Schicksalsgemeinschaft: Fünf Flüchtlinge unter einem Dach

Von: Peter Stollenwerk
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Schicksalsgemeinschaft in Roetgen: Mohammed Hossein. Spinhgar Kaker und Mirwais Kakar (v.li.) möchten ihr Leben gerne selbst in die Hand nehmen. Foto: P. Stollenwerk

Roetgen. Sie haben sich gefunden, aber nicht gesucht: In Roetgen, in einem Ferienhaus an der Faulenbruchstraße, hat das Schicksal sie zu einer Zweckgemeinschaft zusammengeführt. Fünf Flüchtlinge, zwischen 17 und 50 Jahre alt, leben seit einigen Wochen hier gemeinsam unter einem Dach.

Vier Nationalitäten müssen unter einen Hut gebracht werden, aber angesichts der Not vieler gestrandeter Flüchtlinge, die in Not- und Gemeinschaftsunterkünften leben, ist ihr Wohnplatz in Roetgen eine vergleichsweise gute Adresse, auch wenn niemand weiß, wie lange noch.

Seit knapp einem Jahr lebt Mohammed Hossein (24) in Deutschland. Wie seine Mitbewohner auch, hat er eine anstrengende und gefährliche Reise mit vielen Stationen hinter sich gebracht. Bevor er nach Deutschland kam, war Italien seine letzte Station.

Die Besitzerin des Ferienhauses hatte vor einiger Zeit das Haus der Gemeinde Roetgen als Unterkunft angeboten, und so kamen die neuen Bewohner hier zufällig zusammen. Dazu gehören auch Spinghar Kakar (50) und seine Sohn Mirwais (16), die vor zehn Monaten ihr Heimatland Afghanistan verließen. Die Gruppe wird komplettiert durch Ismael aus Ghana und einen jungen Mann aus Guinea.

Warten auf Gerichtsentscheidung

Die Gruppe kommt gut miteinander aus, und man ist voll des Lobes für das Sozialamt und die auch die Nachbarn, die als Ansprechpartner stets hilfsbereit seien.

Diesem ersten Schritt der Integration folgten weitere. Mohammed besucht einen Deutschkurs in Aachen und beherrscht die Sprache schon erstaunlich gut. „Mein Job ist es im Moment, Deutsch zu lernen“, sagt er lachend. Außerdem absolviert er ein Praktikum in einem Kindergarten in Brand. Er besitzt lediglich eine sogenannte „Aufenthaltsgestattung“, und im Rahmen des Asylverfahrens sollte er per Gerichtsbeschluss eigentlich wieder nach Italien zurückgeschickt werden, aber er legte Widerspruch ein, „und jetzt muss ich einfach auf eine Entscheidung warten“.

In seine Heimat Syrien möchte er nicht zurück, auch wenn es ihm damals sehr schwer gefallen sei, wegen des Bürgerkriegs seine Heimat zu verlassen. In Syrien hatte Mohammed Hossein eigentlich an eine gute Zukunft für sich geglaubt. Er studierte Elektrotechnik, aber an seiner Universität regte sich auch Widerstand gegen das Assad-Regime.

Der 24-Jährige engagierte sich in einer studentischen Organisation, die sich für das friedliche Zusammenleben aller Nationalitäten und Religionen im Land einsetzte. Dieses Projekt aber war dem Staat ein Dorn im Auge. Im Rahmen eines friedlichen Protestes der Studenten wurde Mohammed festgenommen und kam für sechs Wochen ins Gefängnis.

Damit war sein Schicksal im Grunde besiegelt, denn einen weiteren Gefängnisaufenthalt, so war ihm signalisiert worden, werde er nicht überleben. „Ich musste mein Land verlassen, denn ich wollte einfach leben und meine Ziele erreichen,“ erzählt der junge Mann, der bei seiner Flucht ursprünglich das Ziel hatte, zu seinem Bruder in Schweden zu gelangen.

Eigentlich habe ihn die Familie, zu der er regelmäßigen Kontakt per Telefon unterhält, festhalten wollen, aber dann habe ihn sein Vater gehen lassen und sogar finanziell unterstützt, „weil er erkannt hat, dass ich in Syrien keine Zukunft mehr habe“. Jetzt sei er froh, „dass ich in Deutschland in Sicherheit bin“.

