Schnelle Hilfe ist jetzt nur noch einen Mausklick entfernt

Von: sil
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Reiner Mundt (l.), Kommissaria
Reiner Mundt (l.), Kommissariat Vorbeugung, und Dr. Guido Flatten, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, haben „Traumascout.de” entwickelt, ein neues Projekt des Fördervereins. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Seelische Leiden sind der Hauptgrund, aus dem Menschen in Deutschland früher aus dem Berufsleben ausscheiden. Das wurde erst kürzlich bekannt. Vom Begriff Trauma war in diesem Zusammenhang nicht zu lesen.

Dr. Guido Flatten sieht da aber durchaus eine Verbindung. Flatten ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und leitet die Traumaambulanz am Euregio-In-stitut in Aachen. Er geht davon aus, dass viele der Menschen, die in der Studie mitgezählt wurden, mit einem nicht verarbeiteten Trauma durchs Leben gehen. Mögliche Folge: Die Betroffenen leiden an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Flatten sagt: „Auch seelische Leiden brauchen einen Verband.”

Der Aachener Förderverein für traumatisierte Menschen e.V. setzt sich dafür ein, dass traumatisierten Menschen schnell und unbürokratisch geholfen wird. Die Internetseite „Traumascout.de” ist ein weiterer wichtiger Baustein dieser Arbeit im Netzwerk Opferhilfe Aachen. Unter diesem Namen haben sich seit einigen Jahren wichtige regionale Hilfsangebote für traumatisierte Menschen zusammengeschlossen. Flatten hat das Portal mit Reiner Mundt vom Kommissariat Vorbeugung des Aachener Polizeipräsidiums ins Leben gerufen.

In Abstimmung mit dem Arbeitskreis Trauma der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft der Stadt Aachen haben sie es optimiert. Das Ergebnis bietet umfassende Informationen über Hilfseinrichtungen in der Region. Wer ein spezielles Beratungs- oder Therapieangebot in der Nähe sucht, kann dies ganz einfach über die Suchfunktion finden. „Es ist ein offenes Netzwerk”, sagt Flatten. „Zurzeit verfügt es über 40 Angebote, aber die Tendenz ist steigend.”

In erster Linie soll „Traumascout” natürlich Betroffenen helfen, die sich sonst nur schwer im undurchschaubaren Dschungel der Angebote zurechtfinden. In zweiter Linie gibt das Netzwerk den teilnehmenden Ärzten und Institutionen eine Orientierung bei der Vermittlung ihrer Patienten. „Eine strukturierte Trauma-Versorgung in Aachen gibt es erst seit etwa zehn Jahren”, sagt Flatten, der die Geiselnahme in der Aachener Landeszentralbank im Jahr 1999 als Auslöser für diese gute regionale Entwicklung ansieht. Das zunehmende öffentliche Interesse an der Versorgung traumatisierter Menschen habe so eine verbesserte Netzwerkarbeit zwischen den helfenden Institutionen bewirkt.

Mit dem „Traumascout” wollen Mundt und Flatten Betroffenen Mut machen. „Wir wollen ihnen vermitteln, dass das, was sie durchleben, eine normale Reaktion auf ein außergewöhnliches Ereignis ist”, sagt Mundt.
Das falle vor allem Menschen schwer, bei denen das Erlebte mit einem großen Schamgefühl behaftet ist. „In Aachen werden pro Jahr 75 bis 80 Vergewaltigungen von Frauen angezeigt. Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher”, sagt Flatten. „Nur wenige suchen Hilfe, obwohl bewiesen ist, dass jede zweite Betroffene nicht allein mit dem Erlebten zurechtkommt.” Auch Mundt hat als Opferschutzbeauftragter der Polizei die Erfahrung gemacht, dass die meisten Opfer ihr Problem eigenständig lösen wollen - getreu dem Motto „Die Zeit heilt alle Wunden”. Mundt begrüßt diesen Willen. Er rät den Opfern aber auch, sofort Hilfe zu suchen, sobald nach einiger Zeit bestimmte Belastungs-Symptome anhalten und auf die Entwicklung einer posttraumatische Belastungsstörung hinweisen. Daraus könnten dann auch körperliche Reaktionen resultieren, „ein Abgleiten in eine Depression oder eine Suchterkrankung”, erklärt Flatten. Soweit müsse es erst gar nicht kommen, wenn ein Trauma rechtzeitig behandelt wird.

Wer früh Hilfe sucht, müsse zudem nicht mit langen Wartelisten rechnen - wie es bei chronisch Erkrankten meist der Fall ist, wenn sie sich erst nach Jahren für eine Psychotherapie entscheiden. Wer sich kurz nach dem Erlebten helfen lässt, benötige oft nur wenige Stunden, um wieder ein normales Leben führen zu können, sagt Mundt. Wer sein Trauma hingegen jahrelang verdrängt, habe damit meist ein ganzes Leben zu kämpfen - und scheidet möglicherweise früher aus dem Beruf aus.

Mundt und Flatten wünschen sich daher, dass das Wissen rund um die Betreuung von Trauma-Patienten verbessert wird. Sie werden in den kommenden Wochen Flyer für Arztpraxen und Beratungsstellen drucken lassen, um auf ihr Projekt hinzuweisen.
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