Schüler-Projekt: Leben als Mensch mit Behinderung

Von: Heiner Schepp
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Endstation „Tuttele Treppche“: Für Rollstuhlfahrer sind die die vielen Treppen in der Monschau Altstadt ein gewaltiges Hindernis. Foto: H. Schepp
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Als Seh-, Geh-, Lern- und Hörbehinderte zogen die Schülerinnen durch die Stadt und sammelten ihre Erfahrungen vom „Anderssein“.

Monschau. Nein, die Monschauer Altstadt ist – historisch bedingt – alles andere als barriererfrei. Kaum ein Geschäft oder Gebäude ohne mindestens drei Stufen, gewaltige Höhenunterschiede vom Marktplatz über die Kirchstraße bis hoch hinauf zur Burg und das allgegenwärtige Pflaster erschweren Rollstuhlfahrern und gehbehinderten Fußgängern alle Wege im schönen Städtchen.

Doch nicht nur Menschen mit einem gehtechnischen Handicap haben es in der Welt der Nicht-Behinderten schwer. Diese Erfahrung haben nun 24 Schülerinnen der neunten Klasse an der St. Ursula-Realschule am eigenen Leib gemacht.

Im Rahmen des Inklusions-Projekts „Wir alle“ in der Städteregion und einer „Woche der Selbstfindung und Weiterentwicklung der Persönlichkeit“ an ihrer Schule schlüpften die Mädchen für einige Stunden in die Rolle von Menschen, die anders sind und erfuhren einiges über das Leben als Mensch mit einer Behinderung.

„Auch ich bin anders, aber das ist auch gut so“, sagte selbstbewusst Julian Ascheid in einem einführenden Vortrag vor den Schülerinnen. Der junge Mann hat das Down-Syndrom, auch Trisomie 21 genannt, und berichtete ruhig und abgeklärt vor den jungen Damen, wie er mit der Behinderung lebt und wie seine Mitmenschen auf ihn reagieren. Julian stellte sogar Vor- und Nachteile seines Andersseins gegenüber: „Mein Behindertenausweis erlaubt mir viele Vorteile. Aber wegen der Behinderung gemobbt zu werden, das ist Scheiße“, sagte der junge Mann klipp und klar.

Julian streut ab und zu kleine Anekdoten und Sprüche in seinen Vortrag ein („Was glaubt ihr wohl, wer der gutaussehende junge Mann auf der Golden Gate Bridge hier ist?“) und berichtet, dass er eine Arbeitsstelle bei der Lebenshilfe in Aachen hat und dort Büro- und Servicearbeiten erledigt.

Anna-Lena Halm und Andrea Hein, die das Inklusionsprojekt „Wir alle“ für den Raum Monschau/Simmerath betreuen, stellten dann kurz die Hintergründe und Ziele der Kampagne dar, die das in der Schulpolitik gerade aktuelle Thema Inklusion auch in den Alltag tragen möchte. „Was kann jeder von uns tun, um Menschen, die anders sind, am ‚normalen‘ leben teilhaben zu lassen?“ fragen sie in die Runde, und darauf gibt es einige Antworten. „Einen behinderten Mitmenschen einfach mal mitzunehmen zum Sporttraining, zum Beatball oder zu Freunden – das wäre schon ein toller Anfang“, sagt Anna-Lena Halm, und Andrea Hein ergänzt: „Und mit Aktionen wie heute möchten wir einfach Eure Herzen öffnen für diese Menschen, die anders sind.“

Und dann ging es für die 24 Mädchen in die Praxis. Mit Gehörschutz, Augenbinde und Rollstuhl streiften sie durch die Altstadt und sollten notieren, wo für Menschen, deren Sinne oder Bewegungen eingeschränkt sind, alltägliche Barrieren lauern. „Ihr könnt ja mal suchen, ob ihr beispielsweise eine Toilette für die Rollstuhlfahrer findet“, gab Schulleiter (und Stadtführer) Franz-Peter Müsch den Schülerinnen mit auf den Weg.

Menschen nehmen Rücksicht

Nach einer guten Stunde waren alle wieder zurück im Klostersaal der Sparkasse und schilderten erste Eindrücke. „Die anderen Menschen nehmen schon Rücksicht, wenn sie einen Rollstuhl sehen“, lobte Carolin, doch ihre Mitschülerinnen hatten auch festgestellt, wie gefährlich es sein kann, als Blinder oder hörgeschädigter Mensch durch eine Stadt zu gehen. Und viele Hinweistafeln oder Restaurantkarten sind so angebracht, dass „normale“ Menschen sie lesen können, nicht aber seh- oder gehbehinderte. Und ein für „Rollis“ geeignetes WC hatten die Mädels zwar gefunden, „aber das war abgeschlossen“, berichteten sie.

Schulen, Vereine oder andere Gruppierungen, die gerne mehr erfahren oder eine ähnliche Aktion machen möchten, können über die Homepage des Inklusionsprojekts „Wir alle“ Kontakte knüpfen. Die Schülerinnen von St. Ursula jedenfalls werden in Zukunft behinderten Menschen mit etwas anderen Augen begegnen.

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