Manchmal fühle er sich wie im Traum, sagt der 24-Jährige. Er möchte weiter lernen, arbeiten und eigenes Geld verdienen, aber alles hängt von der Frage ab, wie in seinem Verfahren entschieden wird. „Bis heute existiere ich nicht wirklich in Deutschland“, stellt er nüchtern fest.

Mit seinem Heimatland vollkommen abgeschlossen hat Spinghar Kakar, der nie mehr nach Afghanistan zurück möchte. Über Pakistan, die Ukraine und Dubai landete er gemeinsam mit seinem Sohn schließlich in Frankfurt. Das war vor zehn Monaten.

Spinghar Kakar gehört keiner Religionsgemeinschaft an, was die Position in der islamisch geprägten Gesellschaft Afghanistans für ihn ohnehin schon erschwert.

Eines Tages standen die Taliban vor seiner Tür. Die terroristische Vereinigung drohte ihm damit, seinem Sohn eine Bombe umzubinden. Wegen dessen auffallend heller Hautfarbe sei er ideal dafür geeignet, sich als Selbstmord-Attentäter in die Reihen des amerikanischen Militärs im Land einzuschleichen und einen Anschlag zu verüben.

Ab diesem Moment stand für Vater und Sohn fest, dass ihnen nur noch die Flucht in den Westen bleibt. Noch in der Nacht floh man zu Verwandten an die pakistanische Grenze. In Pakistan opferte der 50-Jährige sein gesamtes erspartes Geld, um für sich und seinen Sohn für zusammen 34.000 US-Dollar auf dem Schwarzmarkt zwei englische Pässe zu kaufen.

Diese teuren Dokumente waren seine Lebensversicherung, und über die Dubai flog er nach Frankfurt. Auch Spinghar Kakar besitzt nur eine „Aufenthaltsgestattung“; sie erhält aber immerhin den Zusatz, dass er beschränkt auf bestimmte Tätigkeiten geringfügig eigenes Geld verdienen darf. Über sein Verfahren ist ebenfalls noch entschieden worden.

Er arbeitet derzeit in der Küche eines indischen Restaurants in Aachen; zusätzlich besucht einmal in der Woche einen Deutsch-Kurs im Himo in Imgenbroich und erweitert seine Sprachkenntnisse mit Hilfe des Internets.

Weil er nun selbst Einnahmen hat, steht ihm keine Sozialhilfe mehr zu, aber für den 50-Jährigen steht im Vordergrund, „dass ich arbeiten und nicht Geld vom Staat kassieren möchte“. Sein Traum ist es, in der Eifel ein indisches Restaurant zu eröffnen.

Sein 17-jähriger Sohn ist ebenfalls auf dem besten Wege der Integration. Nach den Sommerferien wurde Mirwais am Monschauer St.-Michael-Gymnasium angenommen und besucht jetzt die neunte Klasse. „Leider verstehe ich noch nicht soviel Deutsch“, sagt er. Der junge Mann hat bereits klare Vorstellungen von seiner Zukunft und seinen Berufswünschen: Er möchte entweder zur Kriminalpolizei gehen oder Berufsboxer werden. In einem Aachener Boxclub trainiert er bereits fleißig.

Anderen Flüchtlingen geholfen

Sowohl Spinghar Kakar als auch Mohammed Hossein könnten sich ein dauerhaftes Leben in Deutschland gut vorstellen, auch weil sie hier eine offene und tolerante Gesellschaft vorfinden im Gegensatz zu Afghanistan, „wo viele Leute sich dem Koran unterwerfen, obwohl sie seinen Inhalt weder verstehen noch kennen“.

Für Mohammed Hossein ist es eine Selbstverständlichkeit, dass er sich auch sozial engagiert. So hat er beispielsweise bei der Herrichtung einer Flüchtlingsunterkunft im Inda-Gymnasium Kornelimünster Mitte August spontan geholfen, auch als Dolmetscher. Da orientiert er sich ganz an einem syrischem Sprichwort, das sinngemäß besagt, dass diejenigen, die zuerst da waren, den Neuankommenden helfen müssen. Und auch vom strapazierten Begriff der Integration hat er bereits eine klare Vorstellung: „Integration in der Praxis wie beispielsweise spazieren gehen oder sich mit Leuten treffen, ist besser als Vorträge und lange Diskussionen.“

In diesem Sinne hofft er auch, dass das Zusammenleben in der Roetgener Wohngemeinschaft weiterhin so verläuft, wie es der junge Syrer mit einem „typisch deutschen“ Begriff beschreibt: „Ruhig und gemütlich.“

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