauptdurchzugsgebiet.

Der Storch ist für seinen Zug auf warme Aufwinde, die Thermik, angewiesen wie ein Segelflugzeug. Weil es über dem Meer jedoch keine Thermik gibt, muss er das Mittelmeer umfliegen und wechselt deshalb an der Meerenge von Gibraltar vom europäischen auf den afrikanischen Kontinent.

Immer mehr Störche bleiben wegen des Klimawandels bereits den Winter über in Spanien, wo sie teilweise sogar auf Müllkippen genügend Nahrung finden und deshalb auf die langen Etappen in Afrika verzichten.

Die Populationen der Weststörche waren bis auf einige lokale Restbestände zusammengebrochen. Durch gezielte Naturschutzmaßnahmen konnte ein Aussterben verhindert werden. Inzwischen steigt die Geburtenrate dieser ortstreuen Tiere wieder.

In der Nordeifel, betont Günter Krings, werde man brütende Störche wohl nie zu sehen bekommen. „Das hat es hier auch noch nie gegeben, weil das Nahrungsangebot nicht vorhanden ist.“ Die Landwirtschaft sei zu intensiv und es gebe keine Sümpfe. Selbst das Hohe Venn biete den Vögeln keine Alternative.

Der Storch gilt in vielen Kulturen als Glücksbringer. Der Sage nach wird ein Baby vom „Klapperstorch“ gebracht, der mit seinem Schnabel nur klappern kann, weil ihm die Stimmbänder fehlen. Und so blühte am Sonntag auch am Reitsportzentrum in Mützenich der Flachs und war die allseits beliebteste Frage: Welche neun Reiterinnen dürfen denn nun bald Familienglück erwarten…?

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